ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Von schräg unten: Anamnese

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Anamnese

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): [52]

Böhmeke, Thomas

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Die Anamnese ist der Auftakt jeder erfolgreichen ärztlichen Behandlung. Hier dürfen unsere Schutzbefohlenen frei über alles berichten, was sie schmerzt und plagt, was sie drückt und betrübt. Betrüblich und bedrückend ist allerdings die Tatsache, dass wir Ärzte unsere Patienten nach durchschnittlich 18 Sekunden unterbrechen, obwohl schon die Regenbogenpresse immer wieder darauf hinweist, dem Arzt alles, aber auch wirklich alles zu erzählen. Aber im Angesicht übervoller Wartezimmer können wir es uns gar nicht leisten, längeren Redeflüssen zu lauschen, sondern sind gezwungen, in kürzester Zeit mit zielgerichteten Fragen auf den Kern des Problems zu kommen. Trotzdem sind 18 Sekunden einfach eine Schande, daher habe ich mir heute vorgenommen, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, also den Patienten wirklich aussprechen zu lassen.

Der erste Notfall, bitte. „Also, Herr Doktor, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mir geht!“ Oh, das wird schwierig. „Mir geht es so, ja also, wie soll ich das sagen, also wirklich schlecht!“ Oje, die Differenzialdiagnose des Schlechtfühlens umfasst gefühlte tausend Ursachen. „Das ist schon meiner Nachbarin aufgefallen, das müssen Sie sich mal vorstellen!“ Nein, vorstellen kann ich mir grade mal noch gar nichts. „Die hatte mich im Flur getroffen, und was glauben Sie, was sie zur mir gesagt hat?!“ Nein, ich werde nicht antworten, ich habe geschworen, ihn alles schildern zu lassen, ohne zu unterbrechen. „Meine Güte, hat sie zu mir gesagt, Sie sehen aber miserabel aus! Waren Sie denn schon beim Arzt? Und dann habʼ ich zu mir gesagt: Ja, das ist richtig, ich muss wohl mal zum Arzt gehen!“ Thomas, reißʼ dich zusammen, haltʼ deine Klappe, die Leser des schauen dir kritisch über die Schulter! „Also bin ich zu meinem Hausarzt gegangen, Und auf dem Weg dahin, da habe ich mich auch nicht gut gefühlt, obwohl der sehr kurz ist!“ Mein Weg zur Diagnose wird definitiv sehr, sehr lang sein. „Als ich da in der Praxis angekommen bin, habe ich gleich der Arzthelferin erklärt, dass ich mich komisch fühle!“ Das hat er schon viermal gesagt. Hoffentlich bringt er das nicht noch vierzigmal vor, bis er endlich zum Punkt kommt. „Und die Arzthelferin guckte mich an und sagte: ‚Jaja, Sie sehen wirklich merkwürdig aus, so anders!‘“ Mir wird auch schon ganz anders, aber: Ich werde ihn nicht unterbrechen!

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„Ach, da muss ich Ihnen noch was ganz, ganz Wichtiges sagen: Ich war mal in Behandlung bei diesem Professor, das ist schon dreißig Jahre her, also diesem Professor Dingsbums, den kennen Sie doch sicher!“ Nein, mir ist kein habilitierter Kollege gleichen Namens bekannt. „Und dieser Professor Dingsbums, der hat doch tatsächlich mal zu mir gesagt, ich sei einmalig!“ Stellt sich die Frage, was genau der Kollege damit gemeint hatte. „Und bei mir wäre es alles ganz besonders, halt so einmalig, das müssen Sie doch auch wissen!“ Und ich weiß, offen gedacht, immer noch nichts, was in irgendeiner Form für eine medizinische Behandlung von irgendeiner Bedeutung wäre. „Tja, da haben sich schon viele Ihrer Kollegen an mir versucht, aber der Professor hat das erkannt!“

Ich erkenne, dass diese Anamnese pure Zeitverschwendung ist, bitte ihn, sich noch mal ins Wartezimmer zu setzen und seine Beschwerden dem Anamnesebogen anzuvertrauen. Vielleicht klappt das ja. Aber wenn jetzt noch jemand kommt, der es schafft, immer weniger als nichts zu sagen, je länger er redet, dann melde ich mich akut berufsunfähig. Oder springe aus dem Fenster.

Der Nächste, bitte! „Guten Tag, ich habe seit vierzehn Tagen bei Anstrengung ein Druckgefühl auf der Brust. Ich bin vor drei Jahren kathetert worden, die CD der Untersuchung habe ich Ihnen mitgebracht.“ Mir entfährt ein Schrei und ich tanze ekstatisch durch das Sprechzimmer. Der Patient fragt völlig verblüfft meine Fachangestellte: „Was hat er denn? Habe ich was falsch gemacht?“ „Nein, nein, keine Sorge, Sie haben alles richtig gemacht, Sie haben unseren Doktor sogar richtig glücklich gemacht!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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