ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2019Elektronisches Logbuch: Werkzeug für die Dokumentation

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Elektronisches Logbuch: Werkzeug für die Dokumentation

Dtsch Arztebl 2019; 116(23-24): A-1152 / B-952 / C-940

Korzilius, Heike; Krüger-Brand, Heike E.

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Ab Juli 2019 können Ärztinnen und Ärzte das elektronische Logbuch für ihre Facharztweiterbildung nutzen. Einem entsprechenden Sachstandsbericht hat der Ärztetag in Münster zugestimmt.

Es ist das Aus für die „geschweifte Klammer“. Statt am Ende einer Facharztweiterbildung pauschal und „auf den letzten Drücker“ Eingriffe, Kenntnisse und Fertigkeiten bescheinigt zu bekommen, sollen Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung künftig in einem elektronischen Logbuch (E-Logbuch) fortlaufend den Erwerb von Kompetenzen dokumentieren können. Der 122. Deutsche Ärztetag hat den Lan­des­ärz­te­kam­mern empfohlen, ein bundesweit einheitliches Logbuch einzuführen und im Landesrecht vorzusehen. Die Kammern erhalten zudem die Möglichkeit, darin regionale Abweichungen von der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung abzubilden.

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Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hatte, wie im vergangenen Jahr vom 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt beschlossen, das Softwareunternehmen Steadforce beauftragt, ein betriebsfähiges Produkt zu entwickeln, das zurzeit in ausgewählten Ärztekammern getestet wird. Am 1. Juli soll das System bundesweit betriebsbereit sein. Für Entwicklung und Betrieb hat die Bundes­ärzte­kammer in ihrem Haushalt für 2019/2020 Ausgaben von rund 490 000 Euro vorgesehen. Für technische oder inhaltliche Anpassungen fallen für die Lan­des­ärz­te­kam­mern weitere Kosten an.

Lernendes System

Der Ärztetag definierte zugleich im Sinne eines lernenden Systems weitere Anforderungen an das elektronische Logbuch. Neben einer unkomplizierten Dokumentation der Weiterbildung sollten Weiterbildungskompetenzen zeitnah bestätigt werden können. Außerdem müsse das E-Logbuch mittelfristig eine Evaluation der Weiterbildung ermöglichen. Für die Weiterbilder sei es wichtig, dass der Weiterbildungsstand der Assistenten übersichtlich dargestellt werde. Es solle zudem den Aufbau eines Weiterbildungsregisters ermöglichen, das Weiterzubildende, Weiterbilder und Weiterbildungsstätten erfasse. Die Delegierten forderten darüber hinaus, dass mithilfe einer einheitlichen Datenbank geprüft wird, ob die angestrebten beziehungsweise dokumentierten Weiterbildungsabschnitte mit den erteilten Weiterbildungsbefugnissen übereinstimmen.

Das E-Logbuch sei das Herzstück der Weiterbildungsreform, hatte zuvor der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der BÄK, Dr. med. Max Kaplan, erklärt. Es bilde den Kompetenzerwerb der Weiterzubildenden kontinuierlich und auch für die Ärztekammern nachvollziehbar ab. Dadurch werde Weiterbildung transparent. Viele Probleme, die sich in der Testphase bei der Anwendung ergeben hätten, seien bereits behoben worden. Allerdings gebe es große und sehr unterschiedliche Erwartungen an das Logbuch. „Wir suchen einen Mittelweg“, sagte Kaplan. Jetzt liege eine Basisversion vor, die weiterentwickelt werden könne: „Das Projekt ist ,Work in Progress‘.“

Ulf Kester von der Firma Steadforce erläuterte die wesentlichen Funktionen und die Bedienung des Tools. Das primär mit der Software verfolgte Ziel sei die kontinuierliche Dokumentation der Weiterbildung, die für die Anwender überall möglichst unaufwendig sowie einfach und schnell in der Handhabung sein soll.

Bundesweit einheitliche Lösung

Das Logbuch bilde zunächst die kompetenzbasierte (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung ab. Absehbar sei jedoch, dass die Weiter­bildungs­ordnungen der einzelnen Kammern davon abweichen. „Gerade deshalb soll es eine bundesweit einheitliche Softwarelösung geben“, betonte er. Regionale Abweichungen würden aber dargestellt. So könne man garantieren, dass ein individuelles Logbuch über Kammergrenzen hinweg verwendet werden könne.

Die Daten aus dem E-Logbuch gehörten den Weiterzubildenden. „Sie entscheiden, wer wann und wie lange Einsicht nehmen darf“, sagte Kester. Aus Datenschutzgründen werde zudem nur ein Minimum an Daten erfasst. So werden als Profildaten der Weiterzubildenden lediglich Anrede, Titel, Name, E-Mail-Adresse und Mitgliedschaft in der Lan­des­ärz­te­kam­mer gespeichert. Die Benutzer können zudem ihre Daten selbst korrigieren und auch löschen.

Die Mitarbeiter in den Weiterbildungsabteilungen der Ärztekammern werden laut Kester auf zweierlei Weise Zugang zu dem System erhalten: über eine Benutzerschnittstelle, die derjenigen der Weiterbildungsbefugten entspricht und über eine technische Schnittstelle, die es ermöglicht, freigegebene Logbuchdaten in den kammereigenen Systemen einzulesen.

Das Logbuch zeichne sich durch eine einheitliche Bedienphilosophie aus, erläuterte der Experte: Sämtliche Weiterbildungsbezeichnungen aus der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung sind im System hinterlegt, wobei die Software für jede Bezeichnung die zu erlernenden Inhalte abbildet. Hat der Weiterzubildende Fortschritte erzielt, kennzeichnet er die betreffenden Inhalte und gibt sie dem Weiterbildungsbefugten zur Bewertung frei. Dieser kann die erworbenen Kompetenzen bestätigen – und zwar sowohl Kenntnisse (kognitive und Methodenkompetenzen) als auch Fertigkeiten (Handlungskompetenzen). Sind Richtzahlen vorgegeben, kann der Weiterbilder diese ebenfalls bestätigen oder auch korrigieren. Alle Einträge im Logbuch sind mit einem Zeitstempel versehen, Rückdatierungen sind ausgeschlossen. „Der Verlauf einer Weiterbildung wird lückenlos nachvollziehbar. Manipulation ist ausgeschlossen“, betonte Kester. Dass im E-Logbuch nur positive Bewertungen möglich sind, sei eine bewusste Entscheidung. „Es soll der Weiterbildungsfortschritt dokumentiert werden und nicht etwa die Diskussion zwischen Befugtem und Weiterzubildendem“, erläuterte er.

Die derzeitige Anmeldeseite, auf der sich die Ärzte mit Benutzernamen und Passwort einloggen, ist Kester zufolge eine Übergangslösung. Ziel sei es, das E-Logbuch in die Portale der Lan­des­ärz­te­kam­mern zu integrieren, sodass die Kammermitglieder künftig über ein Single-sign-on-Verfahren direkt auf das E-Logbuch zugreifen können, ohne sich jedes Mal dafür anmelden zu müssen. „Der Anfang für das E-Logbuch ist gemacht“, sagte Kester. Er rief die Tester auf, ihre Erfahrungen mitzuteilen, damit diese für die Optimierung genutzt werden können.

Unter den 250 Abgeordneten des Ärztetages meldeten sich im Anschluss an Kaplans und Kesters Ausführungen auch kritische Stimmen zu Wort, die etwa die enge Anlehnung des Logbuchs an die Papierversion („analoge Dokumentation zwischen elektronischen Aktendeckeln“) bemängelten.

Unausgereiftes Instrument

Dr. med. Klaus Thierse, Berlin, monierte, das System sei nicht ausgereift, viele Dinge funktionierten noch nicht. Unklar sei beispielsweise, wie ohne qualifizierte elektronische Signatur eingescannte Unterlagen verifiziert oder das Weiterbildungsgespräch von Weiterbildungsbefugten und Weiterzubildenden unterzeichnet werden könne. Für einen Aufschub der Inbetriebnahme des Systems plädierte unter anderem auch Prof. Dr. med. Rüdiger Smektala, Westfalen-Lippe.

Klaus-Peter Schaps, Niedersachsen, attestierte dem Logbuch nur „Neandertaler-Niveau“. Es müsse zum Beispiel ein intelligenter Algorithmus hinterlegt werden, der dauerhaft eine Plausibilitätsprüfung durchführe, etwa im Hinblick auf Weiterbildungsberechtigungen oder auf Inhalte. „Wir brauchen ein voll digitales E-Logbuch mit bundeseinheitlicher Funktionalität. Und wenn das Geld kostet, sollten wir das jetzt in die Hand nehmen.“

Max Kaplan (links) und Ulf Kester erklärten den 250 Abgeordneten des Deutschen Ärztetags Sinn, Zweck und Funktionsweise des elektronischen Logbuchs.
Max Kaplan (links) und Ulf Kester erklärten den 250 Abgeordneten des Deutschen Ärztetags Sinn, Zweck und Funktionsweise des elektronischen Logbuchs.

Schritt in die richtige Richtung

Das Logbuch sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, noch kein vollkommen fertiges Produkt, befanden hingegen Dr. med. Henrik Herrmann aus dem BÄK-Vorstand sowie eine Reihe weiterer Delegierter. „Es ist positiv, dass hiermit endlich eine Transparenz der Weiterbildung erreicht wird“, sagte Herrmann. „Wir sind in einer Testphase. Wenn man es nicht ausprobiert, kann man es nicht weiterentwickeln.“ Eine Weiterentwicklung des Systems sei bereits in Aussicht gestellt worden, wie etwa die Mitnahme von Daten und die Datenportabilität, wenn beispielsweise ein Arzt in Weiterbildung die Ärztekammer wechselt. Zudem solle für die Weiterbildungsbefugten eine Unterstützung bei den Weiterbildungsgesprächen und bei der Zeugniserstellung geschaffen werden. Es müsse zudem digital möglich sein zu prüfen, ob die dokumentierten Weiterbildungsabschnitte mit der Weiterbildungsbefugnis des Weiterbilders übereinstimmen, forderte Herrmann. „Die große Erwartungshaltung an das System sollte nicht dazu führen, dass wir uns lähmen lassen und das Projekt nicht weiterentwickeln“, meinte auch Gisbert Voigt, Niedersachsen. „Das wäre das falsche Signal.“

Am Ende komme es auf die Bedienbarkeit für die Nutzer an, gab Detlef Schmitz, Niedersachsen, zu bedenken. Er forderte eine Orientierung an den Abläufen des medizinischen Alltags. Das Logbuch müsse beispielsweise auch die Arbeit mit mobilen Endgeräten vorsehen. Es gelte, Licht und Schatten im Hinblick auf die Regelungstiefe des Tools abzuwägen, betonte Dr. med. Wolf Andreas Fach, Hessen. Zu fragen sei, ob etwa die Eingriffsdauer beim Herzkatheter, die Komplikationsrate oder die Schwere des Eingriffs detailliert abgefragt werden sollen, wie das zum Beispiel in der Schweiz der Fall sei. Seinem Antrag, nur die grundsätzlichen Daten der Weiterbildung im E-Logbuch zu erfassen, um den „gläsernen Weiterzubildenden“ zu vermeiden, schlossen sich die Abgeordneten des Ärztetags jedoch nicht an. Anne Kandler, Hessen, plädierte dafür, die kammerspezifischen Abweichungen möglichst gering zu halten. „Wir wollen doch, dass die Weiterbildung für die Weiterzubildenden praktikabler wird, dass sie flexibel sein und das Bundesland wechseln können“, erläuterte sie.

In seinem Schlusswort wies IT-Experte Kester darauf hin, dass es sich bei dem E-Logbuch um eine browserbasierte Anwendung handelt, programmiert mit einem „responsive Design“, sodass sie auch beispielsweise auf dem Smartphone genutzt werden kann. Eine „echte App-Lösung“ sei damit allerdings noch nicht umgesetzt, dies sei aber als Zusatzlösung denkbar.

Der Rest ging an den Vorstand

Anträge zur Weiterbildung, die sich nicht mit dem elektronischen Logbuch befassten, überwiesen die Abgeordneten an den BÄK-Vorstand. Darunter war beispielsweise die Forderung, verpflichtende Weiterbildungskurse kostenfrei anzubieten, eine Pflicht für Weiterbilder, sich didaktisch schulen zu lassen, eine Zusatzweiterbildung Mammografie einzuführen oder den berufsbegleitenden Erwerb der Zusatzweiterbildung Allergologie wieder abzuschaffen.

Heike Korzilius, Heike E. Krüger-Brand

Fazit

TOP III – Dokumentation der Weiterbildung im elektronischen Logbuch

  • Der Ärztetag nimmt den Sachstandsbericht über das elektronische Logbuch zustimmend zur Kenntnis.
  • Er empfiehlt den Lan­des­ärz­te­kam­mern, das elektronische Logbuch zur Dokumentation der Weiterbildung einzuführen.
  • Das elektronische Logbuch muss regionale Abweichungen von der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung abbilden.

Die Entschließungen zu TOP III: www.aerzteblatt.de/2019top3
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/KN85

Das Ziel der Weiterbildungsreform

Inhalte statt Zeiten und Richtzahlen: Auf diese Formel lässt sich die grundlegende Reform der Weiterbildung zum Facharzt bringen. Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat sie im vergangenen November in Gänze verabschiedet, nachdem im Mai der Deutsche Ärztetag grünes Licht gegeben hatte. Jetzt steht die Umsetzung der Reform in den Ländern an. Denn die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) mit ihren 51 Facharzt-, zehn Schwerpunkt- und 57 Zusatz-Weiterbildungen hat für die Lan­des­ärz­te­kam­mern nur empfehlenden Charakter.

Nach der MWBO werden die Kompetenzen, die die angehenden Fachärzte erwerben, in vier Kategorien bescheinigt: Inhalte, die der Weiterzubildende beschreiben kann, Inhalte, die er systematisch einordnen und erklären kann, sowie Fertigkeiten, die er unter Anleitung und solche, die er selbstverantwortlich durchführen kann. Dabei soll die neue Weiter­bildungs­ordnung nur noch das abbilden, was ein Arzt innerhalb einer fünf- oder sechsjährigen Weiterbildung realistischerweise erfüllen kann.

Herzstück der Weiterbildungsreform ist ein bundesweit einheitliches elektronisches Logbuch, das den Kompetenzerwerb der Weiterzubildenden fortlaufend und auch für die Ärztekammern nachvollziehbar abbilden soll. Es soll künftig nicht mehr möglich sein, so die Hoffnung der Reformarchitekten, am Ende einer Weiterbildung im Nachhinein pauschal Inhalte zu bescheinigen, die der Weiterzubildende womöglich niemals erbracht hat. Der Deutsche Ärztetag hat am 29. Mai in Münster den Lan­des­ärz­te­kam­mern empfohlen, das elektronische Logbuch einzuführen.

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