ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Fortpflanzungsmedizin: Plädoyer für ein neues Gesetz

POLITIK

Fortpflanzungsmedizin: Plädoyer für ein neues Gesetz

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): A-1262 / B-1038 / C-1026

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dringenden gesetzlichen Handlungsbedarf mahnen Wissenschaftler der Leopoldina an: Mit ihrer im Juni veröffentlichten Stellungnahme fordern sie eine umfassende Neuregelung der Reproduktionsmedizin in Deutschland und ein einheitliches Fortpflanzungsmedizingesetz.

Foto: kzenon/iStock
Foto: kzenon/iStock

Künstliche Befruchtung, Kryokonservierung, Eizellspende, Embryonenspende, Leihmutterschaft – das relativ junge Fachgebiet der Fortpflanzungsmedizin ist geprägt von rasanten medizinischen Fortschritten und Möglichkeiten, aber zugleich schwierigen ethischen Entscheidungen. In der gesellschaftlichen Debatte spiegeln sich diese jedoch momentan kaum wider. Stattdessen sind in Deutschland viele neue reproduktionsmedizinische Verfahren durch das aus dem Jahr 1990 stammende Embryonenschutzgesetz verboten, andere wiederum rechtlich überhaupt nicht geregelt – eine unbefriedigende Situation für Ärzte und Patienten.

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Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaft Leopoldina und der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften fordern deshalb jetzt eine umfassende Neuregelung der Reproduktionsmedizin in Deutschland sowie ein einheitliches Fortpflanzungsmedizingesetz. In ihrer Anfang Juni veröffentlichten Stellungnahme „Fortpflanzungsmedizin in Deutschland – für eine zeitgemäße Gesetzgebung“ beschreiben sie einen dringenden gesetzlichen Handlungsbedarf.

Ärzteschaft kritisiert Lücken

Diesen mahnte die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zuletzt im vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung einer neuen „Richtlinie zur Entnahme und Übertragung von menschlichen Keimzellen im Rahmen der assistierten Reproduktion“ ebenfalls an. Bereits im Jahr 2007 hatte der Vorstand der BÄK einen Arbeitskreis des Wissenschaftlichen Beirats beauftragt, sich mit den Fragen der reproduktionsmedizin zu befassen. Die gesetzlichen Regelungslücken waren für den Wissenschaftlichen Beirat der BÄK der Grund, die „Musterrichtlinie zur Durchführung der assistierten Reproduktion“ aus dem Jahr 2006 nicht fortzuschreiben.

„Wir wollen eine Diskussion anstoßen, die dann hoffentlich in der Geburt eines neuen Gesetzes mündet.“ Jochen Taupitz, Medizinrechtler. Foto: dpa
„Wir wollen eine Diskussion anstoßen, die dann hoffentlich in der Geburt eines neuen Gesetzes mündet.“ Jochen Taupitz, Medizinrechtler. Foto: dpa

Stattdessen erarbeitete der Beirat die neue Richtlinie, wobei er strikt die medizinisch-wissenschaftlichen Fragestellungen von den gesellschaftspolitischen Aspekten trennte. Nach Abschluss dieser vom BÄK-Vorstand priorisierten Arbeiten hat der Arbeitskreis „Offene Fragen der Reproduktionsmedizin“ seine Beratungen wieder aufgenommen. Die Beschränkung der neuen Richtlinie – die im Juni vor einem Jahr veröffentlicht wurde (Deutsches Ärzteblatt, Heft 22/2018) auf rein medizinische Sachverhalte begrüßt Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz, Sprecher der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Fortpflanzungsmedizin“ der Leopoldina und der Akademienunion. „Das halte ich für eine gute Entwicklung. Damit sind potenzielle Konflikte entschärft“, sagt er dem Deutschen Ärzteblatt.

Doch viele offene Fragen bleiben: „Das größte Manko ist für mich, dass es den deutschen Fortpflanzungsmedizinerinnen und -medizinern nicht erlaubt ist, die deutschen Paare nach dem Stand des internationalen Wissens zu behandeln und zu beraten. Sie müssen ihnen eine schlechtere Behandlung anbieten“, erklärt der Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim. „Die derzeitigen rechtlichen Regelungen sind lückenhaft und orientieren sich nicht immer am Wohl des Kindes.“

Zudem sei die bestehende Rechtslage für betroffene Frauen und Paare häufig mit Gewissenskonflikte behaftet, wenn sie im Ausland planten, ein in Deutschland verbotenes Verfahren in Anspruch zu nehmen. „Dabei sind die Verfahren in vielen internationalen Studien hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Reproduzierbarkeit der Technik belegt“, erläutert Taupitz. „Beraten Ärzte jedoch zu den neuen Möglichkeiten, drohen ihnen Freiheits- oder Geldstrafen. Das Embryonenschutzgesetz ist ein Strafgesetz.“

Als besonders reformbedürftig sehen die Wissenschaftler der Leopoldina die Regelungen zur Eizell- und Embryonenspende sowie zur künstlichen Befruchtung an. Auch über die Möglichkeit einer Leihmutterschaft müsse sich die Gesellschaft verständigen. „Wir wollen eine Diskussion anstoßen, die dann hoffentlich in der Geburt eines neuen Gesetzes mündet“, so Taupitz.

„Wir könnten ohne Nachteile den Elective-Single-Embryo-Transfer in Deutschland einführen.“ Annika Ludwig, niedergelassene Gynäkologin. Foto: privat
„Wir könnten ohne Nachteile den Elective-Single-Embryo-Transfer in Deutschland einführen.“ Annika Ludwig, niedergelassene Gynäkologin. Foto: privat

Regelrecht herbeigesehnt werden neue gesetzliche Regelungen von den deutschen Reproduktionsmedizinern. „Die Kollegen in anderen Ländern haben einfach mehr Möglichkeiten, ihren Patientinnen und Patienten zu helfen“, sagt Prof. Dr. med. Annika Ludwig dem Deutschen Ärzteblatt.

Für besonders dringlich hält es die in Hamburg niedergelassene Gynäkologin, die Embryonenselektion bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) zuzulassen. „Wir könnten ohne Nachteile den Elective-Single-Embryo-Transfer in Deutschland einführen“, meint sie. Bei dieser Methode wird aus einer größeren Zahl von Embryonen nur derjenige mit der größten Entwicklungsfähigkeit ausgewählt und nur dieser der Frau bei der IVF übertragen – völlig unabhängig von seiner genetischen Ausstattung. Doch momentan ist dies bei Strafe untersagt. „Stattdessen müssen Mehrlingsschwangerschaften mit Frühgeburten in Kauf genommen werden“, bedauert Ludwig.

Gefahren durch die Zulassung eines Elective-Single-Embryo-Transfers sieht die Gynäkologin, die sich auch in der Arbeitsgruppe „Fortpflanzungsmedizin“ der Leopoldina engagiert, keine. „Die Schwangerschaftsrate pro Punktion ist genauso hoch wie beim Transfer mehrerer Embryonen“, erläutert sie. Aber es werde die Mehrlingsrate mit all ihren Risiken deutlich reduziert. Dies sei nicht zu unterschätzen: „Zwillinge haben ein fünffach erhöhtes Risiko, neonatal zu versterben. Zudem ist das Risiko von Schädigungen, wie Zerebralparesen, Darmnekrosen oder Hirnblutungen, bei Frühchen erhöht.“

Verboten hatte der Gesetzgeber den Single-Embryo-Transfer ursprünglich aufgrund einer befürchteten Selektion von Embryonen – für die meisten Gynäkologen heutzutage kein stichhaltiges Argument. „Man schaut lediglich nach morphologischen Kriterien, also nach den Entwicklungschancen des frühen Embryos“, erläutert Ludwig. Eigenschaften oder Geschlecht würden weder selektiert noch beeinflusst.

Auch aus ethischer Perspektive hält Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann, Mitglied der Arbeitsgruppe und Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin in Göttingen, die Zulassung des Elective-Single-Embryo-Transfers in Deutschland für gerechtfertigt. Sicherlich werde dabei die Verwerfung von Embryonen in Kauf genommen, räumte sie bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Präsentation der Leopoldina-Stellungnahme Anfang Juni in Berlin ein. „Aber wir sollten die Lebenswelt der Paare sowie das Wohl von Mutter und Kind während der Schwangerschaft in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen stellen“, betont die Medizinethikerin und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Das geltende Recht zwinge Fortpflanzungsmediziner zu einer dem heutigen internationalen Stand nicht mehr angemessenen Behandlung und führe zu unnötigen Risiken für Mutter und Kind. „Mit der Stellungnahme wollen wir zeigen, welche Probleme wegen des Embryonenschutzgesetzes entstehen.“

Probleme aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen und zahlreichen offenen Fragen in der Reproduktionsmedizin sieht auch die deutsche Ärzteschaft. So betonte bereits der 116. Deutsche Ärztetag 2013: „Nur der Gesetzgeber ist legitimiert, diese das menschliche Leben elementar berührenden Fragen verbindlich zu entscheiden.“ Ähnlich positionierte sich auch der 120. Deutsche Ärztetag 2017 und forderte Antworten vom Gesetzgeber auf die zahlreichen offenen gesellschaftlichen Fragen in der Reproduktionsmedizin.

In einer regelrechten Dilemmasituation fühlen sich Gynäkologen häufig bei der Beratung von Kinderwunschpaaren. Über fragwürdige Angebote im Ausland dürfen sie nicht aufklären. Foto: Your Photo Today
In einer regelrechten Dilemmasituation fühlen sich Gynäkologen häufig bei der Beratung von Kinderwunschpaaren. Über fragwürdige Angebote im Ausland dürfen sie nicht aufklären. Foto: Your Photo Today

Einheitliches Gesetz gefordert

„Am dringlichsten erscheint mir eine politische Diskussion über die Eizellspende“, sagt Prof. Dr. med. Jan-Steffen Krüssel, einer der Federführenden des entsprechenden Arbeitskreises des Wissenschaftlichen Beirates der BÄK, anlässlich der Veröffentlichung der neuen Richtlinie dem Deutschen Ärzteblatt. Auch der Single-Embryo-Transfer und damit die Auswahl des Embryos mit dem besten Entwicklungspotenzial sollte nach Ansicht des Leiters des Universitären Interdisziplinären Kinderwunschzentrums Düsseldorf (UniKiD) an der Frauenklinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf rechtlich eindeutig geregelt werden.

„Der Gesetzgeber sollte ein einheitliches Fortpflanzungsmedizingesetz erlassen, das bestehende Gesetze und Vorschriften in widerspruchsfreier Form zusammenfasst, bisher nicht erfasste Bereiche einschließt und überholte Regelungen aktualisiert“, forderte auch Prof. Dr. med. Eberhard Nieschlag, der ebenfalls federführend an der Erstellung der neuen Richtlinie beteiligt war. Generell sollten der Gesetzgeber und die Standesorganisationen „alles daransetzen, der weiteren Kommerzialisierung der Reproduktionsmedizin Einhalt zu gebieten und der menschlichen Fortpflanzung – auch in vitro – weiterhin einen würdevollen Rahmen zu garantieren“, betonte der ehemalige Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie des Universitätsklinikums Münster.

Zurück zum aktuellen Leopoldinapapier: Auch hier steht die Problematik, dass die Samenspende in Deutschland erlaubt, die Eizellspende jedoch verboten ist, im Vordergrund. „Diese Ungleichbehandlung lässt sich schwerlich rechtfertigen. Wir empfehlen deshalb, dieses Verbot aufzuheben“, sagt Taupitz.

Die Gründe, die zu diesem Verbot geführt hätten, seien mittlerweile entkräftigt: „Wegen fehlender Erfahrungen hat der Gesetzgeber 1990 bei der Ausgestaltung des Embryonenschutzgesetzes Risiken bei der Eizellspende gesehen“, erläutert der Jurist. „Insbesondere hat er seelische Konflikte und Identitätsfindungsprobleme bei den nach einer Eizellspende geborenen Kindern befürchtet, wenn sie erfahren, dass sie zwei Mütter – eine genetische und eine austragende – haben.“

Internationale Studien

Mittlerweile gebe es aber Erfahrungen im Ausland. „Es hat sich gezeigt, dass diese Befürchtungen unbegründet sind. Die Kinder entwickeln ebenso wenig psychische Probleme wie durch eine Samenspende gezeugte Kinder“, so Taupitz. Entscheidend sei vielmehr, ob das Kind entsprechend aufgeklärt sei und in welchen Umfeld es aufwachse. „Dies muss der Gesetzgeber in neue Überlegungen einbeziehen. Er hat jetzt keinen Grund mehr, in die Fortpflanzungsfreiheit der Menschen einzugreifen.“

Nach Ansicht von Gynäkologen ist mittlerweile auch die Gewinnung von Eizellen schonend und ohne schwerwiegende Nebenwirkungen für die Spenderin möglich. „Eine Legalisierung der Eizellspende in Deutschland wäre wünschenswert“, meint Ludwig. Häufig fühle sie sich wegen der derzeitigen Rechtslage in einer Dilemmasituation. „Es erschließt sich für die Patientinnen nicht, warum bei andrologischen Ursachen einer Kinderlosigkeit eine Samenzellspende, bei gynäkologischen Ursachen jedoch keine Eizellspende möglich ist. Das Dilemma in der Praxis ist, dass wir dazu unsere Patientinnen nicht mal beraten dürfen“, sagte sie. Diese seien dann angewiesen auf Fertilitätsmessen und zweifelhafte Informationen im Internet, wo Werbungen von Kliniken im Ausland zu finden sind, die zum Teil sehr unseriös sind. „Ich würde sie gern durch diesen Informationsdschungel leiten, ohne eine direkte Empfehlung abzugeben. Das darf ich jedoch nicht. Fragen zur anonymen Eizellspende und damit der unbekannten Abstammung bleiben deshalb oft ungeklärt.“

„Zwischen 2 000 und 3 000 deutsche Frauen gehen jährlich wegen einer Eizellspende ins Ausland, obwohl sie wissen, dass sie dort womöglich schlechter behandelt werden“, unterstreicht auch Prof. Dr. med. Heribert Kentenich vom Fertility Center Berlin bei der Vorstellung der Stellungnahme der Wissenschaftsakademien in Berlin. Im Ausland werde aber oft lediglich eine anonyme Eizellspende praktiziert, wodurch dem Kind das verfassungsrechtlich verbriefte Recht auf Kenntnis seiner Abstammung versagt bleibe. „Unser Abstammungsrecht läuft sozusagen ins Leere“, erklärt Taupitz dem Deutschen Ärzteblatt. Aber auch darüber dürften Ärzte nicht aufklären. „Sie dürfen den Ratsuchenden keinen validen Rat geben.“

Gefahr der Kommerzialisierung

Dass mit einer möglichen Legalisierung der Eizellspende in Deutschland auch die Gefahr einer Kommerzialisierung bestehen könnte, weisen die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme nicht von der Hand. Sie halten sie jedoch für minimierbar. England habe beispielsweise eine gute Regelung gefunden, erläutert Kentenich. Eine Eizellspenderin erhalte dort etwa 175 britische Pfund als Aufwandsentschädigung.

„Es muss eine Aufwandsentschädigung gezahlt werden – einfach, weil die Frau zwei Wochen lang Hormone nehmen und eine Punktion vornehmen lassen muss“, meint auch Ludwig. Die Entschädigung dürfe aber nicht zu hoch sein. Zudem müsse gesichert sein, dass nicht durch Stimulation versucht werde, die maximale Ausbeute an Eizellen zu erzielen und dass die maximale Anzahl der Zyklen begrenzt werde.

„Rein altruistische Spenden wird es sicher nur sehr wenige geben“, meint Ludwig. „Altruistische Gründe spielen aber immer auch eine Rolle – das wissen wir aus spanischen Untersuchungen.“ Die Eizellspende wie bei der Lebendorganspende an persönliche Nähe zu koppeln hält die Gynäkologin dagegen für schwierig: „Wenn die Distanz fehlt, ist schnell ein dritter Part bei der Elternschaft mit im Boot“, befürchtet sie. „Es ist nicht sicher, ob das die bessere Alternative ist.“

Dringend benötigt wird nach Ansicht vieler Experten auch eine klare gesetzliche Regelung für die Spende und den Empfang überzähliger Embryonen, die zunehmend im Rahmen der Reproduktionsmedizin entstehen. „Eine Embryonenspende erlaubt das geltende Recht momentan nur in Ausnahmefällen“, erklärt Taupitz.

Um die Elternschaft klar zu regeln und Kindern das Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung zu wahren, schlagen die Wissenschaftsakademien vor, das bestehende Samenspenderregister um Eizellspenden und Embryonenspenden zu erweitern. Werden bei der künstlichen Befruchtung Keimzellen von Dritten verwendet, sollten die Wunscheltern mit der Geburt des Kindes auch dessen rechtliche Eltern werden.

Regelungsbedürftig ist nach Ansicht der Wissenschaftler zudem die Kryokonservierung von Eizellen, die in den letzten Jahren rapide zugenommen hat: An vielen fortpflanzungsmedizinischen Zentren würden Eizellen kryokonserviert, zum Beispiel aus medizinischen Gründen vor einer Chemotherapie, schreiben sie. Im Interesse der Frau, des Paares und des zukünftigen Kindes brauche man jetzt gesetzliche Rahmenbedingungen für die Aufbewahrung, Befruchtung und Übertragung. Zudem ist nach Ansicht des interdisziplinären Gremiums eine Beschränkung der Finanzierung von künstlicher Befruchtung bei gesetzlich versicherten Paaren auf Ehepaare sowie auf enge Altersgrenzen medizinisch und gesellschaftlich kaum zu rechtfertigen. Die nur teilweise Erstattung der erheblichen Kosten der Behandlungen schaffe soziale Ungerechtigkeiten.

Änderungsbedarf bei der PID

Nach Ansicht der Akademien sollten auch die Regelungen bezüglich der seit 2011 unter bestimmten Voraussetzungen zulässigen Präimplantationsdiagnostik (PID) geändert werden. Insbesondere kritisieren sie eine uneinheitliche Entscheidungspraxis der Kommissionen sowie unterschiedlich hohe Kosten. Deshalb plädieren sie dafür, die Genehmigung durch eine Ethikkommission entfallen zu lassen. Stattdessen solle die Ärztin oder der Arzt mit den Patienten unter psychosozialer Beratung die Entscheidung treffen. Die Kosten für die PID sollten von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) übernommen werden – eine Forderung, die auch von Humangenetiker Prof. Dr. med. Claus Bartram geteilt wird (siehe 3 Fragen an ...).

Skepsis in der Politik

Von der Politik wurde die Stellungnahme der Akademien sehr unterschiedlich aufgenommen: Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, kann sich die Zulassung einer Eizellspende nicht vorstellen. „Ich möchte keine Embryonenverwerfung“, sagte sie am Abend der Präsentation in Berlin. Auch bezüglich der anderen Änderungsvorschläge der Akademien müsse sich die Gesellschaft fragen, ob sie die Empfehlungen der Wissenschaft übernehmen möchte.

Sabine Dittmar, Ärztin und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, steht dagegen einer Gleichstellung von Eizell- und Samenspende offen gegenüber. „Ich sehe keine Grundlage für eine unterschiedliche Behandlung“, sagte sie. Auch überzählige Embryonen sollten nach ihrer Meinung implantiert werden können.

Nach Ansicht von Kirsten Kappert-Gonther, ebenfalls Ärztin und Grünen-Obfrau im Gesundheitsausschuss des Bundestages, sollte die Gesetzgebung für die Fortpflanzungsmedizin zwar reformiert werden, es seien aber noch viele ethischen Fragen zu beantworten. „Fest steht für mich: Eine Kommerzialisierung der Eizellspende darf es nicht geben“, betonte sie. Gut gefiele ihr dagegen der Leopoldinavorschlag des Vorhaltens einer fakultativen psychosozialen Beratung für alle Paare, die fortpflanzungsmedizinische Maßnahmen in Anspruch nehmen würden. Alle Politikerinnen betonten, dass es sich um ihre Einzelmeinung handele. Die Fortpflanzungsmedizin als vielschichtiges medizinethisches Thema müsse interfraktionell diskutiert werden. Gesetzesänderungen könnten nur auf der Basis von Gruppenanträgen angestrebt werden. In Sicht sind diese jedoch nicht.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Claus Bartram, Direktor des Instituts für Humangenetik, Universität Heidelberg

Brauchen wir ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz?

Ja, es müssen unterschiedliche Aspekte neu geregelt werden – ein ganzes Bündel, das bisher nur in Einzelaspekten dargestellt ist. Unter Medizinern ist es Konsens, dass diese zusammengeführt und gemeinsam geregelt werden sollten, damit wir aus den Grauzonen herauskommen. Das betrifft beispielsweise den Single-Embryo-Transfer.

Sehen Sie auch Regelungsbedarf bei der Präimplantationsdiagnostik (PID)?

Die PID wird nur von einem sehr kleinen Teil der Menschen wahrgenommen, da die Methode immer eine künstliche Befruchtung voraussetzt. Die meisten wollen auf natürlichem Weg ein Kind bekommen und dann eine Pränataldiagnostik (PND) machen. Wir haben in Deutschland nur ein paar Hundert Fälle pro Jahr – das war auch die Vorhersage. Man fragt sich allerdings, warum die PID nicht auch wie die PND eine Kassenleistung ist. Wir erleben es in der humangenetischen Beratung sehr häufig, dass die Menschen die Kosten von 10 000 bis 15 000 Euro nicht aufbringen können. Damit ist das eine Zwei-Klassen-Medizin, gegen die ich mich wende. Diese unbefriedigende Situation sollte auch mit einem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz verändert werden.

Sollte man Eizellspende und Leihmutterschaft erlauben?

Die Eizellspende sollte zugelassen werden und gleichberechtigt zur Samenzellspende behandelt werden. Beide werden ja zur Zeugung eines Kindes auch gleichberechtigt benötigt. Zwar sind Eizellen schwieriger zu gewinnen, aber die Methoden sind heutzutage mit weniger Nebenwirkungen verbunden. Allerdings sollte das Alter der Frau, die die Eizellen erhält, begrenzt werden. Eine Schwangerschaft über das biologische Alter hinaus ist nicht sinnvoll. Eine Leihmutterschaft bewerte ich anders, weil es hier zu großen Konflikten bei den Frauen, die das Kind austragen, kommen kann. Dies sollte vermieden werden.

Ein Dschungel an Regelungen

Die Reproduktionsmedizin ist deutlichen Veränderungen unterworfen. Viel hat sich seit 1978 getan, dem Jahr, das als Start der modernen Reproduktionsmedizin mit der Geburt von Louise Brown gilt. Das erste in Deutschland mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugte Kind wurde 1982 am Universitätsklinikum Erlangen geboren.

Danach wurden verschiedene Gesetze erlassen, die die Reproduktionsmedizin betreffen und die mittlerweile zu einem Dschungel an Regelungen geführt haben.
Zu erwähnen ist das Embryonenschutzgesetz (ESchG) von 1990, das – trotz wissenschaftlicher Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin einerseits und gesellschaftspolitischer Veränderungen andererseits – im Wesentlichen unverändert bis heute Gültigkeit besitzt.

Weitere gesetzliche Eckpunkte sind beispielsweise das Gewebegesetz von 2007 zur Umsetzung der EU-Geweberichtlinien sowie auch die infolge eines Urteils des Bundesgerichtshofs erlassenen Regelungen zur Präimplantationsdiagnostik (PID) von 2010. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung wurde 2018 durch das Samenspenderregistergesetz (SaRegG) gesetzlich verankert.

Der Arbeitskreis des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer setzte deshalb die (Muster-)Richtlinie zur „Durchführung der assistierten Reproduktion“ der Bundes­ärzte­kammer aus dem Jahr 2006 nicht fort, sondern erarbeitete 2018 eine neue Richtlinie auf der Basis der durch das Gewebegesetz geschaffenen Rechtsgrundlage nach § 16 b Transplantationsgesetz (TPG), wobei er sich auf die medizinisch-wissenschaftlichen Fragestellungen konzentrierte und keine Interpretationen von rechtlich nicht eindeutig geregelten, gesellschaftspolitischen Fragen vornahm. ER

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