ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Kindesmissbrauch: Macht als Ursache

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Kindesmissbrauch: Macht als Ursache

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 266

Dothagen, Michael

Sexueller Missbrauch von Kindern muss nach wie vor im Fokus von Politik und Gesellschaft stehen (Heft 4/2019: „Weiter wirksam bekämpfen“ von Petra Bühring).
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Beschrieben werden in dem Beitrag unter anderem die Vorkommnisse auf dem Campingplatz im westfälischen Lügde als „ein Fall“. Aber: Ist dies tatsächlich nur ein Fall? Aus dem Polizeirevier sind Beweise verschwunden … Als Gründe für den genannten „Fall“ vermutet die Autorin „genügend kriminelle Energie, Inkompetenz oder Gleichgültigkeit“, kein Wort über Macht als Ursache. Ist das schichtspezifisch? Vermutlich ist sie so aufgewachsen, dass sie sich Gewalt in der Kindheit nur theoretisch vorstellen kann. (Randbemerkung: Mir ist es in der ambulanten Praxis wiederholt begegnet, dass Patienten krasse und reale Erfahrungen berichteten und erzählten, Vor-Therapeuten und Klinikmitarbeiter hätten ihnen das nicht geglaubt, es als blühende Fantasie der Patienten abgetan ...).

Zurück zum „Fall“: Wenn dort die Behördenarbeit vereitelt wird, hat offensichtlich jemand Höhergestelltes ein Interesse an der Vertuschung. Seit der Geschichte um Marc Dutroux müsste eigentlich bekannt sein, wie weit diese Kreise gehen, Zitat: „Den zahlreichen Hinweisen, Dutroux arbeite für einen Kinderhändlerring und ,versorgeʻ auch Prominente mit Mädchen, wurde nie ernsthaft nachgegangen. Während des Gerichtsverfahrens kamen 27 Zeugen unter bisweilen mysteriösen Umständen ums Leben – ein unglaublicher ,Zufallʻ, den der TV-Journalist Piet Eekman dokumentierte“ (1). Der zugehörige Film von Eekman steht bis heute im Internet zur Verfügung: „Marc Dutroux und die toten Zeugen, (Doku), Handlanger der Elite“, (2). Ich weise darauf hin, dass dies eine ZDF-Reportage ist, also keine Internet-Verschwörungstheoretiker am Werk, aber: Wer will das wissen? Es müssen offenbar regelmäßig (bis heute) nicht nur Prominente, sondern – wie der Tatort „Abschaum“ seinerzeit nahelegte, hochgestellte, mächtige Menschen auch in Deutschland mit Kindern und/oder Kinderpornografie versorgt werden.

Die Lösung des ganzen Problems ist für die Autorin aber Gott sei Dank gegeben: „... dauerhaften Einrichtung des Amtes des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauchs“ ... „Rörig ... hat mit seinem Team kompetent und themensensibel getan, was ihm ... möglich war.“ Auch dazu könnte man eher Kritisches anmerken: Zunächst einmal hat Herr Rörig Jahre gebraucht, um erstmal selbst das Thema „Missbrauch“ zu verstehen. Es taucht des Weiteren bei einer „Dunkelziffer“ der WHO „von einer Million betroffener Mädchen und Jungen“ und einem Verhältnis von 4:1 natürlich die Frage auf, warum ein Mann diese Behörde leiten muss, und ansonsten nur! Frauen dort arbeiten. Würde man zum Beispiel einen Bundesschwulenverband der Bundesregierung von einem Hetero-Mann leiten lassen? Wie sieht es da selbstreflexiv mit den Machtverhältnissen aus? Aber wichtiger: Bevor Herr Rörig so große Kampagnen fährt, sollte die Bundesregierung mal eher Beratungsstellen vor Ort bereithalten beziehungsweise so ausstatten, dass die von Rörigs Kampagnen angesprochenen Betroffenen auch irgendwo hingehen können. Stattdessen passierte unter anderem Folgendes: Herr Rörig kam zum 20. Jahrestag der Gründung von Tauwetter e.V., Berlin und konnte mir und den anderen im Podium nur sagen: „Ich komme mit leeren Händen“... Geld für das Projekt, für Räume, Weiterqualifizierung der Mitarbeiter und so weiter: Fehlanzeige. Des Weiteren ist diese Behörde offenbar eher langsam, das Thema digitale Medien und die damit ausgeübte Gewalt (siehe Campingplatzfall) ist bisher zum Beispiel kaum beachtet worden. Und: Fragen Sie mal dort nach, welche internen Schutzkonzepte diese Behörde selbst hat, sollte es dort zum Beispiel dazu kommen, dass jemand sexualisierte Gewalt gegen eine Mitarbeiterin oder Teilnehmer der angegliederten Gremien (Beratungskommission/Aufarbeitungskommission) ausübt: Fehlanzeige: Man würde so wie die Kirche reagieren: Nach außen abschotten/vertuschen. (...)

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Literatur beim Verfasser

Michael Dothagen, 12165 Berlin

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