ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Bundes­ärzte­kammer: Kommerzialisierung bekämpfen

THEMEN DER ZEIT

Bundes­ärzte­kammer: Kommerzialisierung bekämpfen

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): A-1268 / B-1043 / C-1031

Osterloh, Falk

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Die Bundes­ärzte­kammer hat ein Positionspapier erarbeitet, in dem sie die Auswirkungen der Kommerzialisierung im Gesundheitswesen benennt und Lösungsvorschläge macht. Dazu zählen eine Aufwertung des Patientengesprächs und eine bessere Steuerung von Akutpatienten.

Erschöpfte Ärzte sind eine Folge der zunehmenden Kommerzialisierung des Gesundheitssystems. Foto: mauritius images
Erschöpfte Ärzte sind eine Folge der zunehmenden Kommerzialisierung des Gesundheitssystems. Foto: mauritius images

Die zunehmende Kommerzialisierung ist seit Jahren eines der gesundheitspolitischen Megathemen – hat es doch erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitsdichte und die Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten und somit auch auf die Qualität der Patientenversorgung. Vor diesem Hintergrund hat sich der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) lange mit diesem Thema beschäftigt. Aus diesem Anlass hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) das Thema „Kommerzialisierung“ als Schwerpunkt aufgegriffen. Dabei wurden unter anderem Abgeordnete des 120. Deutschen Ärztetages 2017 in Hamburg interviewt, diverse Artikel zu dem Thema veröffentlicht sowie die Leserinnen und Leser des zu ihren Alltagserfahrungen befragt (www.aerzteblatt.de/wettbewerb). Im Herbst 2018 hat die Bundes­ärzte­kammer darüber hinaus in der Veranstaltung „BÄK im Dialog“ aktuelle Entwicklungen der Kommerzialisierung aufgegriffen. Nun hat die BÄK das Positionspapier „Patientenversorgung unter Druck“ veröffentlicht, in dem sie die verschiedenen Ebenen des Problems beschreibt und Lösungsvorschläge macht.

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Zuvorderst fordert die BÄK mehr Zeit für die Patientenversorgung. „Es muss ausreichend Arztzeit für die medizinische Indikationsstellung, dem Kernelement ärztlicher Tätigkeit, einkalkuliert werden“, heißt es in dem Positionspapier. „Zur Indikationsstellung zählen sowohl eine fundierter Anamnese als auch eine körperliche Untersuchung und die Diagnose.“ Steigende Dokumentationsanforderungen sowie umfängliche sozialrechtliche und wirtschaftliche Vorgaben verursachten immer mehr Bürokratie und kosteten Zeit. Dies gehe vor allem zulasten des notwendigen Gesprächs mit den Patientinnen und Patienten. Diese empfänden den Zeitdruck zu Recht als Qualitätsverlust ihrer Behandlung.

„Notwendig sind eine nachhaltige Aufwertung des ärztlichen Patientengesprächs in der Versorgungsstruktur sowie endlich eine ausreichende Bereitstellung von Personal“, betont die BÄK. Sie „fordert die Bundesländer erneut dazu auf, umgehend die Anzahl der Medizinstudienplätze zu erhöhen. Zudem müssten Leistungen der Kommunikation und interdisziplinären Patientenversorgung im stationären und ambulanten Bereich ausreichend finanziert werden.

Steuerung von Akutpatienten

Im Positionspapier sind zudem Maßnahmen zur Steuerung von Akutpatienten enthalten: „Für einen wirtschaftlichen Umgang mit den begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen ist eine sinnvolle Patientensteuerung notwendig.“ Die mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vorgesehene Ausweitung des Services der Terminservicestellen sowie die Einführung der zentralen Rufnummer 116117 für die Vermittlung von Terminen an Fach-, Haus- und Kinderärzte und insbesondere zur Akutversorgung machten dabei nur Sinn, wenn die Patientensteuerung auf ärztlicher Expertise beruhe. Die Bundes­ärzte­kammer fordert daher die konsequente Umsetzung der mit dem TSVG angestoßenen Entwicklung und Evaluation eines einheitlichen, sektorenübergreifenden Instruments zur Ersteinschätzung der medizinischen Dringlichkeit und Ermittlung der adäquaten Versorgungsebene auf der Grundlage medizinischer Kriterien.

Kritisch gesehen wird darüber hinaus die Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten. „Viele Ärzte leisten weit mehr Arbeitsstunden als die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit vorsieht“, kritisiert die Bundes­ärzte­kammer. „Studien zeigen, dass der Arbeitsdruck über die Jahre sogar weiter zugenommen hat.“ Die hohe Arbeitsbelastung führe dazu, dass mehr und mehr Ärzte ihre individuelle Gesamtarbeitszeit durch Teilzeitarbeit reduzieren. Dies verschärfe den Mangel an ärztlicher Arbeitszeit. Kritisch sei, dass Ärzten in Weiterbildung häufig in der regulären Arbeitszeit keine ausreichende Zeit für die fachliche Weiterqualifizierung zur Verfügung stehe und die notwendige Anleitung durch Weiterbilder nicht in die Abläufe einkalkuliert werde.

Die Bundes­ärzte­kammer fordert die Arbeitgeber deshalb dazu auf, Dienstpläne für Ärzte verlässlich zu gestalten, die geleistete Arbeitszeit korrekt nach der Arbeitszeitrichtlinie zu erfassen und Arbeitszeiten inklusive der Bereitschaftsdienste mit Blick auf die Patientensicherheit zu gestalten. Zudem müssten junge Ärzte auch eine ihren Arbeitszeiten entsprechende Kinderbetreuung vorfinden.

Dringenden Handlungsbedarf sieht die BÄK nach wie vor auch beim Abbau der Bürokratielast im Gesundheitswesen. „Ärztinnen und Ärzte stehen dem zunehmenden Fokus auf eine Kontrollbürokratie und Kostenkontrolle in der Qualitätssicherung kritisch gegenüber“, heißt es in dem Positionspapier. „Die Bundes­ärzte­kammer fordert den Gesetzgeber sowie die gemeinsame Selbstverwaltung auf Bundesebene auf, verbindliche Entlastungsziele und konkrete Vereinfachungsmaßnahmen zum Abbau von Bürokratielasten im ambulanten wie stationären Bereich zu vereinbaren.“ Dabei reicht es nicht aus, analoge Prozesse zu digitalisieren. Ohne eine Verbesserung der Interoperabilität führe die Digitalisierung zu keiner relevanten Entlastung.

Werteorientierte Führungskultur

In ihrem Positionspapier macht die BÄK auch Vorschläge für eine Weiterentwicklung der stationären sowie der ambulanten Versorgung. In der stationären Versorgung bietet „die DRG-Vergütungsstruktur mit ihrer Preis- und Produktivitätszentrierung auch nach Jahren der Weiterentwicklung keine Lösung für die medizinische Versorgung“, schreibt die Bundes­ärzte­kammer. „Im Gegenteil: Der Personalmangel hat sich verschärft, Zeitressourcen für den direkten Patientenkontakt und die Arbeitszufriedenheit unter allen Berufsgruppen haben abgenommen. Die Einflussnahme der Klinikgeschäftsführungen auf die ärztliche Tätigkeit und Entscheidungshoheit hat sich erhöht.“ Die BÄK fordert die Verantwortlichen auf Bundes- und Landesebene deshalb dazu auf, die stationäre Versorgung wieder stärker an der Daseinsvorsorge auszurichten. Dazu gehöre die Bereitstellung ausreichender und bedarfsgerechter Investitionsmittel durch die Bundesländer. Die Kosten der aus ärztlicher Sicht notwendigen Versorgung der Patienten sowie eine ausreichende Personalausstattung und Finanzierung von unter anderem Vorhaltekosten, Tarifsteigerungen, Qualifizierung von medizinischem Personal und Personalentwicklung müssten gedeckt werden. Gewinne müssten überwiegend in die stationäre Versorgung reinvestiert werden. Da ein Übergewicht der Ökonomie im Krankenhaus zudem die ärztliche Profession in ihrer Autonomie bedrohe, fordert die BÄK die Deutsche Krankenhausgesellschaft auf, bei ihren Mitgliedern darauf hinzuwirken, dass verbindliche Vorgaben für die Entwicklung einer werteorientierten Führungskultur in den Krankenhäusern im Rahmen des Risiko- und Qualitätsmanagements wie auch in der Mitarbeiterförderung und Personalentwicklung gemacht werden. Ferner seien die verantwortlichen Fachärzte in Managemententscheidungen einzubinden und deren ärztliche Unabhängigkeit zu achten.

Im ambulanten Sektor fordert die BÄK die in Verantwortung stehenden Gesundheitspolitiker und die Krankenkassenvertreter auf, den Vertragsärztinnen und -ärzten den nötigen Spielraum für die notwendigen unternehmerischen Entscheidungen zu gewähren. „Zukunftsorientierte Versorgungsformen im Sinne von interprofessionellen und interdisziplinären Kooperationen geben den Ärzten eine positive berufliche Perspektive und stellen dadurch die medizinische Versorgung sicher“, heißt es in dem Positionspapier. Dabei müsse auch die Kommerzialisierung in der ambulanten Versorgung verhindert werden.

Falk Osterloh

Das BÄK-Papier im Internet:

http://daebl.de/XQ53

aerzteblatt.de

<b>BÄK im Dialog:</b> Patientenversorgung unter Druck Start

Video

BÄK im Dialog: Patientenversorgung unter Druck

Kommerzialisierung belastet das System

Veranstaltung der Bundes­ärzte­kammer

►www.aerzteblatt.de/video99373

Patientenversorgung unter Druck

Artikel und Videos des Deutschen Ärzteblattes

►www.aerzteblatt.de/wettbewerb

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