ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Interview mit Prof. Dr. phil. Ulrike Willutzki, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie: „Die Klienten bringen die Lösung der Probleme meist schon mit“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. phil. Ulrike Willutzki, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie: „Die Klienten bringen die Lösung der Probleme meist schon mit“

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 264

Britten, Uwe

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Obwohl die Ressourcenorientierung als ein wichtiger allgemeiner Wirkfaktor gilt, ist die Gefahr groß, in Psychotherapien allzu sehr an den Defiziten und Problemen des Klienten haften zu bleiben, statt sich von Beginn an auf den Lösungsweg zu machen.

Jede Psychotherapie kommt zuerst einmal über ein persönliches Leiden und durch Defiziterfahrungen des Klienten zustande. Beides muss vom Therapeuten betrachtet und verstanden werden, zuletzt auch für eine Diagnose, gleichzeitig soll der Therapeut allerdings vorrangig die Ressourcen aufspüren – wie geht das eigentlich?

Prof. Dr. phil. Ulrike Willutzki ist Psychotherapeutin und hat die Professur für Klinische Psychologie und Psychiatrie in Witten/ Herdecke inne. Von ihr erschien das Buch „Ressourcenaktivierung in der Psychotherapie“ (zusammen mit Tobias Teismann). Foto: privat
Prof. Dr. phil. Ulrike Willutzki ist Psychotherapeutin und hat die Professur für Klinische Psychologie und Psychiatrie in Witten/ Herdecke inne. Von ihr erschien das Buch „Ressourcenaktivierung in der Psychotherapie“ (zusammen mit Tobias Teismann). Foto: privat
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Ulrike Willutzki: Auch wenn Menschen Schwierigkeiten haben, heißt das ja nicht, dass sie nur noch aus Schwierigkeiten bestehen. Und es bedeutet auch nicht, dass sie nicht die Fähigkeit hätten, mit Schwierigkeiten zurechtzukommen. Sowohl was die Bewältigung in anderen Lebensbereichen als auch in früheren Lebensphasen betrifft, stecken in jedem Menschen viele Fähigkeiten und Fertigkeiten. Da muss man oft therapeutisch gar nichts neu aufbauen, sondern man muss sie reaktivieren. Wir erfinden doch in Psychotherapien Menschen nicht neu – und viele therapeutische Methoden sind gar nicht weit von dem entfernt, was sich die Person selbst schon ausgedacht oder auch schon in besseren Zeiten genutzt hat.

Wie kommen die Ressourcen ins Spiel?

Willutzki: Wir müssen wissen, wovon wir überhaupt reden: „Ressourcen“ bedeutet nicht „positives Denken“. Ressourcen sind Fähigkeiten, die von der Person selbst als hilfreich erlebt werden. Und es geht dabei immer um die Funktion. Wofür ist etwas eine Ressource und in welcher Situation ist sie es? Nehmen wir mal die Geduld. Das ist für uns erst mal ein positiver Begriff. Geduld ist in vielen Situation eine Ressource und hilft uns, an Ziele zu gelangen. Für Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, ist Geduld hingegen ein Problemfaktor. Deshalb ist die Frage danach, wofür man etwas nutzen will, so wichtig. Etwas übertrieben zu verfolgen kann zum Problem werden. Nichts ist immer eine Ressource. Und genauso wenig ist nichts immer ein Problem.

Trägt denn auch die Diagnosen-Zuschreibung zur Ressourcenfindung bei?

Willutzki: Oh, das glaube ich eher nicht – Diagnosen sind dazu da, die Störung mit Krankheitswert zu beschreiben. Gleichzeitig kann man auch Probleme ressourcenorientiert formulieren: Jemand, der Ängste hat, ist vorsichtig; jemand, der impulsiv ist, ist lebendig. Eine solche positive Konnotation oder auch das Reframing von Problemen darf nicht eine Bagatellisierung von Schwierigkeiten bedeuten. Wichtig ist ein „Sowohl-als-auch“. Klienten haben Schwierigkeiten, und ihr Leid muss man auch anerkennen, sonst würden wir ihre Not bagatellisieren. Gleichzeitig – und unabhängig davon – bringen sie aber Möglichkeiten der Bewältigung mit.

So manches Problem resultiert daraus, dass ein Mensch in einer ganz bestimmten und für ihn hinderlich werdenden Haltung zu sich und der Welt steckt. Manchmal bedarf es hier eines generell veränderten Blicks, der dann zur Lösung führt, verbunden oft mit einem Aha-Erlebnis.

Willutzki: Ich glaube nicht, dass erst wir etwas so Grundsätzliches, wie Sie es jetzt andeuten, beim Klienten ermöglichen. Wenn eine Person ein solches Aha-Erlebnis hat, dann nur deshalb, weil das in ihr schon irgendwo schlummerte. Was mir öfter vorzuliegen scheint, ist die Übergeneralisierung einer Haltung. Nehmen wir nur mal ein hohes Leistungsideal. Das führt die Person zu ganz vielen Zielen und macht sie erfolgreich. Wenn man es allerdings überzieht, wird es schädlich, denn irgendwann kann man nicht mehr, und nicht alles ist über Leistung zu erreichen. Man darf eben auch eine Tugend nicht verabsolutieren.

Nun gibt es jedoch Menschen, die eine stark blockierende Haltung mitbringen, eigentlich wollen die sich gar nicht verändern. Da kann man therapeutisch ja auch schon mal „verkümmern“ . . .

Willutzki: Sie beschreiben das nun wieder als eine Opposition. Nehmen wir jemanden, der sehr verbittert wirkt. Natürlich müsste man da auch an der Problemeinsicht arbeiten, das ist keine Frage, gleichzeitig müssen wir aber nach den Ressourcen in anderen Lebensbereichen suchen. Vielleicht gibt es wenigstens eine soziale Beziehung, die positiv ist und als „Ausnahme“ hilfreich fungieren kann. Vielleicht gibt es eine Leidenschaft für ein Hobby. Oder so jemand spielt leidenschaftlich ein Musikinstrument, dann hat diese Person nicht nur besondere Fähigkeiten, sondern sie muss auch über viel Frustrationstoleranz verfügen, zum Beispiel beim Einüben eines neuen Stückes. Solche Bereiche sind dann Quellen von Freude, von Entspannung und vielleicht von sozialen Kontakten.

Über die Aktivierung solcher Erfahrungen gelingt es womöglich, therapeutisch eine gewisse Weichheit oder auch Freundlichkeit und Offenheit gegenüber der Welt zu erreichen. Man könnte also schauen, wie diese Person in diesem Bereich konstruktiv mit Frustrationen umgeht. Darin liegen dann Stärken, die sich vielleicht transferieren lassen. Zu Beginn müssen wir aber sicherlich Verständnis dafür entwickeln, warum jemand an so einem Punkt in seinem oder ihrem Leben angekommen ist.

Nun gibt es dennoch Problembewältigungsstrategien, die therapeutisch beinahe aussichtslos wirken.

Willutzki: Gibt es, ja. So etwas ist meistens aus Verletzungen entstanden, es handelt sich dabei nicht um „Eigensinn im Vakuum“. Auch da müssen wir erst einmal Verständnis entwickeln. Und wir müssen vielleicht sogar konstatieren, dass es sehr tragisch ist, wenn sich jemand im Verlauf seines Lebens so eingegraben hat. Gerade da muss man dann in kleinen Schritten nach den Ressourcen suchen.

Nach „Ausnahmen“. Gibt es Suchstrategien nach Ausnahmen?

Willutzki: Das ist nicht immer einfach. Es erfordert auch eine gute Beziehung, Verständnis für das Leid der Person und ein gutes Timing. Wo steht jemand im Moment? Gehen wir zu schnell auf Veränderung, kann das respektlos dem Leid gegenüber wirken und auch sein. Wenn ich einen ausgeprägten Glauben an die Möglichkeiten der Person habe und klar im Kopf behalte, dass ich auf die Optionen der Person hin orientiert bin, darf ich nicht „technisch“ oder als „Tool“ ohne Berücksichtigung des Kontextes nach Ausnahmen suchen.

Manchmal frage ich nicht danach, wann etwas denn gut ist, sondern wann es weniger schlimm ist. Im Anschluss kann ich vielleicht fragen, wie sich die Person in der weniger schlimmen Situation fühlt, wie ihr Vorgehen ist. „Würde es sich für Sie lohnen, wenn Sie hiervon etwas mehr machen würden?“ Es funktioniert ja nicht jede Ausnahme schon deshalb, weil sie eine Ausnahme ist. Sie ist gebunden an bestimmte Kontextbedingungen, die wir manchmal nicht gut kennen. Möglicherweise haben wir auch nicht die relevanten Aspekte identifiziert: Arbeit mit Ausnahmen hat immer experimentellen Charakter. Wenn wir diese Haltung vermitteln können, können unsere Klientinnen und Klienten geradezu Spaß daran entwickeln, Neues auszuprobieren.

In Psychotherapien geht es ganz besonders um Veränderungen, es gibt aber auch positive Nichtveränderung, zum Beispiel hilfreiche Routinen, die vielleicht auf den ersten Blick wie allzu eingefahrene Verhaltensmuster wirken.

Willutzki: Jemand mag ja Probleme haben, aber er geht zur Arbeit, hat seinen Haushalt in Schuss oder hält verlässlich Kontakt zu anderen Menschen – das mögen vielleicht alles hochautomatisierte Verhaltensweisen sein, aber es steckt Planung und Selbstorganisation darin. Nehmen wir jemanden, der lange gebraucht hat, um ein Ziel zu erreichen. Diese Person hat Ausdauer, nimmt Rückschläge nicht persönlich und behält doch das Ziel im Auge. Dahinter verbergen sich Routinen, die sich – so sie denn günstig sind – besonders dadurch auszeichnen, dass sie leicht abgerufen und nicht schnell gestört werden können. Es ist ein bisschen so wie beim Autofahren: Ist das automatisiert, wird der Kopf frei für zusätzliches und anderes. Wenn man übertrieben an den Routinen festhält, macht man in einer neuen Situation auch etwas, was nicht so gut passt oder sogar gefährlich ist.

Festigt Ressourcenorientierung auch ganz besonders die therapeutische Beziehung?

Willutzki: Ja, weil wir Menschen uns wohler fühlen, wenn andere uns positiv sehen, denn dann sind wir nicht so angespannt, fühlen uns nicht so schnell angegriffen. Wir freuen uns, eine solche Person zu sehen und wenn sie etwas Nettes zu uns sagt. Und: Wir sind auch eher bereit, kritische Einwände zu bedenken, uns zum Ausprobieren von Neuem anregen zu lassen. Das sind therapeutische Ergebnisse, wenn man die Ressourcenseite aktiv anerkennend im Therapieprozess berücksichtigt.

Was tun Sie, wenn Sie in einer Therapie schon mal so richtig mutlos werden?

Willutzki: Für mich ist es schwierig, wenn jemand in einer sehr negativen Sicht steckt und auch sozusagen darin sitzen bleibt. Eine therapeutische Mutlosigkeit hat aber immer etwas damit zu tun, dass ich als Therapeutin mehr will als der Klient. Ich muss also herausfinden, ob es sinnvoll ist, mit dieser negativen Haltung erst einmal mitzugehen, sie zu akzeptieren. Vielleicht entsteht gerade aus diesem Mitgehen etwas, was wieder den Weg hinaus zeigt. Man kann ja über ein solches Feststecken auch sprechen. Veränderung ist dann eben nicht dran. Was uns auf gar keinen Fall passieren darf, ist, dass wir diese Personen dafür auch noch „bestrafen“, dass sie im Moment keine Perspektive sieht.

Das Interview führte Uwe Britten

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