ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2019Rechtsreport: Wahrscheinlichkeitsangaben im Aufklärungsgespräch

MANAGEMENT

Rechtsreport: Wahrscheinlichkeitsangaben im Aufklärungsgespräch

Dtsch Arztebl 2019; 116(27-28): A-1344 / B-1108 / C-1092

Berner, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bei der Aufklärung eines Patienten vor einer ärztlichen Behandlung haben sich Wahrscheinlichkeitsangaben grundsätzlich nicht an den in Beipackzetteln für Medikamente verwendeten Häufigkeitsdefinitionen des Medical Dictionary for Regulatory Activities (Med DRA) zu orientieren. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden. Im vorliegenden Fall wurde einem Patienten eine Knieendoprothese eingesetzt. Vor der Operation war er aufgeklärt worden. Im dafür verwendeten Aufklärungsbogen hieß es unter anderem, gelegentlich könne es zur Lockerung oder extrem selten zum Bruch der Prothese kommen, was einen Austausch erforderlich mache. Zwei Jahre nach der Operation stellte man bei dem Patienten fest, dass sich das Implantat gelockert hatte und durch ein neues ersetzt werden musste. Der Patient verklagte das Krankenhaus auf ein Schmerzensgeld in Höhe von 50 000 Euro, weil er seiner Ansicht nach falsch behandelt und unzutreffend aufgeklärt worden sei.

Die Vorinstanz verneinte Ansprüche des Klägers. Den Ärzten sei kein Behandlungsfehler nachzuweisen. Auch sei die Einwilligung in die Operation ordnungsgemäß zustande gekommen. Dabei seien die Risiken des Eingriffs nicht heruntergespielt worden. Die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Lockerung nach der Implantation einer Knieprothese liegt dem Sachverständigen zufolge bei bis zu 8,71 Prozent. Dieses Risiko sei von dem natürlichen Sinn des Wortes „gelegentlich“ gedeckt. Das entspreche zwar nicht der Definition des Wortes „gelegentlich“ im MedDRA. Dort versteht man darunter Nebenwirkungen, die in 0,1 bis zu einem Prozent der Fälle auftreten. Das sei aber unerheblich. Denn entgegen der vom Kläger vertretenen Auffassung müssten sich verbale Risikobeschreibungen wie „gelegentlich“, „selten“ oder „sehr selten“ in Aufklärungsbögen nicht an den Häufigkeitsdefinitionen des MedDRA orientieren.

Der BGH teilt die Auffassung, dass sich Wahrscheinlichkeitsangaben in Aufklärungsbögen nicht an den MedDRA zu orientieren haben. Apotheker und Ärzte verstünden im Arzt-Patienten-Gespräch über die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen unter dem Begriff „gelegentlich“ im Mittel eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent, erklärte das Gericht. Daher könne auch bei der Aufklärung im vorliegenden Fall auf den allgemeinen Sprachgebrauch abgestellt werden.

Anzeige

BGH, Urteil vom 29. Januar 2019, Az.: VI ZR 117/18 RAin Barbara Berner

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema