ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2019Patientensteuerung: Verantwortlich statt politikmüde

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Patientensteuerung: Verantwortlich statt politikmüde

Dtsch Arztebl 2019; 116(26): A-1253 / B-1029 / C-1017

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Ausschließlich für die eigene seelische Balance – laut Forschern der britischen Universitäten Cambridge und Salford reichen dafür acht Wochenstunden Erwerbsarbeit – handeln Deutschlands Ärzte sicher nicht: niedergelassene Mediziner und Psychotherapeuten leisten laut jetzt vorgestelltem Panel des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung (ZI) im Durchschnitt 48 Wochenstunden. Über die trotzdem bestehenden Mangelsituationen und die daraus absehbaren Entwicklungen wird breit diskutiert, die Argumente sind hinlänglich bekannt: Sie reichen von dringend erforderlichem Auf- und Ausbau medizinischen Personals über die Optimierung mangelnder Organisation oder Abschaffung von Fehlversorgung bis zur wirtschaftlicheren Konzentration des vorhandenen Kräftepotenzials. Dazu schafft eine Vielzahl an Ideen bunte Flickenteppiche von Maßnahmen, die Abhilfe versprechen. Getan wird also viel, grundlegend geändert hingegen wenig.

Dabei sollte man die Augen vor den offensichtlichen Realitäten nicht verschließen, schon gar nicht aus Klientelinteressen immer wieder alles klein- oder tot- reden. Fakt ist: Das Gesundheitssystem wird seit Jahren ausgequetscht, die Akteure werden mit Misstrauen belegt und zunehmend kontrolliert. Das Ergebnis: Die reine Arztzeit für den Patienten zerrinnt dieser Gesellschaft wie Sand in den Fingern. Es wird Zeit, zu erkennen, dass Sonntagsreden zur Änderung und Kurskorrektur nicht weiterhelfen, dass im Alltag divergierende Interessenspolitik mehr als abträglich ist.

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Wer größere Freiheiten für die Menschen in dieser Gesellschaft – sprich: für Patienten wie auch für medizinisches Personal – will, muss auch zu den daraus erwachsenden Konsequenzen stehen. Kopfrechnen reicht, um festzustellen, dass ein Recht auf Teilzeitarbeit (im Schnitt 23 Wochenstunden), in großem Umfang eingefordert, schnell die doppelte Anzahl an ausgebildeten Medizinern abfordert. Wer will, dass Work-Live-Balance keine nur ideelle Diskussion darstellt, muss das als Gesellschaft also bezahlen.

Wer medizinischen Fortschritt nutzen und von zunehmender Lebenserwartung profitieren will, muss den dafür erforderlichen Aufwand ermöglichen. Das fällt nicht aus Füllhörnern, dafür hat eine moderne, aufgeklärte Gesellschaft dann auch einen Preis zu zahlen.

Wer will, dass dieser Teil von gesellschaftlicher Lebensqualität umgesetzt wird, muss auch die jeweilige Verantwortung für das weitergeben, was der Einzelne für diesen Teil beizutragen hat. Gegenwärtige Auseinandersetzungen um bürgerliche Verantwortung, sei es im Zuge der Widerspruchslösung als Organspender, sei es in der Frequentierung ärztlicher Inanspruchnahme, müssen auch Steuerungsmechanismen aushalten, die das „Gut“ medizinische Versorgung ökonomisch – nicht „billig“ – bewirtschaften helfen.

Die Forderung des Bundes­ärzte­kammerpräsidenten Dr. med. Klaus Reinhardt, dass auch Patienten „verantwortungsvoll mit der Ressource Arzt umzugehen“ haben, gehört eigentlich zur gesellschaftspolitischen Grundhaltung, wenn wir über die Mündigkeit von Bürgern in dieser Demokratie reden. Und hier macht Transparenz Verantwortung möglich.

Wichtig wäre, einer Gesellschaft, die es gewohnt ist, nur noch auf ein „Höher, Schneller und Weiter“ anzusprechen, die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen. Vielleicht hilft das sogar gegen Politikmüdigkeit.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredkateur

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