ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2019HIV-Präexpositionsprophylaxe: Die Prävalenzen für andere sexuell übertragbare Erkrankungen steigen an

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

HIV-Präexpositionsprophylaxe: Die Prävalenzen für andere sexuell übertragbare Erkrankungen steigen an

Dtsch Arztebl 2019; 116(23-24): A-1184 / B-980 / C-968

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: fotofabrika/stock.adobe.com
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Die orale HIV-Präexpositionsprophyzierte Risikopersonen ist einer von mehreren Wegen, der Ausbreitung von HIV entgegenzuwirken, und wird bald von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland finanziert werden. Die Kombination Emtricitabin/Tenofovirdiproxil schützt, regelmäßig eingenommen, zu mindestens 90 % vor HIV, nicht aber vor anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen. Bei PrEP hatten frühere Analysen aus großen australischen Kohorten ergeben, dass die Anwendung von Kondomen seltener wird. Die Frage einer neuen Studie war deshalb, ob sich die Rate anderer sexuell übertragbarer Krankheiten nach Beginn der PrEP erhöht (1).

Analysiert wurden Daten eines Netzwerks aus HIV-Schwerpunktpraxen und -ambulanzen zur Surveillance sexuell übertragbarer Erkrankungen (STI) im australischen Bundesstaat Victoria (ACCESS). 4 275 männliche Teilnehmer erhielten eine HIV-PrEP (Emtricitabin/Tenofovir). Sie wurden mindestens einmal pro Quartal klinisch untersucht und auf HIV und andere STI getestet. Von 2 892 Teilnehmern lagen komplette Daten vor, von 1 378 auch aus der Zeit vor PrEP

Bei einem durchschnittlichen Follow-up von 13,2 Monaten wurden 2 928 STI bei 1 427 Teilnehmern festgestellt (48 % der Gesamtgruppe). Es gab 1 434 Chlamydieninfektionen, 1 242 Gonorrhoen und 252 Syphilis-Erkrankungen. Auf 25 % der Teilnehmer entfielen 76 % der STI-Infektionen. Risikofaktoren waren jüngeres Alter, eine höhere Anzahl an Geschlechtspartnern, Gruppensex und kein Kondomgebrauch. Nach Adjustierung der Daten für die Testhäufigkeit hatte das Risiko für eine STI in der Gesamtgruppe um 12 % zugenommen und in der Gruppe, bei der ein Vergleich ein Jahr vor und nach Beginn der PrEP-Nutzung möglich war, um 21 %. Für Chlamydien zum Beispiel betrug die Risikoerhöhung 38 % und für Gonorrhoe 11 %. Das Risiko für Syphilis hatte leicht abgenommen (–7 %).

Fazit: Bei Männern, die homo- oder bisexuelle Kontakte haben und Medikamente zur HIV-Präexpositionsprophylaxe einnehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich mit sexuell übertragbaren bakteriellen Erkrankungen zu infizieren. In der australischen Studie galt dies vor allem für Neisseria gonorrhoeae und Chlamydien. Auch Daten der deutschlandweiten MSM-Screening-Studie weisen auf höhere STI-Prävalenzen unter PrEP-Anwendern hin (2). Von insgesamt 2 303 Studienteilnehmern (Männer, die Sex mit Männern haben; MSM) waren 49,5 % (n = 1 139) HIV-negativ und von ihnen nutzten 27,6 % PrEP (n = 283 von 1 029 HIV-negativen mit Angaben zum PrEP-Gebrauch). In der Gesamtgruppe wurde bei 30,1 % eine STI diagnostiziert. Erfolgte eine Stratifikation nach HIV-Status und PrEP-Gebrauch, hatten HIV-negative Teilnehmer, die PrEP-Medikamente einnahmen, mit 40,2 % die höchste Gesamt-STI-Prävalenz, gefolgt von HIV-positiven MSM mit 29,4 % und HIV-negativen MSM ohne PrEP mit 25 %.

„Die Studienlage belegt, wie wichtig eine Aufklärung über das Risiko für PrEP-Anwender ist, eine STI zu erwerben, aber auch eine adäquate Testung auf STI, wenn Medikamente zur PrEP verschrieben werden“, kommentiert Dr. phil. Klaus Jansen von der Abteilung Infektionsepidemiologie am Robert Koch-Institut Berlin. In Deutschland leben Schätzungen zu Folge 80 000–92 400 Menschen mit HIV, circa 80 % davon sind Männer (3).

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Traeger MW, Cornelisse VJ , Asselin J, et al.: Association of HIV Preexposure Prophylaxis With Incidence of Sexually Transmitted Infec-tions Among Individuals at High Risk of HIV Infection. JAMA 2019; 321: 1380–90.
  2. Jansen K, Steffen G, Ziesenis AK, et al.: Influence of HIV and PrEP use on high STI prevalences in MSM in Germany, 2018. CROI 2019.
  3. HIV/Aids in Deutschland – Eckdaten 2017. Robert Koch-Institut. Berlin 2019.

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