ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Verhaltenstherapie: Geschichtlich, kontrovers und kurzweilig

BÜCHER

Verhaltenstherapie: Geschichtlich, kontrovers und kurzweilig

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 276

Broda, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Es ist zu begrüßen, wenn ein profunder Kenner und Begleiter der Verhaltenstherapie der letzten Jahrzehnte seine Sicht der unterschiedlichen Strömungen und Kontroversen differenziert und mit viel Insider-Wissen ausgestattet vorstellt. Er verweist dabei darauf, dass es zu den Hauptmerkmalen dieser Therapierichtung gehört, dass anders als in anderen Grundorientierungen nicht ein/e Gründungsvater oder -mutter ausfindig gemacht werden kann, sondern sich die Therapie in den Köpfen und Handlungsversuchen vieler Menschen entwickelt hat, die zum Teil unabhängig voneinander, oder in heftiger Kontroverse die damals psychodynamisch dominierte Therapielandschaft herausforderten. So werden in einem breiten historischen Teil (nach einer Schilderung von Goethes Aufenthalt in Straßburg) die persönlichen und wissenschaftlichen Hintergründe von Skinner, Watson und Eysenck dargestellt, bevor auf Ellis als Vertreter der rational-emotiven und Meichenbaum als Vertreter der kognitiven Verhaltenstherapie (VT) eingegangen wird. Ebenfalls erwähnt werden die Kontroversen über standardisiertes versus individualisiertes Vorgehen sowie die Verfahren der sogenannten dritten Welle. Es schließen sich Kapitel über Humor und Traumarbeit an, das Buch wird abgerundet mit einem Plädoyer für eine Öffnung zu EMDR und energetischen Klopfmethoden. Der Band ist kurzweilig und ist für Verhaltenstherapeuten voll von neuen Aspekten, die auch für Vertreter anderer Grundorientierungen zu einer Ausdifferenzierung des Bildes der Verhaltenstherapie beitragen können.

Beim Lesen wird aber auch deutlich, dass das Buch teilweise aus früher schon publizierten Arbeiten des Autors besteht, die die Frage aufwerfen, wieso ein Vertreter wie Fred Kanfer, der die deutsche VT sicherlich nachhaltig geprägt hat, oder andere deutschsprachige Verhaltenstherapeuten kaum Erwähnung finden. Auch ist für Leser schwer nachvollziehbar, wieso gerade die Arbeit mit Humor oder mit Träumen in eigenen Kapiteln gewürdigt wird. Dass der Autor im letzten Kapitel eine Öffnung der VT in Richtung einer energetischen Psychotherapie favorisiert, kann letztendlich nur schwer mit einem geschichtlichen Streifzug in Einklang gebracht werden und setzt fast ein kleines Fragezeichen an die im ersten Teil dargestellten Bemühungen der Gründer um eine empirisch/wissenschaftliche Absicherung dieser Therapierichtung.

Anzeige

Insgesamt ist das Buch lesenswert für alle, die eine profunde Darstellung der Ursprünge der VT suchen und sich auf manche kontroverse Gedanken einlassen wollen. Michael Broda

Christof T. Eschenröder: Streifzüge durch die Geschichte der Verhaltenstherapie. dgvt-Verlag, Tübingen 2019, 248 Seiten, gebunden 18,00 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema