ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Heinrich Irenaeus Quincke und das Ei des Kolumbus

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Heinrich Irenaeus Quincke und das Ei des Kolumbus

Dtsch Arztebl 2019; 116(25): [92]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Auf Grund seiner innovativen Forschungsleistungen und der Erfindung der Lumbalpunktion war er siebenmal für den Nobelpreis für Medizin nominiert, ging aber stets leer aus. Heute ist sein Name fast nur noch mit einer Krankheit verknüpft, die Quincke selbst für ein Randproblem hielt.

Heinrich Irenaeus Quincke wurde am 26. August 1842 als jüngster von vier Söhnen des Medizinalrats Hermann Quincke in Frankfurt an der Oder geboren, das Taufregister führt 13 honorable Taufzeugen auf. Bald nach seiner Geburt siedelte die Familie nach Berlin um, wo der Vater als Hausarzt reicher Bürgerfamilien tätig war. Der ernsthaft veranlagte, fleißige Heinrich erhielt eine solide humanistische und naturwissenschaftliche Ausbildung. Während seiner Gymnasialzeit musste er auf Geheiß des Vaters zudem bei einem Schreiner eine Tischlerausbildung absolvieren – was seine angeborene Geschicklichkeit förderte und ihm später als Kliniker, wie er dankbar feststellte, von großem Nutzen war. Als 16-Jähriger begann er sein Medizinstudium in Berlin, dann auch in Würzburg und Heidelberg, das er 1863 mit der Promotion und 1864 mit dem Examen abschloss. Es folgte eine lange „Bildungstour“ zu Kliniken in Wien, Paris und London, bemerkenswert auch angesichts des zu dieser Zeit aufkommenden Nationalismus.

Seine berufliche Laufbahn begann Quincke als Assistent des Chirurgen Robert Friedrich Wilms am Diakonissenhaus Bethanien in Berlin. Mit 28 Jahren habilitierte er sich 1870 in Innerer Medizin, 1873 wurde er Professor für Innere Medizin und Direktor der Medizinischen Klinik in Bern. 1878 wechselte er in selber Funktion nach Kiel, wo er bis zu seiner Emeritierung drei Jahrzehnte lang sehr erfolgreich wirkte. Quincke beherrschte noch die gesamte innere, wenn nicht sogar ganze Medizin. Er erforschte Krankheiten der Leber und der Eisenspeicherung im Körper, die Veränderung der Erythrozyten bei perniziöser Anämie und die Verschiebung des Kapillarpulses bei Aortenklappen-insuffizienz (Quincke-Zeichen). Als Erster operierte er einen Lungenabszess und erfand die Hängelagerung von Patienten zur Verbesserung des Sekretabflusses bei Bronchiektasen (Quincke-Lagerung). Als seine größte Leistung gilt die von ihm 1891 vorgestellte Lumbalpunktion, die ihm weltweit Anerkennung eintrug und als Ei des Kolumbus gefeiert wurde. Dazu hatte er eine lange Hohlnadel konstruiert, um Cerebrospinalflüssigkeit zu entnehmen – zur Druckentlastung des Gehirns, Arzneimittelinjektion und dann auch zur Diagnostik von Hirn-Rückenmark-Liquor. Quincke war persönlich sachlich, akribisch, nie überheblich, seine Patienten und Studenten, denen er sich engagiert widmete, schätzten ihn. Die gesunde Lebensweise, die er, seiner Zeit voraus, predigte, praktizierte er selbst. Er aß und trank mäßig, schlief selbst im Winter nur leicht zugedeckt bei offenem Fenster und turnte jeden Morgen, nachdem er zuvor kalt gebadet hatte.

Anzeige

Bei bester Gesundheit wurde er 1908 mit 65 Jahren emeritiert und zog mit seiner Frau nach Frankfurt am Main, wo er als Honorarprofessor und am Senckenberg Forschungsinstitut neue Aufgaben fand. Jedoch fehlten ihm Klinik, Patienten und wirkliche berufliche Herausforderungen, die ihn zeitlebens ausgefüllt hatten. Trotz seiner großen medizinischen Leistungen und einer siebenmaligen Nominierung für den Nobelpreis zwischen 1909 und 1922 wurde ihm diese höchste Auszeichnung mit diversen Begründungen nicht zuteil, etwa weil seine Arbeit zur Lumbalpunktion zu lange zurückläge und zuletzt wegen seines hohen Alters. Kurz vor seinem 80. Geburtstag wurde Quincke 1922 tot an seinem Schreibtisch aufgefunden, den er als Jugendlicher voller Stolz selbst geschreinert hatte. Die Akten des Frankfurter Standesamts vermerken als Ursache: „Schuss in den Mund – Selbstmord.“ Sabine Schuchart

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich Irenaeus Quincke#/media/-File:Heinrich I. Quincke.jpg
Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich Irenaeus Quincke#/media/-File:Heinrich I. Quincke.jpg

1882 veröffentlichte der Internist Heinrich I. Quincke (1842–1922) in den „Monatsheften für Praktische Dermatologie“ einen Aufsatz, in der er das akute Angioödem erläuterte, eine bis dahin unter diversen Namen geschilderte rätselhafte Schwellung von Haut bzw. Schleimhäuten durch Flüssigkeitsansammlung in tieferen Gewebsschichten. Oft sind Gesicht, Genitalien und Extremitäten betroffen; schwillt der Rachenbereich an, besteht Lebensgefahr. Nahrungsmittel und Medikamente spielen, wie Quincke erkannte, eine wichtige auslösende Rolle. Er war zwar nicht der Erstbeschreiber des Phänomens, aber seine Darstellung so sachkundig und umfassend, dass sich dafür Anfang des 20. Jahrhunderts sein Name als Eponym weltweit eingebürgert hatte. Nach seinem Aufsatz setzte eine Flut weiterer Veröffentlichungen ein, die Pathogenese der verschiedenen Formen des Quincke-Ödems ist bis heute nicht vollständig geklärt.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema