ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2019Literarische Orte: El Greco am Bober

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Literarische Orte: El Greco am Bober

PP 18, Ausgabe Juni 2019, Seite 278

Jachertz, Norbert

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Beim Dorfpfarrer von Lomnitz sieht Stefan Andres in einer Zeitschrift die Reproduktion eines berühmten El-Greco-Bildes. Sie regt ihn zu einer „Inquisitionsnovelle“ an, mit der er seinen erzählerischen Durchbruch schaffte.

Wettstreit um den schönsten Landsitz: Schloss Lomnitz im Hirschberger Tal zu Füßen des Riesengebirges. Foto: picture alliance
Wettstreit um den schönsten Landsitz: Schloss Lomnitz im Hirschberger Tal zu Füßen des Riesengebirges. Foto: picture alliance

Der preußische Adel leistete sich zu seinen glorreichen Zeiten einen wahren Wettstreit um den schönsten Landsitz im Hirschberger Tal. Preußens Gloria schwand zwar dahin, Hirschberg, zu Füßen des Riesengebirges, wurde polnisch und heißt heute Jelenia Góra, das Riesengebirge Karkonosze. Doch die Gegend ist nach wie vor mit Schlössern reich bestückt.

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Auf der Suche nach einer Unterkunft landen wir im sauber restaurierten Palac Lomnica. Vor Schloss Lomnitz fällt ein merkwürdiges Denkmal auf, ein mannshohes Lesepult, aufgeschlagen darauf zwei Buchseiten, alles in Bronze. Auf Deutsch und Polnisch erinnern sie an den Dichter Stefan Andres (1906–1970) und dessen Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“. Sie sei in Lomnitz entstanden, seine Frau hier geboren. Doch wer kennt noch Andres?

„Wie schnell ist ein ausgezeichneter Name unter den Menschen vergessen,“ sinniert die Bischofswitwe Prisca in Stefan Andres letztem Roman „Die Versuchung des Synesios“. Der Satz könnte auch auf den Dichter selbst zutreffen. Schon als der „Synesios“ 1971 postum erschien, war sein Ruhm verblasst. Das Buch „stand quer zu den Moden seiner Zeit,“ erklärt sein Biograf Michael Braun.

Verschlüsselte Botschaften

Das gilt auch sonst für Andres. Im Dritten Reich schätzten die Leser aber gerade das und lasen aus An-dres Texten verschlüsselte Botschaften heraus. Das Regime ließ gleichwohl manches passieren, so auch den „Großinquisitor“. Andres Frau war eine sogenannte Halbjüdin; ihm wurde angelastet, dass er zu ihr hielt. So verließ er mit Frau und Kindern schließlich Deutschland und ging ins „Halb-Exil“ nach Süditalien. Von 1937 an lebte die Familie unter prekären Verhältnissen in Positano. Nach dem „Zusammenbruch“ avancierte Andres zwar zeitweise zum Bestsellerautor, eben weil er im Wirtschaftswunderdeutschland so schön quer zu den Moden stand, zum Mainstream zählte er jedenfalls nie. Dank seiner eigenen, gebrochenen Biografie wusste Stefan Andres, was es heißt, sich in unsicheren Zeiten behaupten zu müssen – mit Anstand, aber auch mit Kompromissen.

Mit der Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“ schaffte er seinen erzählerischen Durchbruch. Sie entstand 1935 in einer für Andres und seine Frau Dorothee geb. Freudiger kritischen Lebensphase. Der Reichssender Köln hatte auf An-dres Mitarbeit „verzichtet“, weil er für seine Frau keinen Ariernachweis vorlegen konnte. Das junge mittellose Paar flüchtete sich samt Töchterlein ins schlesische Lomnitz zu Dorothees Eltern. Vater Freudiger war Fabrikant. Man produzierte Kleiderbügel. Dem jungen Dichter wurde der „Salon“ als Arbeitszimmer überlassen und „Andres arbeitete intensiv“, erinnert sich Jahrzehnte später Dorothee Andres, er „hatte sich mit dem Nachfolger meines geschätzten, aber bereits pensionierten Pfarrers angefreundet, der mehrere Zeitschriften abonniert hatte“. In einer entdeckte Andres eine Reproduktion des Porträts des Kardinals Fernando Niño de Guevara, der für kurze Zeit als Großinquisitor in Sevilla amtierte. Das Original stammt von dem griechisch-spanischen Maler Domínikos Theotokópoulos, besser bekannt als El Greco (1541–1614). „An diesem entzündete sich Andres Phantasie,“ beobachtete Dorothee.

Porträt des Kardinals: In Stefan Andres Novelle enthüllt der Maler El Greco „was im Verborgenen ist“. Foto: picture alliance
Porträt des Kardinals: In Stefan Andres Novelle enthüllt der Maler El Greco „was im Verborgenen ist“. Foto: picture alliance

Die Kryptenaugen des Kardinals

Andres, der selbst passabel malte, „schrieb mit den Augen des Malers,“ urteilt Michael Braun. Auch vor dem Leser entsteht so das Porträt: Der sitzende Kirchenfürst in Purpur und Weiß, das Birett leicht aus der Stirn geschoben, um so die Augen hinter der schwarz gerahmten Brille hervortreten zu lassen. Die Brille des Kardinals, die an sich ein für die Zeit hochmodernes Gerät ist, hat es Andres besonders angetan. Dahinter ahnt er „Kryptenaugen“ und „wo sie im Dunkel seines Hauptes und seiner Welt münden, wissen wir nicht.“

Andres, die Zeitschrift des Lomnitzer Pfarrers vor Augen, erzählt in recht freier Fantasie, wie El Greco den unerwarteten Auftrag bewältigt, den Großinquisitor zu malen. El Greco, der sich anfangs furchtsam ans Werk gemacht hatte, agiert zunehmend selbstbewusster, er fühlt sich „der Wahrhaftigkeit“ verpflichtet und „enthüllt“ wie der Blitz über Toledo, „was im Verborgenen ist“. Das ist nicht ohne Risiko. „Ich habe sein Gesicht erkannt“, erzählt El Greco seinem Freund, dem Arzt Cazalla. Doch seltsam, wundert sich der Maler, der Großinquisitor sei dafür dankbar. Dieser Doktor Cazalla ist die Hauptfigur einer Parallelhandlung. Als der Kardinal während der Porträtsitzungen eine Gallenkolik erleidet, wird Greco genötigt, Cazalla zu rufen. Der Arzt sträubt sich, denn der Großinquisitor hat seinen, Cazallas, Bruder auf dem Gewissen: Dieser starb auf dem Scheiterhaufen der Inquisition.

Stefan Andres: Zum Mainstream gehörte der Schriftsteller nie. Foto: picture alliance
Stefan Andres: Zum Mainstream gehörte der Schriftsteller nie. Foto: picture alliance

Doch Cazalla ist Arzt, er folgt seinem ärztlichen Auftrag und behandelt den Kardinal nach den Regeln seiner Kunst. Nur kurz kommt ihm der Gedanke, er könne seinen Bruder rächen und den Großinquisitor vergiften. So wie Cazalla seinem Arztberuf nachkommt, so auch El Greco seinem als Porträtist: Er malt was er erkennt. Und der Großinquisitor selbst? Auch er handelt nach den ihm auferlegten Regeln. Der Kardinal weiß durchaus, wie grausam die Inquisition wütet, aber er hält sie für heilsnotwendig. Den inneren Zwiespalt, der ihn traurig macht, den er aber nicht überbrücken kann, hat El Greco „nach der Wahrheit“ enthüllt. „Er ist ein Heiliger um seiner Schwermut willen, ein trauriger Heiliger, ein heiliger Henker!“ So Grecos verstörendes Fazit.

Das dürfte Andres eigenem Glauben an eine paradoxe Ordnung der Welt entsprochen haben. Denn „ihn faszinierte der Gedanke“, so Biograf Braun, „dass Licht und Dunkel, Erlösung und Sünde insgeheim zusammenhängen“. Das ist letztlich ein religiöser Gedanke, zeitlos und aktuell. Die „Inquisitionsnovelle“ kann zwar auch als Botschaft aus dem inneren Widerstand gewertet werden (eine verbreitete These, die auch Dorothee Andres vertritt). Doch muss bei Stefan An-dres stets der theologische Gehalt mit bedacht werden (wie es die ausgewiesene Andres-Kennerin Sieghild von Blumenthal empfiehlt). Andres, der an sich lebensfrohe Mensch, rang zeitlebens mit seinem Glauben und tat sich schwer mit der organisierten (katholischen) Kirche, mit den Machtspielen der römischen Kurie, mit der Anpasserei in der NS-Zeit. Wenn im „Großinquisitor“ eine geheime Botschaft steckt, dann am ehesten eine Kritik an der Kirchenpolitik der Jahre nach 1933.

Eine wenig spektakuläre Gegend

In Lomnica folgen wir der Dorfstraße, der Karkonoska. Sie zieht sich über Kilometer entlang dem Dorfbach, der gleichfalls Lomnica heißt und kurz vor dem Schloss in den Bober mündet. Ein flaches Tal, auf der Anhöhe die Dorfkirche und das bewusste Pfarrhaus. Eine wenig spektakuläre Gegend. Nach sechs Monaten hielt es die Andres dort nicht länger, im August 1935 zogen sie via München in ihr Exil. Norbert Jachertz

1.
Stefan Andres: El Greco malt den Großinquisitor, Leipzig 1936, z. Zt. lieferbar in: „Wir sind Utopia. Prosa aus den Jahren 1933–1945“, Göttingen (Wallstein), 2010.
2.
ders.: Die Versuchung des Synesios, München 1971 (zuletzt aufgelegt 2013 bei Wallstein, herausgegeben von Sieghild von Blumenthal und Doris Weirich).
3.
Dorothee Andres: Carpe diem. Mein Leben mit Stefan Andres. Bonn (Bouvier) 2009.
4.
Michael Braun: Stefan Andres. Leben und Werk. Bonn (Bouvier) 1997.
1.Stefan Andres: El Greco malt den Großinquisitor, Leipzig 1936, z. Zt. lieferbar in: „Wir sind Utopia. Prosa aus den Jahren 1933–1945“, Göttingen (Wallstein), 2010.
2.ders.: Die Versuchung des Synesios, München 1971 (zuletzt aufgelegt 2013 bei Wallstein, herausgegeben von Sieghild von Blumenthal und Doris Weirich).
3.Dorothee Andres: Carpe diem. Mein Leben mit Stefan Andres. Bonn (Bouvier) 2009.
4.Michael Braun: Stefan Andres. Leben und Werk. Bonn (Bouvier) 1997.

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