ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Reform der Notfallversorgung: Patientensicherheit hat Priorität

POLITIK

Reform der Notfallversorgung: Patientensicherheit hat Priorität

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): A-1259 / B-1035 / C-1023

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Marburger Bund haben gemeinsam Qualitätsstandards für die medizinische Ersteinschätzung und den „gemeinsamen Tresen“ definiert.

Für eine Entlastung sorgen: Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium erarbeit zurzeit einen Gesetzentwurf für eine Reform der Notfallversorgung. Foto: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo
Für eine Entlastung sorgen: Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium erarbeit zurzeit einen Gesetzentwurf für eine Reform der Notfallversorgung. Foto: picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

Weil viele Patienten die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchen, obwohl ihnen ebenso gut ein niedergelassener Arzt helfen könnte, hatten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Marburger Bund (MB) bereits im September 2017 ein Reformkonzept für die Notfallversorgung vorgestellt. Ziel ist eine bessere Steuerung der Patienten auf der Grundlage einer standardisierten medizinischen Ersteinschätzung entweder am Telefon (über die Rufnummern 116117 oder 112) oder an einer von niedergelassenen und Krankenhausärzten gemeinsam betriebenen zentralen Anlaufstelle am Krankenhaus. Am 21. Juni haben KBV und MB nun in Berlin Qualitätsstandards für den „gemeinsamen Tresen“ und für die medizinische Ersteinschätzung vorgestellt.

Anzeige

Danach hat die Patientensicherheit oberste Priorität bei der medizinischen Ersteinschätzung, sowohl am Telefon als auch in der zentralen Anlaufstelle. Die Fragen müssten dem Konzept zufolge geeignet sein, die Dringlichkeit einer Behandlung zuverlässig einzuschätzen und lebensbedrohliche Zustände schnell zu erkennen. Das Ersteinschätzungssystem müsse von Angehörigen der Gesundheitsberufe eingesetzt werden können, ohne dass im Regelfall ein Arzt hinzugezogen werde. Zudem solle die Dokumentation softwaregestützt erfolgen und sektorübergreifend ausgetauscht werden können. Mit der Software SmED (Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) gibt es nach Ansicht von KBV und MB bereits ein Instrument, das diese Kriterien erfüllt.

Niedrigschwelliger Zugang

Zweck der gemeinsamen Anlaufstellen ist es, die Versorgung der Patienten zu steuern und angesichts knapper Personaldecken Doppelstrukturen zu vermeiden. Für einen niedrigschwelligen Zugang ist es nach dem Qualitätskonzept notwendig, dass die Anlaufstellen klar gekennzeichnet und barrierefrei sind. Nach der Ersteinschätzung dort, finde die weitere Behandlung entweder in der Notfallambulanz oder in der Bereitschaftspraxis statt, die sich möglichst in unmittelbarer Nähe zueinander befinden sollten. Zusätzlich zur Regelausstattung einer Hausarztpraxis solle die Bereitschaftspraxis EKG, Pulsoxymetrie, ein Labor zur Erhebung von Akutparametern sowie ein Sonografiegerät enthalten. Die Ausstattung könne auch in Kooperation mit dem Krankenhaus vorgehalten werden.

Man habe bewusst den Schulterschluss mit den Kollegen aus dem Krankenhaus gesucht, um zu vermeiden, dass der Gesetzgeber die Notfallversorgung als eigenständigen dritten Sektor etabliere, erklärte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen bei der Vorstellung des Konzepts. Ein dritter Sektor schaffe nur neue Schnittstellen sowie zusätzlichen Koordinierungs- und Finanzierungsbedarf. Dabei räumte Gassen ein, dass zur Finanzierung der neuen Strukturen zusätzliches Geld fließen müsse.

Der 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, betonte, dass auch heute schon vielerorts Krankenhausärzte mit dem vertragsärztlichen Bereitschaftsdienst erfolgreich zusammenarbeiteten. „Von einer flächendeckenden Umsetzung des Reformkonzepts sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt“, sagte Henke.

Für Streit mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) dürfte die Forderung sorgen, zentrale Anlaufstellen nicht an jedem Krankenhaus einzurichten. Entscheidungskriterien für die Wahl der Standorte wollen KBV und MB noch erarbeiten. Die DKG erklärte derweil, es sei gut, dass die KBV anerkenne, dass die ambulante Notfallversorgung in Zukunft in den Krankenhäusern stattfinden solle. Damit entschieden künftig die Träger der Krankenhäuser eigenverantwortlich über Kooperationsmöglichkeiten mit den niedergelassenen Ärzten. Heike Korzilius

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.