ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2019Medizinischer Fakultätentag: Neue Weichen, neue Wege

POLITIK

Medizinischer Fakultätentag: Neue Weichen, neue Wege

Dtsch Arztebl 2019; 116(27-28): A-1308

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Beim 80. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag in Tübingen standen die Digitalisierung, die Reform des Medizinstudiums sowie Clinical-Scientist-Programme im Mittelpunkt der Beratungen.

Im Hörsaal der Crona-Kliniken in Tübingen diskutierten die Vertreter der 38 Medizinischen Fakultäten in Deutschland die Herausforderungen der nächsten Zeit. Fotos: Sablotny/MFT
Im Hörsaal der Crona-Kliniken in Tübingen diskutierten die Vertreter der 38 Medizinischen Fakultäten in Deutschland die Herausforderungen der nächsten Zeit. Fotos: Sablotny/MFT

Spürbar dynamisch geht es derzeit bei den als traditionell geltenden Medizinischen Fakultäten zu. Der diesjährige 80. Ordentliche Medizinische Fakultätentag (oMFT) am 20./21. Juni in Tübingen war geprägt von neuen Weichenstellungen und Diskussionen über neue Wege.

Auch die Präsidentschaft des Medizinischen Fakultätentages (MFT) wechselte: Nach der siebenjährigen Amtszeit von Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, bislang Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen, ist seit Anfang Juli Prof. Dr. med. Matthias Frosch das neue Gesicht des MFT. Die Mitgliederversammlung wählte den Arzt, Mikrobiologen und Dekan der Medizinischen Fakultät Würzburg, der seit 2013 Mitglied im Präsidium des MFT ist, auf ihrer diesjährigen Sitzung mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten (siehe Seite 1341). Kroemer scheidet vorzeitig aus dem Amt aus, da er ab September den Posten des Vorstandsvorsitzenden der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernehmen wird.

Anzeige

Doch nicht nur personell, sondern auch inhaltlich wollen die 38 Medizinischen Fakultäten in Deutschland neue Wege gehen – vor allem in Richtung Digitalisierung und bezüglich der anstehenden Umstrukturierung des Medizinstudiums. Bun­des­for­schungs­minis­terin Anja Karliczek (CDU), die zum Auftakt der MFT-Jahrestagung zu Gast war, würdigte die bisherigen Weichenstellungen. Dabei verwies sie insbesondere auf die Medizininformatik-Initiative, mit der die Chancen der Digitalisierung in der Medizin für Versorgung und Forschung bestmöglich genutzt werden sollen.

Medizininformatik ist die Basis

In ihrem Rahmen der Initiative haben sich 33 Universitätskliniken zu vier Konsortien zusammengeschlossen, die durch das Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) zunächst bis zum Jahr 2021 mit mehr als 150 Millionen Euro gefördert werden. „Die Medizininformatik-Initiative ist die Basis“, sagte Karliczek. In einem ersten Schritt seien an Universitätskliniken und Partnereinrichtungen bereits Datenintegrationszentren aufgebaut worden. „Jetzt geht es an die Vernetzung der Forschungs- und Versorgungsdaten.“ Dies schaffe neue Möglichkeiten für die Heilung von Krankheiten und stärke zugleich den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland, betonte die Bundesministerin.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Medizinischen Fakultätentages (MFT) wird in der kommenden Zeit die Ausgestaltung des Masterplans Medizinstudium 2020, die kompetenzorientierte Weiterentwicklung des Medizinstudiums sowie die künftige Auswahl von Medizinstudierenden sein. Mit Spannung erwartet wird von den Fakultäten ein erster Entwurf des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums für eine neue ärztliche Approbationsordnung. Bildungsforscher Prof. Dr. Manfred Prenzel geht davon aus, dass dieser zentrale Empfehlungen der von ihm geleiteten unabhängigen Expertenkommission des Wissenschaftsrates enthalten wird, die Ende 2018 ihr Gutachten zur Reform des Medizinstudiums entsprechend des Masterplans Medizinstudium 2020 vorgelegt hatte.

„Nach unserer Ansicht sind die Maßnahmen des Masterplans Medizinstudium 2020 sinnvoll und knüpfen an die in Modell- und Regelstudiengängen der verschiedenen Fakultäten erprobten Konzepte zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums an“, betonte Prenzel vor den Vertretern der Fakultäten in Tübingen. Besonderen Wert habe die Kommission auf Praxisorientierung und Wissenschaftlichkeit des Studiums gelegt. „Diese sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Bestandteile einer modernen ärztlichen Ausbildung“, erklärte er.

Vergleichbare Curricula

Stärker berücksichtigt werden müsse jedoch die digitale Transformation in der Medizin sowie ein Abgleich mit der Reform des Zahnmedizinstudiums. Insgesamt stärke der Masterplan durch seine Reformziele und Strukturvorgaben die standortübergreifende Vergleichbarkeit des Medizinstudiums in Deutschland. „Ziel ist jedoch nicht die Vereinheitlichung der Curricula, sondern lediglich eine höhere Vergleichbarkeit der ärztlichen Ausbildung“, betonte der Bildungsforscher. Die konkrete Gestaltung der Curricula sollte weiterhin in der Eigenverantwortung der Fakultäten bleiben.

Eine Reform kostet Geld

Der neu gewählte MFT-Präsident bekräftigte den Willen der Fakultäten, auch diesbezüglich neue Wege zu beschreiten. Die Expertenkommission habe diese aufgezeigt; die Fakultäten seien flexibel genug, um sie zu gehen, sagte Frosch. Gleichzeitig jedoch verwies er auf die entstehenden Kosten: „Die inhaltlichen Reformen können nur umgesetzt werden, wenn auch die finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen in der Universitätsmedizin für Forschung und Lehre gleichermaßen verbessert werden“, betonte der Präsident.

Dass die Umsetzung einer Reform des Medizinstudiums erhebliche kapazitäre und finanzielle Auswirkungen haben wird, bestätigte Prenzel. Ein signifikanter Mehraufwand entstünde vor allem durch die verstärkte Praxis- und Patientenorientierung in einem neu strukturierten Medizinstudium. „Es ist realistisch, dass Transformationskosten in Höhe von fünf Prozent der Landeszuführungsbeträge anfallen werden“, meinte der Experte. Diese sollen den Standorten der Medizinischen Fakultäten sieben Jahre lang von den jeweiligen Ländern zur Verfügung gestellt werden.

Eine große Bedeutung bei der Neustrukturierung des Medizinstudiums wies Prenzel dem Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) zu. Er müsse als „neues Regulierungsinstrument“ stetig weiterentwickelt werden. „Seine Integration in die ärztliche Approbationsordnung sollte mit wohldosierter Verbindlichkeit erfolgen“, sagte er. „Gemeinsam mit dem NKLM sollten die Gegenstandskataloge weiterentwickelt werden, um eine Entkoppelung von Lehrinhalten und Prüfungen zu vermeiden.“ Als separates Regelungsinstrument sollten diese nach Ansicht der Kommission aber abgeschafft werden. „Ein dauerhaftes Nebeneinander ist nicht sinnvoll.“

Eingeschlagen ist dieser neue Weg bereits: Seit 2018 werden der 2015 veröffentlichte NKLM und die Gegenstandskataloge (GK) unter der gemeinsa

Bildungsforscher Manfred Prenzel (oben) erläuterte die Reformziele der von ihm geleiteten Expertenkommission. Kammerpräsident Theodor Windhorst (unten) betonte, dass die Kammern immer auf der Seite der jungen Ärzte stünden.
Bildungsforscher Manfred Prenzel (oben) erläuterte die Reformziele der von ihm geleiteten Expertenkommission. Kammerpräsident Theodor Windhorst (unten) betonte, dass die Kammern immer auf der Seite der jungen Ärzte stünden.
men Koordination des MFT und des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) bereits weiterentwickelt. Ziel ist es, einen gemeinsamen Katalog mit klar identifizierbarer Zuordnung von fakultäts- und staatsexamensrelevanten Inhalten zu erarbeiten. Seit etwa einem Jahr ist eine GK-Kommission unter Leitung von Prof. Dr. med. Jana Jünger (IMPP) und eine NKLM-Kommission unter Leitung von Frosch (MFT) eingesetzt, die miteinander kooperieren.

Eine weitere Weichenstellung ist für die Fakultäten die Etablierung von neuen Auswahlregeln für die Zulassung zum Medizinstudium. Anlass dafür ist zum einen die mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 beschlossene Neugestaltung der Verfahren. Zudem hatte das Bundesverfassungsgericht das bisherige Zulassungsverfahren für teilweise verfassungswidrig erklärt.

„Künftig werden alle Hochschulen Tests für die Auswahl der künftigen Medizinstudierenden einsetzen“, sagte Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Hampe vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Er leitet ein Teilprojekt des vom Bun­des­for­schungs­minis­terium bis 2021 mit drei Millionen Euro geförderten Studierendenauswahlverbunds (stav). An dem Projekt sind neben dem UKE auch die Universitätsmedizin Berlin sowie die Universitäten Göttingen, Heidelberg, Münster und Saarbrücken beteiligt.

„Wir setzen in Hamburg bereits seit 2008 den Naturwissenschaftstest ,HAM-Natʻ ein“, berichtete Hampe in Tübingen. Zusätzlich könnten Studieninteressierte ihre kommunikativen und sozialen Kompetenzen in einem multiplen Mini-Interview zeigen. Untersuchungen zeigten, dass die so ausgewählten Studierenden nicht nur einen sehr guten Studienerfolg hätten, sondern auch gut mit Patienten umgehen könnten, erklärte Hampe. Mit stav soll nun auch die Qualität der Auswahlverfahren an anderen Standorten untersucht werden.

Forschung in der Weiterbildung

Diskutiert wurde auf dem diesjährigen Fakultätentreffen in Tübingen auch die Anerkennung von Forschungszeiten bei der Weiterbildung. „Wir brauchen dringend Nachwuchswissenschaftler, die zugleich Ärzte sind“, erklärte Prof. Dr. med. Angela Rösen-Wolff, Forschungsdekanin in Dresden. Doch leider nur sehr wenige Lan­des­ärz­te­kam­mern, wie beispielsweise Berlin, würden Forschungszeiten bis zu 12 oder 18 Monaten auf die Weiterbildung anrechnen, bedauerte sie. „Die Kammern sind keine Verhinderungsanstalten“, betonte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. med. Theodor Windhorst. Aber sie müssten sich an EU-Vorgaben halten, die keine Forschungszeiten in der Weiterbildung vorsehen würden – wenngleich ein gewisser Spielraum bestehe. Künftig solle die Weiterbildung aber mehr am Ergebnis orientiert sein. „Da bleibt auch Zeit für die Forschung.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.