ArchivDeutsches Ärzteblatt23-24/2019Arztgesundheit: Arztwohl ist auch Patientenwohl

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Arztgesundheit: Arztwohl ist auch Patientenwohl

Dtsch Arztebl 2019; 116(23-24): A-1137 / B-937 / C-925

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Zuwendung, Empathie und Vertrauen gegenüber den Patienten müssen wieder möglich sein. Mit dieser Forderung an die Politik ging der neu gewählte Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, in den Wahlkampf um den Posten an der Spitze der deutschen Ärzteschaft. Auch Reinhardts Vorgänger Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery und der gastgebende Präsident des 122. Deutschen Ärztetages in Münster, Dr. med. Theodor Windhorst, warnten Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) in ihren Eröffnungsreden vor der permanenten zeitlichen Überforderung ihrer ärztlichen Kolleginnen und Kollegen und anderer Berufsgruppen im Gesundheitswesen.

Bereits am Tag vor der Eröffnung des Ärztetages berichteten viele Nachwuchsärzte auf dem BÄK-Dialogforum junger Ärztinnen und Ärzte, wie sehr die ökonomischen Vorgaben in Krankenhäusern sie in ihrer Arbeit erdrücken, ihnen Zeit rauben und ihre Handlungsfreiheit einschränken. Aber sie machten auch klar, dass sie sich nicht damit abfinden wollen. Sie wollen etwas ändern, sie wollen aktiv die Versorgung im Krankenhaus und in der Praxis mitgestalten. Dieser unbedingte Gestaltungswille zog sich ebenfalls durch die Reden der Bewerber für die verschiedenen Ämter im Vorstand der Bundes­ärzte­kammer.

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Das ist ohne Wenn und Aber der richtige Weg: Nur wer sich aktiv in politische Bestrebungen einmischt, wer auch mal unbequem ist, kann sich der Einflussnahme durch die Politik erwehren, die Freiberuflichkeit stärken sowie die Arbeitsbedingungen verbessern. Das gilt erst recht für das große Thema im Gesundheitswesen: die Digitalisierung. Aussitzen oder gar Fundamentalabwehr ist fast schon fahrlässig. Ohne ärztliche Expertise werden Anwendungen und Prozessveränderungen nicht funktionieren und zu noch mehr Belastungen führen. Ärztliche Vorgaben dagegen werden Arbeitsalltag, medizinische Forschung und damit die Patientenversorgung verbessern. Noch aber ist die Situation geprägt von Arbeitsverdichtung, einer Schwächung der Selbstverwaltung und Eingriffen in den beruflichen Alltag, die den Frust unter den Ärzten verstärken. Wie dramatisch die Situation ist, macht die Zunahme der Suizidrate unter Ärzten deutlich. Die Sorge der Ärztinnen und Ärzte, sich im Hamsterrad des Gesundheitswesens nicht mehr ausreichend um die Patienten kümmern zu können, hörte man oft in den vier Tagen des Ärzteparlaments in Münster. Und das nicht nur, weil die Arztgesundheit das Schwerpunktthema war.

Der Wille zu gestalten, Forderungen zu formulieren und Verantwortung zu übernehmen, ist folgerichtig die Programmatik der drei Neuen an der Spitze der BÄK, wie Reinhardt und seine Vizepräsidentinnen, Dr. med. Ellen Lundershausen und Dr. med. Heidrun Gitter im Anschluss an den Ärztetag deutlich machten. Dafür sei eine Ärzteschaft notwendig, die geschlossen auftrete. Reinhardt will Kassenärztliche Bundesvereinigung, Lan­des­ärz­te­kam­mern und Berufsverbände zusammenbringen, damit die Ärzteschaft mit einer starken Stimme in der Gesundheitspolitik agiert. Man wolle sich einmischen. Am Ende müsse mehr Zeit für den Patienten stehen, so Reinhardt. Dem neuen BÄK-Präsidenten ist zu wünschen, dass ihm dies gelingt. Nur wenn der Mensch im Mittelpunkt steht, ist das Gesundheitswesen zukunftssicher. Denn Arztwohl ist auch Patientenwohl und umgekehrt.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 10. Juni 2019, 11:15

Ärztinnen und Ärzte nicht grenzenlos belastbar!

Der Deutscher Ärztetag sendet hier die richtigen Signale: Jedoch wird das Ganze durch die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) konterkariert. So fordert z. B. die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe in ihrem aktuellen "KVWL kompakt" 5/2019 https://www.kvwl.de/mediathek/kompakt/pdf/2019_05.pdf
eine totale "Erreichbarkeit in allen sprechstundenfreien Zeiten" außerhalb des Zentralen Vertragsärztlichen Notdienstes (ZND): "In den Zeiträumen vor und nach der Sprechstunde und insbesondere in der Mittagspause muss der Vertragsarzt seine Erreichbarkeit so organisieren, dass er in dringenden Fällen für die Patientenversorgung persönlich zur Verfügung steht."

Dieses Diktat permanenter Erreichbarkeit und totaler Verfügbarkeit, unabhängig von administrativ-bürokratischen, praxis-spezifischen, persönlichen, privaten, familiären, kulturellen, rekreativen, sozialpsychologisch bzw. biologisch zwingend notwendigen Alltags-Verrichtungen und Aktivitäten führt zu menschenunwürdigen, Pausen- und Arbeitszeiten missachtenden Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Burn-out, Erschöpfung, innere Emigration, Frustration, Depression, Deprivation, Verlust bio-psycho-sozialer Reflexions- und Schwingungsfähigkeit, Achtungs- und Aufmerksamkeitsdefizite sind unmittelbare Folgen.

Diese bahnen den Weg zu psycho-physischen Dekompensationen, chronischen Krankheitsentitäten, Genuss- und Substanzmittel-Missbrauch.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund