ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Slavoj Žižek: Hegelsche Lesart der Psychoanalyse

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Slavoj Žižek: Hegelsche Lesart der Psychoanalyse

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 275

Egloff, Götz

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Während die Psychoanalyse Slavoj Žižeks in den Geistes- und Sozialwissenschaften enormen Einfluss hat, tut sich die deutschsprachige klinische Psychologie bislang mit ihr schwer – war sie doch beschäftigt, sich erst einmal als Naturwissenschaft zu positionieren. Gleichzeitig haben sich zunehmend US-amerikanische Analytiker zusammengefunden, die die Žižeksche Trias Freud-Lacan-Hegel unter die Lupe nehmen und deren klinische Relevanz bearbeiten. Der in Los Angeles praktizierende Psychotherapeut Eliot Rosenstock hat nun einen kleinen englischsprachigen Band vorgelegt, der, orientiert an dieser Entwicklung und reich an Ideen und Erfahrung, auf Therapieziele abstellt, die jenseits von Copingstrategien oder Management liegen.

Der Autor erklärt pragmatisch und gut illustrierend zentrale Überlegungen der Žižekschen Psychoanalyse, etwa die hegelsche Aufhebung oder auch die Inversion des Begehrens. Eine zentrale Unterscheidung ist jene von Ego und Subjekt; denn in der Praxis stellt sich die Frage: wenn der Patient – das therapeutische Subjekt – spricht, welche Instanz spricht da aus ihm? Haben wir es mit dem imaginären, primärprozesshaften Wissen des Ichs zu tun, oder mit dem symbolischen, sekundärprozesshaften Wissen des Subjekts? Mit Vorstellungen eines befreiten Subjekts oder einer gar unproblematischen Proto-Identität räumt der Autor unverblümt auf. Denn die Aufhebung etwa, die das Subjekt der es umgebenden Gesellschaft, den Eltern, den Institutionen, nicht entnehmen kann und damit nicht ins Ich aufnimmt, prädisponiert insbesondere im Rahmen der Auflösung verbindlicher symbolischer Bezugspunkte bereits zu psychischen Störungen. Und hiernach richtet sich immerhin auch die therapeutische Richtung, die zum Beispiel auf die Inversion des Begehrens als therapeutisches Ziel hinauslaufen kann.

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Žižeks hegelsche Lesart der Psychoanalyse ist äußerst fruchtbar, zumal die nahezu sprichwörtliche therapeutische Neigung zum Herauslösen des Psychischen aus der materiellen Realität als hoch problematisch erscheint. Rosenstock wählt ein hübsches Beispiel, wenn er auf die Psychodynamik der Fernsehwerbung hinweist; sie meint nicht etwa: „Du! Kauf dieses Auto!“, sondern vor allem: „Du! Du wirst ein dermaßen gutes Gefühl haben, wenn Du dieses Auto fährst!“ – Wie soll dagegen anzukommen sein? Der Untertitel des kleinen englischsprachigen Bandes meint also genau das, was er etwas vollmundig beansprucht. Gerade weil der Autor, wie er selbst schreibt, unorthodox psychodynamisch arbeitet, doch sich mit Žižek intensiv auseinandergesetzt hat, ist ein ganz einzigartiger Band entstanden. Wer des Englischen mächtig ist, wird von diesem schmalen und günstigen Band profitieren. Götz Egloff

Eliot Rosenstock: Žižek in the Clinic – A Revolutionary Proposal for a New Endgame in Psychotherapy. Zero Books/John Hunt Publ., Alresford 2019, 120 Seiten, 12,00 Euro

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