ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Kommentar: Arzneimittelbewertung durch Stiftung Warentest – Überschreitung der Kompetenz

MEDIZINREPORT

Kommentar: Arzneimittelbewertung durch Stiftung Warentest – Überschreitung der Kompetenz

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): A-1274 / B-1052 / C-1040

Kellerer, Monika

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Die Stiftung Warentest empfiehlt verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Therapie des Diabetes mellitus. Allerdings: Der Beitrag basiert weder auf Medikamententestungen noch auf einer wissenschaftlich fundierten Einordnung.

Prof. Dr. med. Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
Prof. Dr. med. Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt grundsätzlich Patientenaufklärung und Nutzenbewertungen von Medikamenten, wenn sie evidenzbasiert ist und dem aktuellen medizinischen Standard entspricht. In dem Artikel der Stiftung Warentest „Diabetes Typ 2 – So kann man mit Diabetes gut leben“ vom 26. April (1) sehen wir dies in Teilen nicht erfüllt, sodass Betroffene potenziell Fehlbehandlungen mit ungünstigen Folgen erleiden könnten.

Die Stiftung Warentest ist laut Wikipedia (2) „eine gemeinnützige deutsche Verbraucherorganisation (. . .) Aufgrund eines staatlichen Auftrags und gefördert mit Steuermitteln untersuchen und vergleichen ihre Mitarbeiter Waren und Dienstleistungen verschiedener Anbieter.“ Man fragt sich, wie die Stiftung Warentest einen Vergleich von Medikamenten bewerkstelligen will. Derartiges wird allenfalls in groß angelegten randomisierten klinischen Studien mit einer Vielzahl von Probanden und großem logistischem und finanziellen Aufwand geleistet.

Wohl wissend, dass ein seriöser Vergleich die Kapazitäten von Stiftung Warentest weit übersteigt, geben sich die Autoren des Artikels bescheidener: „Hier erfahren Sie grundlegendes über Diabetes – und welche Diabetesmedikamente die Stiftung Warentest für geeignet hält“. Das ist nichts mehr und nichts weniger als eine subjektive Einschätzung eines Testteams, dessen Hauptautoren Nichtmediziner sind. Für eine seriöse Bewertung von Therapieformen und Arzneimitteln bedarf es randomisierter kontrollierter Studien. Für die Einordnung solcher Studienergebnisse sind aber auch praktische Erfahrungen in der Behandlung einer komplexen Stoffwechselerkrankung wie dem Diabetes mellitus Typ 2 erforderlich.

Insofern verwundert es nicht, dass die Wirkstoffprofile nur unzureichend wiedergegeben und neuere kardiovaskuläre Endpunktstudien (35) nur ansatzweise in den Text einfließen. Die Schieflage in der Bewertung zeigt sich auch dahingehend, dass beispielsweise bei Metformin die Verringerung der Folgeschäden von Typ-2-Diabetes im Haupttext der Tabelle aufgeführt wird, während bei der Gruppe der SGLT2-Inhibitoren und der GLP-1-Rezeptoragonisten diese Wirkung in einer Fußnote gleichsam versteckt wird, obwohl die wissenschaftliche Evidenz zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse für diese neueren Wirkstoffe viel eindeutiger ist als die für Metformin.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die positiven Eigenschaften von Metformin auf klinisch relevante Endpunkte aus der UKPD-Studie (6) abgeleitet werden. (Die Autoren haben sich zwar nicht explizit auf diese Studien bezogen, aber es gibt keine andere verlässliche Quelle.) Es wird dabei aber ignoriert, dass Metformin dort keine Reduktion mikrovaskulärer Komplikationen aufwies und dass die Reduktion der makrovaskulären Komplikationen lediglich auf einer Analyse von insgesamt 342 Patienten beruht. Zudem hat die Zugabe von Metformin zu Sulfonylharnstoffen in einer Subanalyse der UKPD-Studie zu einer erhöhten Mortalität geführt. Im Gegensatz basiert die medizinische Evidenz zur Reduktion kardiovaskulärer Endpunkte einzelner Vertreter von SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten aus großen Outcome-Studien mit jeweils mehr als 7 000 oder 17 000 Patienten mit Typ-2-Diabetes.

Es bleibt auch unerwähnt, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (GBA) für Medikamente aus der Klasse der SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten einen Zusatznutzen gegenüber einer Vergleichstherapie mit Metformin und Sulfonylharnstoff in der Arzneimittel-Nutzenbewertung attestiert hat und diese auch im Disease-Management-Programm (DMP) für Typ-2-Diabetes aufgenommen wurden.

Die DDG fordert als Fachgesellschaft, dass Informationen zu Diabetestherapien dem aktuellen medizinischen Standard und der verfügbaren wissenschaftliche Evidenz zu entsprechen haben. Hierfür gibt es evidenzbasierte Leitlinien, die nach einem aufwendigen Regelwerk der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erstellt werden und auf deren Homepage für alle frei einsehbar sind.

Der Beitrag von Stiftung Warentest hingegen basiert weder auf Medikamententestungen noch auf einer wissenschaftlich fundierten Einordnung. Mit einer Empfehlung verschreibungspflichtiger Medikamente, die im Übrigen nur von Ärzten gegeben werden können, überschreitet die Stiftung Warentest ihre Kompetenz.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2619
oder über QR-Code

1.
Stiftung Warentest: Diabetes Typ 2. So kann man mit Diabetes gut leben. https://www.test.de/Diabetes-Typ-2-Mittel-im-Test-5462951-0/ (last accessed on 11 June 2019).
2.
Wikipedia: Stiftung Warentest. https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftung_Warentest (last accessed on 11 June 2019).
3.
Zinman B, Wanner C, Lachin JM, et al.: EMPA-REG OUTCOME Investigators: Empagliflozin, Cardiovascular Outcomes, and Mortality in Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2015; 373 (22): 2117–28 CrossRef MEDLINE
4.
Marso SP, Daniels GH, Brown-Frandsen K, et al.: LEADER Steering Committee; LEADER Trial Investigators: Liraglutide and Cardiovascular Outcomes in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2016; 375 (4): 311–22 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Wiviott SD, Raz I, Bonaca MP, et al.: DECLARE–TIMI 58 Investigators: Dapagliflozin and Cardiovascular Outcomes in Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2019; 380 (4): 347–57 CrossRef MEDLINE
6.
UKPDS Study Group: Effect of intensive blood-glucose control with metformin on complications in overweight patients with type 2 diabetes (UKPDS 34). UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) Group. Lancet 1998; 352 (9131): 854–65 CrossRef
1.Stiftung Warentest: Diabetes Typ 2. So kann man mit Diabetes gut leben. https://www.test.de/Diabetes-Typ-2-Mittel-im-Test-5462951-0/ (last accessed on 11 June 2019).
2.Wikipedia: Stiftung Warentest. https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftung_Warentest (last accessed on 11 June 2019).
3.Zinman B, Wanner C, Lachin JM, et al.: EMPA-REG OUTCOME Investigators: Empagliflozin, Cardiovascular Outcomes, and Mortality in Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2015; 373 (22): 2117–28 CrossRef MEDLINE
4.Marso SP, Daniels GH, Brown-Frandsen K, et al.: LEADER Steering Committee; LEADER Trial Investigators: Liraglutide and Cardiovascular Outcomes in Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2016; 375 (4): 311–22 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Wiviott SD, Raz I, Bonaca MP, et al.: DECLARE–TIMI 58 Investigators: Dapagliflozin and Cardiovascular Outcomes in Type 2 Diabetes. N Engl J Med. 2019; 380 (4): 347–57 CrossRef MEDLINE
6.UKPDS Study Group: Effect of intensive blood-glucose control with metformin on complications in overweight patients with type 2 diabetes (UKPDS 34). UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) Group. Lancet 1998; 352 (9131): 854–65 CrossRef

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SenecaMed
am Dienstag, 2. Juli 2019, 19:48

Interessenkonflikte

Ich kann es schwer nachvollziehen, daß bei diesem „Kommentar“ der frisch gebackenen DDG-Präsidentin, welche sich beschwert, daß Metformin der Vorzug gegeben wird, nicht die Interessenkonflikte der Autorin offen gelegt werden.

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