ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2019Spahn/Montgomery: Digitalisierungswahn
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In diesem Interview wird deutlich, wie die „smarte Diktatur“ (Harald Welzer) unser Gesundheitswesen fundamental verändert. Jens Spahn redet Klartext und macht deutlich, dass er autoritäre Lösungen zur Durchsetzung seiner ehrgeizigen Ziele bevorzugt. Kolleginnen und Kollegen, die den Digitalisierungswahn kritisch diskutieren und berechtigte Vorbehalte gegen die herrschende Datensammelwut anmelden, werden als „Verweigerer“ diffamiert und müssen bestraft werden. Sein Denkfehler beginnt bereits mit der Annahme, dass die Einführung der Telematikinfrastruktur mit elektronischer Patientenakte oder gar der Zugriff auf Gesundheitsdaten per Smartphone die medizinische Versorgung der 72 Millionen gesetzlich Versicherten automatisch verbessern würde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er sich mit den wirklich kritischen Fragen zu den Themen Datensicherheit, über die Sinnhaftigkeit von „Big Data“ im Gesundheitswesen und über die Profitinteressen verschiedener Akteure wie IT-Unternehmen, Pharmaindustrie und Versicherungen, nicht ernsthaft auseinandersetzt. Die Probleme, die für viele gesetzlich Versicherte täglich spürbar sind, wie zum Beispiel der Pflegenotstand in den Kliniken, der Sparzwang zulasten von Patienten und Mitarbeitern und überhaupt die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens, werden durch die IT bestimmt nicht gelöst. Natürlich gibt es unbestritten viele sinnvolle und nützliche technische Fortschritte und neue digitale Anwendungen in der Medizin. Doch die politischen und gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen durch die mit großer Macht vorangetriebene Digitalisierung der Medizin können ohne Berücksichtigung der gleichzeitig rasant zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssektors nicht kritisch eingeordnet werden. Spahn behandelt die medizinische Behandlung wie die industrielle Produktion von Gesundheit. In seiner schönen, neuen Welt werden aus Patientinnen und Patienten schließlich Kundinnen und Kunden oder Gesundheitskonsumenten, die täglich neue Gesundheits-Apps und Überwachungssoftware auf ihr Smartphone geschickt bekommen. ...

Hermann Roth (Arzt), 60439 Frankfurt

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