ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Auf der Zielgeraden

POLITIK

Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Auf der Zielgeraden

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 247

Bühring, Petra

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Sachverständige forderten bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss zum Gesetzentwurf der Bundesregierung vor allem Nachbesserungen: zu den im Psychotherapiestudium vorgesehenen Praxisanteilen, zu den Übergangsregelungen und zur Finanzierung der ambulanten Weiterbildung.

Psychotherapeuten in Ausbildung machten auch nach der Anhörung vor dem Parlamentsgebäude auf ihre prekäre finanzielle Situation aufmerksam. Foto: PiA Protest-AG
Psychotherapeuten in Ausbildung machten auch nach der Anhörung vor dem Parlamentsgebäude auf ihre prekäre finanzielle Situation aufmerksam. Foto: PiA Protest-AG

Den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung haben Sachverständige bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags überwiegend positiv beurteilt. Die wichtigsten Forderungen zur Nachbesserung betreffen vor allem Übergangsregelungen für die derzeitigen Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Ausbildung beziehungsweise Studierenden sowie die Finanzierung der ambulanten Weiterbildung. Die Meinungen darüber, ob die im Gesetzentwurf vorgesehenen Praxisanteile während des Studiums ausreichend seien oder nicht, gingen indes auseinander.

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„Der Entwurf aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium löst die Probleme der gegenwärtigen Ausbildung der Psychotherapeuten und der bisherige Sonderweg wird aufgehoben. Die staatliche Abschlussprüfung gewährleistet eine hohe Qualität in der Patientenversorgung. Zudem erhalten künftige Psychotherapeuten eine klare berufs- und tarifrechtliche Situation“, erklärte die Einzelsachverständige Prof. Dr. rer. nat. Cornelia Exner, Institut für Psychologie der Universität Leipzig. Regeln müsse der Gesetzgeber jedoch noch die Finanzierung der ambulanten Weiterbildung an den künftigen Weiterbildungsinstituten.

„Wir sind zufrieden mit dem Gesetzentwurf, auch wenn es noch Änderungsbedarf im Detail gibt“, sagte der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), Dr. rer. nat. Dietrich Munz, bei der Anhörung. Er begrüße den Gesetzentwurf unter anderem, „weil die Weichenstellung für die Vergütung der Weiterbildung erfolgt ist und künftige Psychotherapeuten in Weiterbildung im Angestelltenverhältnis mit einem angemessenen Gehalt arbeiten können“. Die konkrete Finanzierung müsse aber noch geregelt werden. Sehr wichtig sei auch der Bestandsschutz für die Ambulanzen der Ausbildungsinstitute durch die im Gesetzentwurf vorgesehene Ermächtigungsregelung.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hatte in ihrem Antrag mit dem Titel „Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zukunftsfest ausgestalten und Finanzierung der ambulanten Weiterbildung sichern“ die Bundesregierung aufgefordert, den Gesetzentwurf um einige Regelungen zu erweitern. So solle unter anderem eine Zusatzfinanzierung der ambulanten Weiterbildung analog zur Förderung der Weiterbildung von Hausärzten gemäß § 75 a Sozialgesetzbuch V vorgesehen werden oder alternativ ein Bundesfonds eingerichtet werden.

Ärzte fordern mehr Praxisanteile

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hatte sich in einer Stellungnahme vor der Anhörung im Gesundheitsausschuss erfreut darüber gezeigt, dass die Bundesregierung auf Kritik der Ärzte reagiert und die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung im Vergleich zum Referentenentwurf verändert hat. Gestrichen wurde beispielsweise der Modellversuchsstudiengang Psychopharmakotherapie. Die Kurskorrektur geht den Ärzten aber nicht weit genug. Bei der Anhörung im Gesundheitsausschuss verdeutlichte Dr. med. Heidrun Gitter, Beauftragte der BÄK für die ärztliche Psychotherapie, dass einiges zurzeit noch schwierig zu beurteilen sei, weil das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium noch keine Approbationsordnung vorgelegt habe. „Wichtig ist, dass vor Erteilung der Approbation ein Praktisches Jahr oder zumindest ein Praxissemester in das Studium integriert wird“, erklärte Gitter. Darüber hinaus sollte die vorgesehene staatliche Abschlussprüfung am Ende des Psychotherapiestudiums nicht nur mündlich erfolgen, sondern auch schriftlich, forderte Gitter. Beide Forderungen vertrat auch Prof. Dr. med. Sabine Herpertz für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Sie sprach sich zudem dafür aus, den Aspekt des interprofessionellen Arbeitens bereits in das Psychotherapiestudium zu integrieren. „Die vernetzte Versorgung ist sehr wichtig für psychisch Kranke – Psychiater und Psychotherapeuten müssen eng zusammenarbeiten.“

Der Einzelsachverständige Dr. phil. Steffen Fliegel, Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung GmbH, forderte ebenso eine Aufstockung der praktischen Ausbildung. Die vorgesehenen Praxisanteile seien für die Erteilung einer Approbation sowie für die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung zu gering.

Die Bündnis-Grünen hatten in ihrem Antrag gefordert, durch eine flexiblere Regelstudiendauer von „mindestens fünf Jahren“ sicherzustellen, dass das Studium auch länger dauern kann, um ausreichende Praxiserfahrungen sammeln zu können. Ebenso hatte die Fraktion Die Linke in ihrem Antrag „Prekäre Bedingungen in der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung sofort beenden und Verfahrensvielfalt im Studium gewährleisten“, gefordert, ein Praxissemester am Ende des Psychotherapiestudiums zur Voraussetzung für die Approbation zu machen.

Dagegen sprach sich bei der Anhörung die Vertreterin der Studierenden der Psychologie, Katharina Janzen, aus: „Wir finden die im Gesetzentwurf vorgesehene Verbindung von Theorie und Praxis sehr gut – ein zusätzliches Praxissemester oder -jahr ist nicht sinnvoll, vor allem, weil durch die fehlende Finanzierung wieder prekäre finanzielle Verhältnisse geschaffen werden könnten.“ Unterstützung fand die Studierende beim Präsidenten der BPtK: „Neben den wissenschaftlichen sind auch die praktischen Erfahrungen in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken bereits in das Studium gut integriert – allein im Masterstudium sind 26 Wochen Berufspraxis vorgesehen, hinzu kommen Praktika im Bachelor“, erklärte Munz.

Für Nachqualifizierungen

Die Studierendenvertreterin forderte zudem bessere Übergangsregelungen für die Jahrgänge, die noch nach altem Recht ihre Ausbildung absolvieren: „Ein Übertritt in das neue System sollte beispielsweise mittels Nachqualifizierungen möglich sein können“, schlug Janzen vor.

Auch Grüne und Linke setzen sich in ihrem Antrag für bessere Übergangsregelungen für die derzeitigen Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) ein. Deren prekäre finanzielle Situation solle beendet sowie Härtefallregelungen eingeführt werden. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht eine Übergangsfrist für Studienanfänger vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes von zwölf Jahren vor.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bemängelt in ihrer Stellungnahme zur Anhörung, dass der Gesetzentwurf konkrete Übergangsregelungen für eine Verbesserung der aktuellen Ausbildungssituation vermissen lasse. „Die Ausbildungsbedingungen insbesondere im Rahmen der praktischen Tätigkeit sollten jetzt adressiert werden, um eine Ungleichbehandlung von Ausbildungsteilnehmern und künftigen Studierenden beziehungsweise Weiterbildungsteilnehmern der verschiedenen Stränge zu vermeiden“, schreibt die KBV.

„Zwei-Klassen-Gesellschaft“

„Zwölf weitere prekäre Jahre sind zu viel“, erklärte Katharina von Bronswyk, Sprecherin des PiA-Politik-Treffens, bei der Anhörung. Bei Ausbildungskosten zwischen 20 000 und 80 000 Euro pro Jahr über drei bis fünf Jahre – zusätzlich zum Lebensunterhalt – könne sich jeder vorstellen, wie schwierig eine Ausbildung zu bewältigen sei. Es dürfe jetzt keine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ zwischen vergüteter und nicht vergüteter Aus- beziehungsweise Weiterbildung entstehen, forderte sie. Unterstützt wurde ihre Forderung durch eine Demonstration von Psychotherapeuten in Ausbildung vor dem Parlamentsgebäude nach der Anhörung.

Das Gesetz zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung befindet sich jetzt auf der Zielgeraden. Es wurde bereits im Bundestag in erster Lesung parlamentarisch beraten. Eine zweite Lesung wird voraussichtlich im Juni stattfinden. Damit wird das Gesetz – wie von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn bereits angekündigt – sehr wahrscheinlich vor der Sommerpause des Bundestags verabschiedet werden. Petra Bühring

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