ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Das Gespräch mit Dr. Chaand Nagpaul, Vorstandsvorsitzender der British Medical Association: Der Brexit wird den Ärztemangel drastisch verschärfen

THEMEN DER ZEIT: Das Gespräch

Das Gespräch mit Dr. Chaand Nagpaul, Vorstandsvorsitzender der British Medical Association: Der Brexit wird den Ärztemangel drastisch verschärfen

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): A-1270 / B-1045 / C-1033

Korzilius, Heike

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Der Allgemeinarzt fordert ein zweites Referendum zum Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) und betont den Schulterschluss der Ärztinnen und Ärzte in Europa.

Chaand Nagpaul: Der Allgemeinarzt arbeitet seit 28 Jahren in einer Gemeinschaftspraxis im Norden Londons. Fast ebenso lange engagiert er sich in der Berufspolitik. Seit 2017 ist er Vorsitzender der British Medical Association. Sie ist sowohl Berufsverband als auch Gewerkschaft für 150 000 Mitglieder. Foto: Thorsten Maybaum
Chaand Nagpaul: Der Allgemeinarzt arbeitet seit 28 Jahren in einer Gemeinschaftspraxis im Norden Londons. Fast ebenso lange engagiert er sich in der Berufspolitik. Seit 2017 ist er Vorsitzender der British Medical Association. Sie ist sowohl Berufsverband als auch Gewerkschaft für 150 000 Mitglieder. Foto: Thorsten Maybaum

Stehende Ovationen für Dr. Chaand Nagpaul. Der Vorstandsvorsitzende der British Medical Association (BMA) hatte zuvor in einem Grußwort an den 122. Deutschen Ärztetag in deutlichen Worten vor den Folgen des Brexits für das staatliche britische Gesundheitssystem gewarnt. Zugleich hatte er betont, dass die BMA auch nach dem Brexit vollwertiges Mitglied des Ständigen Ausschusses der Ärzte in der Europäischen Union (CPME) bleibe: „ein Schulterschluss der europäischen Ärzte, die die Zusammenarbeit über egozentrische Politik stellen“, sagte er unter dem Beifall der Abgeordneten des Ärzteparlaments Ende Mai in Münster.

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Nagpaul ist noch immer sichtlich bewegt, als er kurz darauf zum verabredeten Gespräch kommt. Die Reaktion des Ärztetags zeige ihm, dass den Ärzten in Europa die Gesundheitsversorgung ihrer Patienten und ihr professionelles Selbstverständnis wichtiger seien als Parteiinteressen. „Denn der Brexit wird unsere Berufsausübung und die Patientenversorgung entscheidend beeinflussen, nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern in ganz Europa“, zeigte sich Nagpaul überzeugt. Darüber sei die Öffentlichkeit weder vor noch nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016 ausreichend informiert worden. Deshalb setze sich die BMA für eine zweite Volksabstimmung ein. Die Menschen im Vereinigten Königreich hätten ein Recht darauf, eine informierte Entscheidung zu treffen, sie müssten, wie in der Medizin, Wirkung und Nebenwirkungen gegeneinander abwägen können.

Der Allgemeinarzt unterfüttert die Forderung seines Verbandes mit Zahlen: „Unser Gesundheitssystem funktioniert nicht ohne die 21 000 Ärztinnen und Ärzte aus anderen EU-Staaten.“ Diese stellten fast zehn Prozent des ärztlichen Personals. „Wir können es uns nicht leisten, auch nur einen von ihnen zu verlieren“, sagte Nagpaul. Der Ärztemangel sei derzeit eine der größten Herausforderungen im National Health Service (NHS). Zum Vergleich: In Großbritannien komme ein Arzt auf 360 Einwohner. In Deutschland dagegen versorge ein Arzt im Durchschnitt 243 Patienten. Im EU-Durchschnitt liege dieser Wert bei 1 zu 288. Vor diesem Hintergrund sei es besorgniserregend, dass Umfragen der BMA zufolge mehr als ein Drittel der Ärzte aus anderen EU-Staaten nach dem Brexit-Beschluss mit dem Gedanken spiele, das Land zu verlassen.

Freizügigkeit bedroht

Besonders problematisch sei die Lage in Nordirland. „Insbesondere die Versorgung mit spezialärztlichen Leistungen wurde in den vergangenen Jahren grenzübergreifend mit der Republik Irland organisiert“, erklärte der BMA-Vorsitzende. Würden Grenzen infolge des britischen EU-Austritts geschlossen, müssten schwer kranke Patienten aus Nordirland womöglich statt nach Dublin mit dem Flugzeug oder dem Schiff nach Liverpool transportiert werden.

Ursprünglich sollte Großbritannien bereits am 29. März die EU verlassen. Da das britische Parlament sich aber auf kein Ausstiegsszenario einigen konnte und dem von Premierministerin Theresa May verhandelten Austrittsabkommen mit der EU die Zustimmung verweigerte, vereinbarte man mit Brüssel eine Verlängerung der Ausstiegsfrist bis zum 31. Oktober. Ein Brexit ohne Abkommen ist damit allerdings nicht abgewendet. „Solange es keinen Austrittsvertrag gibt, ist völlig unklar, was aus den Regelungen zur Freizügigkeit von Arbeitnehmern und zur gegenseitigen Anerkennung von Berufsqualifikationen wird“, sagte Nagpaul. „Wir müssen dafür sorgen, dass die 2 000 deutschen Ärztinnen und Ärzte, die zurzeit im Vereinigten Königreich arbeiten, das auch weiterhin tun können. Dasselbe gilt für die mehr als 300 Medizinstudierenden aus Deutschland.“ Es gebe zudem eine ganze Reihe von Ärzten aus der EU, die zwischen ihren Arbeitsplätzen in ihren Heimatländern und Großbritannien pendelten. „Wenn das nicht mehr möglich ist, weil europäische Regelungen nicht mehr gelten, verlieren wir diese Ärzte vielleicht sogar an das nicht europäische Ausland“, befürchtete Nagpaul. „Dieser Verlust würde dann nicht nur das Vereinigte Königreich, sondern ganz Europa treffen.“ Es sei den Bemühungen seines Verbandes geschuldet, dass der EU-Chefunterhändler für den Brexit, Michel Barnier, zumindest zugesagt habe, dass die britischen Ärzte, die vor dem Brexit in anderen EU-Staaten gearbeitet hätten, dies auch weiterhin tun könnten. Unter welchen Bedingungen Ärzte nach dem Brexit in der EU arbeiten könnten, sei ohne Abkommen jedoch völlig offen.

Dasselbe gelte für die Frage, ob britische Patienten auch weiterhin ungehindert Zugang zu Arzneimitteln und Medizinprodukten haben. Umgekehrt sei Großbritannien eine der führenden Forschungsnationen in Europa. „Ein Viertel der Top 100 verschreibungspflichtigen Medikamente wurde in unserem Land entwickelt“, erklärte Nagpaul. Deshalb wirkten sich Hürden für die Forschungszusammenarbeit, die sich durch einen ungeregelten Brexit ergeben könnten, auf beide Seiten negativ aus. „Wir befürchten, dass am Ende die Patienten die Leidtragenden des Brexits sind“, sagte er.

Ärzte wollen klare Verträge

Aber was fordert die BMA, wenn der Brexit tatsächlich kommt? „Wir brauchen klare Vereinbarungen über die gegenseitige Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen, über die Freizügigkeit von medizinischem Personal und zur Forschungszusammenarbeit innerhalb Europas – und zwar vorab“, meinte Nagpaul. Während der Austrittskampagne hätten die Brexit-Befürworter den Briten versprochen, die rund 400 Millionen Euro, die wöchentlich nach Brüssel fließen, in den NHS zu investieren. Inzwischen sei klar, dass die Einsparungen durch den Brexit deutlich geringer ausfallen und sicher nicht vollständig dem Gesundheitsbudget zugute kommen. Prognosen besagten sogar, dass der Brexit die Briten jährlich 2,3 Milliarden Euro kosten werde. „Die Politik hat die Folgen des EU-Austritts für das Gesundheitswesen fahrlässig außer Acht gelassen“, sagte Nagpaul. „Das wird sich rächen.“ Heike Korzilius

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium informiert

Auf seiner Webseite informiert das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) über die Auswirkungen des Brexits auf das Gesundheitswesen (bundesgesundheitsministerium.de). Das Austrittsabkommen zwischen der EU und Großbritannien, das das britische Parlament allerdings ablehnt, sieht einen umfangreichen Bestandsschutz für EU-Bürger in Großbritannien und Briten in der EU vor. Sie haben danach auch weiterhin Anspruch auf Sozial- und Gesundheitsleistungen. Für den Fall eines ungeregelten Brexit hat die Bundesregierung ein Gesetz verabschiedet, das unbillige Härten vermeiden soll.

Mit dem Brexit endet auch die gegenseitige automatische Anerkennung von Berufsqualifikationen in den Gesundheitsberufen. Das Austrittsabkommen sieht allerdings Bestandsschutzregelungen vor. Auch bei einem ungeregelten Brexits behalten zuvor erteilte Anerkennungen ihre Gültigkeit. Für Anerkennungen, die nach dem Brexit ausgesprochen werden sollen, würden dann jedoch nationale Regelungen gelten.

Dem BMG zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass der Brexit in Deutschland zu Problemen bei der Arzneimittelversorgung führen wird. Der Anteil der Zulassungen, den die britische Behörde bislang im zentralen europäischen Zulassungsverfahren bearbeitet hat, wird auf andere europäische Behörden umverteilt; deren Personal wird entsprechend aufgestockt.

Kommt es nicht zu einem Ausstiegsabkommen, verlieren britische Benannte Stellen ihren Status. Medizinprodukte, die von diesen zertifiziert wurden, dürfen dann nicht mehr in der EU in Verkehr gebracht werden. Die Hersteller müssen sich deshalb eine Benannte Stelle in einem anderen EU-Mitgliedstaat suchen. In Deutschland dürften das häufig TÜV oder Dekra sein.

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