ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2019Arztgesundheit: Künftig nicht nur eine Floskel

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Arztgesundheit: Künftig nicht nur eine Floskel

Dtsch Arztebl 2019; 116(23-24): A-1156 / B-955 / C-943

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Erhalt der eigenen Gesundheit soll nach Ansicht des Ärztetages sowohl innerärztlich als auch in der öffentlichen Wahrnehmung einen anderen Stellenwert bekommen. An Führungskräfte, Arbeitgeber und Gesetzgeber appellierte er, für gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Mit seinem diesjährigen Schwerpunktthema „Wenn die Arbeit Ärzte krank macht“ traf der 122. Deutsche Ärztetag in Münster offensichtlich ins Schwarze und einen neuralgischen Punkt zugleich: Längst überfällig sei es, sich mit dem Thema Arztgesundheit zu beschäftigten, betonten mehrere Delegierte während der dreieinhalbstündigen Aussprache zu 33 gestellten Anträgen.

Anzeige

Einig waren sich die Abgeordneten auch bei der Abstimmung: Bisher habe man der Prävention von Krankheit innerhalb der Ärzteschaft eine viel zu geringe Bedeutung beigemessen, meinen sie. Es sei für Ärzte aber unverzichtbar, mehr auf die eigene Gesundheit und die der Kollegen zu achten und gemeinsam für gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und Arztpraxen einzutreten. Leitenden Ärztinnen und Ärzten käme hierbei eine besondere Vorbildfunktion zu. An die Arbeitgeber im Gesundheitswesen appellierten die Delegierten, deutlich stärker als bisher für gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu sorgen.

„Arztgesundheit ist Berufsethik“

Neu ist das Thema Arztgesundheit allerdings nicht. Bereits 2017 räumte die überarbeitete Deklaration von Genf der Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten einen hohen Stellenwert ein. Im Ärztlichen Gelöbnis heißt es: „Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.“ Alles graue Theorie, meint der Ärztetag: Im Alltag verkomme dieser Satz allzu häufig zu einer Floskel. Selbstfürsorge sei schwierig umzusetzen, erklärten viele Delegierte. Denn die Arbeitsrealität sei zunehmend geprägt von Kosten- und Zeitdruck, Personalmangel, Arbeitsverdichtung mit Verkürzung des Arzt-Patienten-Kontaktes, einer Zunahme an berufsfremden Tätigkeiten, der Nichteinhaltung von Arbeitsschutz- und Arbeitszeitregelungen, einer unzureichenden Einbindung von Ärzten in organisatorische Entscheidungen und dem Verlust an Handlungsautonomie. „Wir haben gar keine Kultur, Grenzen zu setzen und für Arztgesundheit einzustehen“, fasste es Dr. med. Peter Hoffmann aus Bayern zusammen.

Dies bestätigte Prof. Dr. med. Bernd Haubitz von der Ärztekammer Niedersachsen: Über Arztgesundheit habe er persönlich wenig nachgedacht – bis er nach langjähriger Dauerbelastung einen Zusammenbruch hatte und sich auf der Intensivstation wiederfand, allerdings „auf der anderen Seite des Theatervorhangs. Dies hat bei mir einen Paradigmenwechsel bei der Selbstsicht bewirkt“, erklärte Haubitz offen vor den Delegierten. Jetzt steht für ihn fest: „Die eigene Gesundheit zu beachten, ist auch eine Frage der Ethik des Berufs.“

Auch zur Patientensicherheit trage die Sorge für die eigene Gesundheit (self care) und die Gesundheit des Teams (staff care) wesentlich bei, betonte Prof. Dr. med. Monika Rieger, Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Tübingen, in ihrem einleitenden Vortrag. Führungskräfte seien hier besonders in der Pflicht. Sie seien eine „Arbeitsbedingung“ für die Mitarbeiter, aber auch ein Ansatzpunkt für Präventionsmaßnahmen.

„Was können wir tun, damit wir täglich gern zur Arbeit gehen und auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten?“, fragte Prof. Dr. med. Harald Gündel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, ebenfalls Referent in Münster. Eine wesentliche Führungsaufgabe sei es, psychologische Sicherheit in der Arbeitswelt zu geben und den Arbeitsstress zu minimieren. Im deutschen Gesundheitssystem werde jedoch häufig die kritische Größe beim Arbeitsstress überschritten, erläuterte Gündel. Aktuellen Untersuchungen zufolge betrage die Prävalenz von kritischem Arbeitsstress bei Chirurginnen und Chirurgen zwischen 25 und 58 Prozent, bei Kinderärzten 28 Prozent und bei Internistinnen und Internisten sogar 62 Prozent. „Signifikant erhöht sind dann die Risiken für Depressionen sowie für Herz- und Kreislauferkrankungen.“, erklärte er. Interessant sei, dass in skandinavischen Ländern die Prävalenz von kritischem Arbeitsstress deutlich geringer sei. Bei migrierten deutschen Krankenhausärzten in Schweden betrage sie beispielsweise nur 3,5 Prozent.

Hierzulande berichten viele Ärzte schon in jungen Jahren von einer Erschöpfungssymptomatik. „Von Anfang an werden wir auf Leistung getrimmt“, konstatierte Dr. med. Thomas Carl Stiller von der Ärztekammer Niedersachsen. „Wir stellen uns selbst immer noch ganz ans Ende der Heilungskette.“ Dabei seien der Erhalt und die Förderung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit sowie der Arbeitszufriedenheit nicht nur für jede Ärztin und jeden Arzt selbst unabdingbar, sondern auch aus gesellschaftlicher Perspektive unverzichtbar.

Auch der Deutsche Ärztetag stellte fest, dass gerade jungen Ärztinnen und Ärzten häufig vermittelt werde, ein kontinuierliches Überforderungsgefühl würde ganz selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehören. „An dieser Stelle ist ein Kulturwandel notwendig“, betonten die Delegierten in einem Antrag. Überforderung müsse von professioneller Herausforderung unterschieden und seitens der Führungskräfte aufgefangen, begleitet und vermieden werden.

Für Bernd Haubitz ist das Beachten der eigenen Gesundheit auch eine Frage der Ethik des Berufs. Marion Charlotte Renneberg rief dazu auf, die junge Generation dabei zu unterstützen, sich für angemessene Arbeitszeiten einzusetzen.
Für Bernd Haubitz ist das Beachten der eigenen Gesundheit auch eine Frage der Ethik des Berufs. Marion Charlotte Renneberg rief dazu auf, die junge Generation dabei zu unterstützen, sich für angemessene Arbeitszeiten einzusetzen.

Eine Frage der Führung

Derzeit würden jedoch Ärztinnen und Ärzte nicht selten durch den Führungsstil ihrer Vorgesetzten zusätzlich belastet und demotiviert, betonte Julian Veelken von der Ärztekammer Berlin vor den Delegierten sowie in einem Antrag. Aber auch Führungskräfte litten an den Spannungsfeldern der ihnen übertragenen Aufgaben. Der Deutsche Ärztetag sprach sich deshalb dafür aus, dass ärztliche Führungskräfte die notwendigen Kompetenzen erwerben sollten, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wertschätzend und damit gesund und motivationserhaltend zu führen. Die Kurse sollten dem Umfang des von der Bundes­ärzte­kammer entwickelten Curriculums „Ärztliche Führung“ entsprechen. Feedbackpraktiken und Selbstreflexion sollten zudem nicht nur in den psychiatrischen Fächern zum Einsatz kommen. An erkrankte Ärztinnen und Ärzte appellierte der Ärztetag, die Empfehlungen, die sie ihren Patientinnen und Patienten geben, auch in Bezug auf ihre eigene Krankheit und Arbeit konsequent anzuwenden. Dies gelte im Sinne einer Vorbildfunktion insbesondere auch für leitende Ärztinnen und Ärzte.

Neben dem Arbeitsklima stellen aber auch die Arbeitszeiten ein gesundheitliches Risiko für viele Ärzte dar. Marion Charlotte Renneberg aus Niedersachsen rief dazu auf, die junge Generation zu unterstützen, sich für angemessene Arbeitszeiten einzusetzen. Mehrheitlich forderte der Deutsche Ärztetag daraufhin die angestellten Krankenhausärzte auf, Erklärungen, die eine Überschreitung der zulässigen Arbeitszeit erlauben, künftig nicht mehr zu unterschreiben. Bereits vorhandene Opt-out-Erklärungen sollten gemeinsam abteilungsweise gekündigt werden, meinten die Delegierten. Denn diese seien eigentlich nur Ausnahmeregelungen. De facto aber kalkulierten viele Kliniken in ihrer Dienstplanung das Unterzeichnen solcher Opt-out-Erklärungen von vornherein ein.

Die Krankenhäuser forderte der Ärztetag auf, ihre Personal- und Einsatzplanung so zu gestalten, dass Ärztinnen und Ärzte künftig nicht mehr als durchschnittlich 48 Stunden pro Woche arbeiten müssten. Eine Überschreitung dieser Arbeitszeit sei nach dem Arbeitszeitgesetz unzulässig und lasse kaum Spielraum, Familie und Beruf zu vereinbaren. Zudem gefährdeten sie sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit der Ärzte und seien ein Grund für den zunehmenden Ärztemangel in deutschen Krankenhäusern.

Anne Kandler forderte, dass Ärzte nach traumatischen dienstlichen Erlebnissen zugeben dürfen, dass sie Hilfe brauchen und diese niedrigschwellig erhalten. Thomas Carl Stiller kritisierte, dass Ärzte von Anfang an nur auf Leistung getrimmt werden und sich immer ans Ende der Heilungskette stellten.
Anne Kandler forderte, dass Ärzte nach traumatischen dienstlichen Erlebnissen zugeben dürfen, dass sie Hilfe brauchen und diese niedrigschwellig erhalten. Thomas Carl Stiller kritisierte, dass Ärzte von Anfang an nur auf Leistung getrimmt werden und sich immer ans Ende der Heilungskette stellten.

Resilienz bereits im Studium

Die Appelle der Delegierten richteten sich aber nicht nur an Arbeitgeber und die Ärzte selbst. In mehreren Anträgen forderte der Ärztetag auch den Gesetzgeber auf, die gesetzlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen für gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen zu schaffen sowie den freiberuflichen Charakter der ärztlichen Tätigkeit zu stärken.

An die medizinischen Fakultäten appellierte der Ärztetag, die Themen Resilienz und Stressbewältigung als Teil der ärztlichen Ausbildung in das Studium aufzunehmen. Arztgesundheit und Berufszufriedenheit würden durch gute Kompetenzen in der ärztlichen Kommunikation, in der Psychosomatik und durch Kenntnisse und Erfahrungen ärztlicher Selbstfürsorge und Resilienzen gefördert, meinten die Delegierten. Daher sollten wesentliche Grundkenntnisse hierüber bereits im Studium vermittelt werden.

Anne Kandler, eine junge Neurologin aus Hessen, sprach zudem noch einen weiteren Belastungsfaktor an: Gerade zu Beginn der Berufstätigkeit würden Ärztinnen und Ärzte mit Situationen konfrontiert, auf die sie durch ihr Studium nur ungenügend vorbereitet seien. „Nach der Erstversorgung einer suizidalen Patientin, die aus dem achten Stock gesprungen war, entwickelte ich eine posttraumatische Belastungsstörung“, berichtete sie vor den Delegierten. Der Umgang mit solchen belastenden Erlebnissen – wie bei ihr beispielsweise in der Notaufnahme, in anderen Fällen auch im Operationssaal sei sicher individuell unterschiedlich. „Wichtig ist aber, dass wir zugeben dürfen, dass wir Hilfe brauchen“, sagte sie. Häufig werde aber an der Belastbarkeit von Mitarbeitern gezweifelt, wenn sie entsprechende Hilfe nachfragten.

Der Deutsche Ärztetag forderte nun in einem Antrag, dass zumindest im stationären Bereich Arbeitgeber regelhaft ein niederschwelliges Hilfsangebot bereitstellen müssen, damit traumatische dienstliche Erlebnisse adäquat verarbeitet werden können. Der Zugang müsse kurzfristig und ohne Vermittlung durch Vorgesetzte möglich sein.

Keine Gewalt gegen Helfer

Neben Stress und schwierigen Arbeitsbedingungen stellt Gewalt durch Patienten beziehungsweise Angehörige eine weitere Bedrohung für die Gesundheit dar. Der 122. Deutsche Ärztetag forderte deshalb den Gesetzgeber auf, den strafrechtlichen Schutz für Hilfeleistende zu erweitern.

„Die zunehmende tägliche Gewaltbereitschaft ist inakzeptabel“, betonte Dr. med. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Es sei skandalös, dass heute bei Notfällen zunächst eine Eigensicherung notwendig sei. Neben Wenker berichteten Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Versorgungsbereichen über eine zunehmende körperliche und verbale Gewalt, unter anderem in den Notaufnahmen, in Hausarztpraxen oder bei Notfalleinsätzen.

Ärztekammern bieten dafür Hilfe und spezielle Präventionsangebote an. Diese Maßnahmen müssen nach dem Willen des 122. Deutschen Ärztetages aber durch einen strafrechtlichen Schutz Hilfeleistender ergänzt werden. Konkret forderten die Abgeordneten den Gesetzgeber auf, den strafrechtlichen Schutz für Hilfeleistende bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not zu erweitern. Ein vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium eingeholtes Rechtsgutachten habe die Notwendigkeit einer solchen Gesetzesänderung bestätigt. Die Delegierten forderten ferner den Ausbau von Angeboten der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention gegen körperliche und verbale Gewalt am Arbeitsplatz sowie die Weiterentwicklung der von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege bereits aufgebauten Unterstützungsangebote für Beschäftigte mit posttraumatischem Syndrom.

In seinem in die Thematik „Arztgesundheit“ einführenden Vortrag verwies Dr. med. Klaus Beelmann, dem Geschäftsführenden Arzt der Ärztekammer Hamburg, darauf, dass manche Ärztinnen und Ärzte auf das anhaltende Auftreten von Arbeitsstressoren auch mit einer Suchterkrankung reagierten. Ärztliche Kollegen erhöhten dann häufig ihre Toleranzschwelle anstatt den Betroffenen Hilfe zu geben. „Es darf keine Tabuisierung der Erkrankungen geben“, forderte diesbezüglich Dr. med. Christoph Freiherr Schoultz von Ascheraden aus Baden-Württemberg. Das sei falsch verstandene Kollegialität. „Viele Ärzte arbeiten in einem Zustand, in dem sie eigentlich Patienten sind.“

Hilfe könnten Betroffene inzwischen bei allen 17 Lan­des­ärz­te­kam­mern finden, die Interventionsprogramme für Ärzte mit einer Suchterkrankung aufgebaut hätten, berichtete Beelmann. Ziel der Programme sei es, einerseits betroffenen Ärzten konkrete Hilfen zu eröffnen, andererseits aber auch den erforderlichen Patientenschutz zu gewährleisten. „Leider werden diese noch zu wenig genutzt“, erklärte Beelmann.

Der Deutsche Ärztetag beauftragte deshalb den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer, gemeinsam mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern eine Zwischenbilanz über die Interventionsprogramme zu erstellen und die Ergebnisse im Deutschen Ärzteblatt zu veröffentlichen. Zudem solle dafür Sorge getragen werden, dass die Umsetzung der seit zehn Jahren etablierten Interventionsprogramme kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt werde. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Monika A. Rieger: Die Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung der Uniklinik Tübingen sagt, es gibt vielfältige Möglichkeiten, dem Arbeitsstress zu begegnen.


Harald Gündel: Der Direktor der Uniklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ulm hält das berufliche Gesundheitsmanagement in der Arztpraxis und im Krankenhaus für noch ausbaufähig.


Klaus Beelmann: Der geschäftsführende Arzt der Ärztekammer Hamburg sagt, suchtgefährdete Ärzte können und sollen sich frühzeitig an die Lan­des­ärz­te­kam­mern wenden, die Interventionsmaßnahmen anbieten.

Fazit

TOP II – Wenn die Arbeit Ärzte krank macht

  • Der 122. Deutsche Ärztetagtag fordert Arbeitgeber, zuständige Behörden und Gesetzgeber zur Schaffung gesundheitsgerechter Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte auf. Insbesondere sei das Arbeitszeitgesetz einzuhalten.
  • Ärztliche Führungskräfte sollen nach Ansicht des Ärztetages künftig Kompetenzen erwerben müssen, um Mitarbeiter gesund und motivationserhaltend führen zu können.
  • Alle angestellten Ärzte ruft der Ärztetag auf, keine Opt-out-Erklärungen mehr zu unterschreiben.
  • An den Gesetzgeber appelliert er, den strafrechtlichen Schutz für Hilfeleistende zu erweitern.
  • Für den stationären Bereich fordert der Ärztetag niedrigschwellige Hilfsangebote für Ärzte, damit traumatische dienstliche Erlebnisse verarbeitet werden können.
  • Den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer beauftragte er, mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern eine Zwischenbilanz über die Interventionsprogramme für suchterkrankte Kollegen zu erstellen.

Die Entschließungen zu den TOP II im Internet: www.aerzteblatt.de/2019top2
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/KN85

aerzteblatt.de

Arztgesundheit

Das Deutsche Ärzteblatt hat zum Thema Arztgesundheit eine Sonderausgabe herausgebracht.

►http://daebl.de/SG51

Arztgesundheit Kasten

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 10. Juni 2019, 11:02

KVen konterkarieren gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen!

Es sind die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) selbst, welche die schlechten Arbeitsbedingungen im niedergelassenen, vertragsärztlichen Bereich mit diktieren.

So schreibt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) im aktuellen "KVWL kompakt" 5/2019 auf Seite 20 https://www.kvwl.de/mediathek/kompakt/pdf/2019_05.pdf

"Die Erreichbarkeit in sprechstundenfreien Zeiten ist wie folgt zu
gewährleisten:
- In den Zeiträumen vor und nach der Sprechstunde und insbesondere in der Mittagspause muss der Vertragsarzt seine Er-
reichbarkeit so organisieren, dass er in dringenden Fällen für
die Patientenversorgung persönlich zur Verfügung steht.
- Die persönliche Erreichbarkeit kann nicht durch kollegiale Vertretungsabsprachen ersetzt werden.
- Aufgrund des Gebotes der
persönlichen Leistungserbringung sind Vertretungen nur zulässig, wenn tatsächlich ein Vertretungsfall wegen urlaubs- oder krankheitsbedingter Abwesenheit vorliegt.
- Im Übrigen würden solche kollegialen Absprachen zu unwirtschaftlichen
Doppelbehandlungen führen.
- In einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) ist es ausreichend, wenn ein Partner oder ein angestellter Arzt die Erreichbarkeit für die Praxis sicherstellt.
- Ist die BAG fach- oder versorgungsbereichs-übergreifend organisiert, muss jedoch für jedes
Fachgebiet bzw. jeden Versorgungsbereich ein Arzt erreichbar sein. Entsprechendes gilt für das Medizinische Versorgungszentrum [MVZ].
- Vertragsärzte, die eine Zweigpraxis betreiben, genügen ihrer Verpflichtung, wenn sie für Patienten der Zweigpraxis am Hauptsitz erreichbar sind. Wird eine sogenannte „Versorgerfiliale“ betrieben, muss davon abweichend die Erreichbarkeit
auch am Ort der Zweigpraxis sichergestellt werden..." (Zitat Ende).

Als einzige Ausnahme sieht die KVWL nur die Betriebszeiten des vertragsärztlich organisierten zentralen Notfalldienstes (ZND) vor. Nur dann könne "dieser stellvertretend für die Patientenversorgung zur Verfügung" stehen. Es reiche "daher aus, durch den Anrufbeantworter der Praxis auf die zentrale Notdienstnummer 116117 zu verweisen."

Mit einem derartigen Diktat permanenter Erreichbarkeit und totaler Verfügbarkeit, unabhängig von administrativ-bürokratischen, praxis-spezifischen, persönlichen, privaten, kulturellen, rekreativen, sozialpsychologisch bzw. biologisch zwingend notwendigen Alltags-Verrichtungen und Aktivitäten werden Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte von offizieller KV-Seite in unwürdige, menschenfeindliche, Pausen- und Arbeitszeiten missachtende Lebens- und Arbeitsbedingungen gezwungen.

Burn-out, Erschöpfung, Frustration, Depression, Deprivation, Verlust bio-psycho-sozialer Reflexions- und Schwingungsfähigkeit, Achtungs- und Aufmerksamkeitsdefizite sind unmittelbare Folgen.

Diese bahnen den Weg zu psycho-physischen Dekompensationen, chronischen Krankheitsentitäten, Genuss- und Substanzmittel-Missbrauch.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund