ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2019Hilfsmittel für Blinde: Ein Archiv für Gesichter an der Brille

MEDIZINREPORT

Hilfsmittel für Blinde: Ein Archiv für Gesichter an der Brille

Dtsch Arztebl 2019; 116(23-24): A-1180 / B-976 / C-964

Lenzen-Schulte, Martina

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Auf der Sight-City präsentierten sich innovative Techniklösungen, die Teilhabe nicht mehr nur von stationären Lösungen abhängig machen. Der Blindenstock und die Lupe haben zwar längst nicht ausgedient, aber inzwischen können auch Apps für jedwedes Endgerät vergrößern, vorlesen und den Weg durch die fremde Stadt ansagen.

Die Vergrößerung ist immer noch das A und O, wenn es darum geht, selbst zu lesen. Es gibt vom kleinformatiken, leicht zu bedienenden Handgerät bis zum Riesenbildschirm für zu Hause und am Arbeitsplatz vielfältig und individuelle Lösungen. Fotos1: Dr. med. Martina Lenzen-Schulte
Die Vergrößerung ist immer noch das A und O, wenn es darum geht, selbst zu lesen. Es gibt vom kleinformatiken, leicht zu bedienenden Handgerät bis zum Riesenbildschirm für zu Hause und am Arbeitsplatz vielfältig und individuelle Lösungen. Fotos1: Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Jeder muss Wäsche waschen. Aber erst jetzt gibt es eine Waschmaschine mit taktilen Bedienelementen für sehbehinderte oder blinde Menschen. Es gibt sie, weil sich eine betroffene Mitarbeiterin von Miele dafür stark gemacht hat. Wie diese Waschmaschine bezeugten zahlreiche Produkte auf der Sight-City in Frankfurt, dass blinde und sehbehinderte Patienten autark sein möchten. Sie wollen „nicht auf Barrierefreiheit, nicht auf die Mutwilligkeit der Leute angewiesen sein“, wie ein Betroffener betonte.

Die weltgrößte Hilfsmittelmesse für Sehbehinderte und Blinde informiert seit 16 Jahren über technische Innovationen auf dem Markt. Dass es mit den individuell angepassten Lösungen in Riesenschritten vorangeht, beweist derzeit das „zweite Auge“. Das „MyEye 2“ heißt inzwischen schlicht nach dem Hersteller „OrCam“, ist etwa fingergroß und lässt sich mittels Magnethalterung an den Brillenbügel klemmen. Die Ausrichtung der Kamera braucht ein wenig Übung, dann liest einem das Gerät alles Anvisierte vor: die Zeitung, was auf einer Packung im Supermarktregal steht oder die Nachricht vom Handybildschirm.

Standgeräte zur Vergrößerung (oben) sind vielfältig einsetzbar. Darunter lässt sich lesen und schreiben, aber auch allfällige Hausarbeit erledigen. Gleichzeitig lässt sich das Gerät vertikal wie ein enormer Vergrößerungsspiegel nutzen. Die „MyEye 2“ (unten) ist leicht genug, um am Brillengestell fixiert werden zu können. Die integrierte Kamera wird so mit den Augenbewegungen automatisch mitgeführt.
Standgeräte zur Vergrößerung (oben) sind vielfältig einsetzbar. Darunter lässt sich lesen und schreiben, aber auch allfällige Hausarbeit erledigen. Gleichzeitig lässt sich das Gerät vertikal wie ein enormer Vergrößerungsspiegel nutzen. Die „MyEye 2“ (unten) ist leicht genug, um am Brillengestell fixiert werden zu können. Die integrierte Kamera wird so mit den Augenbewegungen automatisch mitgeführt.
Fotos2: oben: mls / unten: jens.bernhard /orcam.com
Fotos2: oben: mls / unten: jens.bernhard /orcam.com

In Gesellschaft anderer meldet es diskret hörbar am Ohr des Trägers, dass man vor einem älteren Herrn stehe und fragt, ob man dessen Namen speichern möchte. Sobald dies per Knopfdruck bestätigt wurde, lässt sich kurze Zeit später die Probe aufs Exempel machen: Kommt es zur nächsten Begegnung mit dieser Person, meldet das Tool zuverlässig deren Namen. Die Gesichtserkennungssoftware von MyEye 2 kann bis zu 150 Gesichter im Archiv speichern und diskriminieren. Auf diese stationären Daten kann nicht von außen zugegriffen werden. Was man mit diesem zweiten Auge besser sieht, bleibt privat.

„Einer meiner Patienten grüßt mich seither bewusst aus etlichen Metern Entfernung und ruft mir meinen Namen zu“, berichtet Prof. Dr. med. Dr. h.c. Norbert Schrage, Chefarzt der Augenklinik Köln-Merheim. Als Vorsitzender der ACTO, dem der RWTH Aachen angegliederten Centrum für Technologietransfer in der Ophthalmologie, hat Schrage von Beginn an die wissenschaftliche Begleitung dieser Messe mit organisiert. Für die älteren Patienten sei es im sozialen Miteinander hilfreich, die Enkel zu identifizieren, den Arzt oder die Verkäuferin im Supermarkt. „Aber insbesondere für diejenigen, die im Berufsleben stehen, ist es ungeheuer nützlich in der Alltagskommunikation, einen Kollegen ansprechen zu können“, erläutert der Ophthalmologe, der Hilfsmittel auch immer im Hinblick auf den Nutzen für eine berufliche Rehabilitation bewertet.

Ein weiteres technisches Highlight der Messe ist „eSight“, das wie eine zu dick geratene Skibrille aussieht. eSight hat es schon auf die Liste der 25 besten Erfindungen des Jahres auf dem Time-Magazine geschafft. Bei der Erprobung am Stand in Frankfurt tun sich die Patienten noch schwer. Das hat auch damit zu tun, dass man das Gerät über einen Controller für sich selbst erst kalibrieren und im Hinblick auf Vergrößerung, Helligkeit, Kontrast und Farben individuell einstellen muss. Objekte und Texte werden in Echtzeit bis zu 23-fach vergrößert, eine besondere Kamera nimmt sie auf und projiziert sie direkt auf die zwei winzigen Bildschirme vor die Augen des in seinem Visus einschränkten Patienten.

Viele eSight-Nutzer arbeiten damit jetzt schon an ihren Computer- oder sonstigen Arbeitsplätzen – sie gehen mit der Brille umher, nutzen sie am Bahnhof, um den Fahrplan zu lesen. Vorlesen und Vergrößern gab es schon immer, aber Tools wie eSight und MyEye 2 stehen für die neue Flexibilität von Hilfen, die nicht mehr an einen Ort gebunden sind.

Dennoch sind damit die in der Wohnung, am Arbeitsplatz oder in der Schule eingerichteten stationären Hilfen – etwa extra große Computerbildschirme mit eigens für Blinde konzipierten Tastaturen – nicht obsolet geworden und nach wie vor zahlreich und in großer Varianz auf der Sight-City vertreten. Lesegeräte gibt es in Handy- und Bildschirmgröße. Sie können wie eine Lupe über den Buch- oder Zeitungstext gleiten, sie vergrößern, können aber auch vorlesen. Fixiert auf einem Gestell, lassen sich darunter Lottoscheine ausfüllen, Nägel lackieren und Kartoffeln schälen. Richtet man die Kamera auf sich selbst, vergrößert sie das Gesicht und erleichtert das Schminken. Auch Tastaturen sind angepasst an die Bedürfnisse und erleichtern die Orientierung. Sie haben auf der 5 und auf den Buchstaben F und J je einen Punkt, sodass sich der Nutzer an die richtige Position herantasten kann.

Es geht jedoch längst nicht nur ums Lesen und Schreiben. Wichtig ist auch, sich im Raum, in einer Umgebung, insbesondere einer fremden, zurechtzufinden. Hier helfen Apps für alle möglichen Endgeräte weiter. So zum Beispiel ein eigens für Blinde konzipiertes GPS-System wie „Blind Square“, mit einer App, die dem Blinden oder Sehbehinderten nicht nur verrät, wo er gerade steht, sondern ihn auch in klarer Sprache anweist, wie er den Weg zu einem bestimmten Ort in der Nähe findet. Wer Hilfe benötigt, um sich im wahrsten Sinne des Wortes richtig „einzunorden“, kann auf einen elektronischen Gürtel (naviGürtel®) zurückgreifen, der mittels Vibrationen am Bauch Richtungen spürbar macht; so wird – mit Übung – zum Beispiel erfahrbar, um wie viele der 360° man sich um die eigene Körperachse gedreht hat.

Da der Blinde und Sehbehinderte längst nicht nur auf Hörbücher angewiesen ist, sondern Vorlesegeräte praktisch alle geschriebenen Bücher „konvertieren“ können, kann er alles hören und ist nicht mehr auf Blindenschrift angewiesen. Das ist beliebt und spart Zeit, das sie das Ganze extrem schnell ablaufen lassen. „Blinde Menschen können akustisch weit besser diskriminieren als ein Gesunder, auch noch bei Geschwindigkeiten, bei denen der Normalmensch überhaupt nichts mehr versteht“, erläutert Schrage.

Markus Georg, Geschäftsführer der Pro Retina und selbst von einer Gesichtsfeldeinschränkung betroffen, verweist trotz des beeindruckenden Hightech-Angebotes in Frankfurt gern auf die traditionellen Hilfsmittel. Nicht jeder ältere Mensch wird sich mit den modernen Apps anfreunden und benötigt nach wie vor das Monokular. Und im Alltag könne eine Spezialklammer für die Wäsche hilfreich sein – denn auch die taktil bedienbare Waschmaschine wirbelt Socken im Zweifel durcheinander. Pro Retina hat diese und andere Alltagshilfen vorbildlich aufgelistet und kommentiert (1). Von der sprechenden Waage bis zum Spezialgeld für Blinde finden Betroffene hier auch jenseits von Hightech wertvolle Tipps. Aber ob mit oder ohne Elektronik – viele Geräte und Hilfsmittel scheitern am Training. „Wir schätzen aus unserer Arbeit mit Sehbehinderten und blinden Patienten, dass ein großer Teil der mitunter teuren Hilfsmittel in der Schublade landet“, sagt Georg. Er wünscht sich, dass die Kostenträger nicht nur die Mittel selbst bezahlen, sondern auch für das Training sorgen, damit optimal genutzt werden kann, was der Markt heutzutage bereithält. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
66 Tipps für Menschen mit Sehbehinderungen. Pro Retina (Hrsg.) Infoserie Nr. 66. Stand 12/2018.
1.66 Tipps für Menschen mit Sehbehinderungen. Pro Retina (Hrsg.) Infoserie Nr. 66. Stand 12/2018.

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