ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Komplextheorie: Künstlich erscheinende Theoreme

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Komplextheorie: Künstlich erscheinende Theoreme

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 276

Mackenthun, Gerald

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Carl Gustav Jung baute seine Analytische Theorie zentral auf „Komplexen“ und „Archetypen“ auf. Diese überwiegend unbewussten, gefühlsbetonten „Vorstellungskomplexe“ beeinflussen das Gedächtnis der Menschen negativ, konstellieren Verhalten und führen zu psychischen Störungen. Gustav Bovensiepen, jungianischer Psychoanalytiker, hat sich vorgenommen, das Komplex-Konzept von Jung zu revidieren und für eine zeitgemäße therapeutische Arbeit anwendbar zu halten. Einen größeren Teil des Buches nehmen Fallvignetten der Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein, anhand derer der Autor seine Anschauung zu erläutern sucht.

Die Neuerung Bovensiepens gegenüber Jung besteht in der Anschauung, dass Vorstellungsinhalte samt verknüpften Gefühlen nicht per se pathologisch sind. Die affektgeladenen, verinnerlichten frühkindlichen Erfahrungen können unterschiedlichste Qualitäten haben, auch die für eine gesunde oder unauffällige Entwicklung, während sie für Jung und beispielsweise noch für die einflussreiche Jungianerin Verena Kast dysfunktional bleiben. Damit verabschiedet sich Bovensiepen von der Vorstellung Jungs, dass sich Komplexinhalte an genetisch vorgegebene Archetypen anlagern, und anerkennt die Ergebnisse der neurobiologischen Forschung. Ferner plädiert er dafür, die Komplexinhalte prozessorientiert und dynamisch anzuwenden.

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Die dynamischen Psychologien haben für die Inhalte des impliziten Gedächtnisses mannigfach Begriffe gefunden: Aus der Perspektive der kognitiven Therapie wären sie kognitive Schemata, in der Bindungstheorie können sie als innere Arbeitsmodelle aufgefasst werden, in der Tiefenpsychologie firmieren sie unter Abwehrmechanismen, in der Lerntheorie werden sie Algorithmen genannt und in der Objektbeziehungspsychologie „innere Objekte“. Es stellt sich damit die Frage, ob der Begriff des Komplexes überhaupt noch benötigt wird.

Das Buch scheint nur für den engeren Kreis der in der jungianischen Analytischen Psychologie Ausgebildeten bedeutsam zu sein. Ein breiteres Publikum wird sich kaum angesprochen fühlen, zu künstlich erscheinen die zugrunde gelegten Theoreme. Bei der Lektüre entsteht kein konsistentes Bild vom Komplex-Begriff. Gerald Mackenthun

Gustav Bovensiepen: Die Komplextheorie. Ihre Weiterentwicklungen und Anwendungen in der Psychotherapie. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2019, 150 Seiten, kartoniert, 28,00 Euro

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