ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2000Konferenz zum WHO-Partnerschaftsprojekt Tabakabhängigkeit: Industrie unterstützt die Sucht

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Konferenz zum WHO-Partnerschaftsprojekt Tabakabhängigkeit: Industrie unterstützt die Sucht

Dtsch Arztebl 2000; 97(3): A-95 / B-81 / C-78

Bühring, Petra

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LNSLNS Jedes Jahr verursacht Tabakkonsum weltweit 3,5 Millionen Todesfälle. Rauchen ist die wichtigste durch Verhaltensänderung vermeidbare Ursache für Krankheiten. Bemühungen, aufzuhören, scheitern meist am Suchtcharakter von Zigaretten und Zigarren.


Aufhören mit dem Rauchen wollen in Deutschland 38 Prozent der Raucherinnen und 31 Prozent der Männer - insgesamt zirka sieben Millionen Menschen. Um das Beratungsangebot für diese Menschen zu verbessern und Raucher zum Aufhören zu motivieren, hat das Europabüro der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) in Kopenhagen das "WHO-Partnerschaftsprojekt Tabakabhängigkeit 1999-2001" eingerichtet. Das Projekt ist eine konzertierte Aktion der WHO mit vier europäischen Partnerstaaten (Deutschland, England, Frankreich und Polen) und Unternehmen der privaten Wirtschaft über einen Zeitraum von drei Jahren. Ein zentrales Datum dabei ist der Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2000. In Deutschland wird das Projekt von der "Koalition gegen das Rauchen" getragen, einem Aktionsbündnis aus zirka 130 Institutionen und Organisationen, gesteuert unter anderem von der Bundesvereinigung für Gesundheit, der Bundes­ärzte­kammer und dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Im Rahmen des Partnerschaftsprojektes fanden sich am 13. Dezember 1999 in Bonn über 200 Experten zu einer internationalen Konferenz zusammen, um über Strategien zur Tabakkontrolle in den vier Ländern zu beraten.
Jugendliche rauchen wieder mehr
Uwe Prümel-Philippsen, Koalition gegen das Rauchen, wies in der Konferenz auf eine beunruhigende Trendwende hin: In einzelnen Altersgruppen werde wieder mehr geraucht. So sei beispielsweise der Anteil rauchender 12- bis 17-jähriger Jugendlicher zwischen 1993 und 1997 in Westdeutschland von 21 auf 26 Prozent gestiegen und in Ostdeutschland sogar von 19 auf 34 Prozent. "Wege aus der Tabakabhängigkeit sind machbar", betonte er mit Hinweis auf eine zusammenfassende Studie an 26 000 Rauchern: Ärztliche Beratung könne die Nichtraucherquote auch ein Jahr nach der Beratung erhöhen.
Christa Nickels, Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, wies auf die Zahl von sieben Millionen Deutschen hin, die mehr als 20 Zigaretten pro Tag rauchten (50 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen). Über 100 000 tabakbedingte Todesfälle gäbe es pro Jahr. "Es erscheint angebracht, dass die Entwöhnungsmethoden verbessert werden", erklärte Nickels. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) habe 1997 in einer Umfrage ermittelt, dass Raucherentwöhnungsmethoden - psychosoziale und medikamentöse - noch zu wenig genutzt würden. Nur etwa 18 Prozent der befragten Raucher benutzten zum Rauchstopp Nikotinpflaster oder -kaugummi, 2 Prozent nahmen an Entwöhnungskursen teil. Dagegen versuchten über 60 Prozent ohne Hilfsmittel aufzuhören; von denen, die erfolgreich aufhörten, hatten sogar 80 Prozent auf Hilfsmittel verzichtet. Ein möglicher Grund hierfür sei die hohe Hemmschwelle, einen Arzt aufzusuchen, um Entwöhnungsprodukte zu erhalten. Zur Liberalisierung von höher dosierten Entwöhnungsprodukten beziehungsweise konkret auf die Frage, ob das 4-mg-Kaugummi aus der Rezeptpflicht entlassen werde, antwortete Nickels: "Hier besteht sicherlich Handlungsbedarf."
Die gesetzlichen Regelungen zu Tababakwaren und -konsum sind in den vier Ländern sehr unterschiedlich. Aus Polen berichtete Dr. Stanislaw Gronkowsky, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses Warschau, dass ein 1995 verabschiedetes Gesetz Werbung und Sponsoring für Tabakprodukte verbiete. Auch müssen 30 Prozent eines Zigarettenpäckchens von beiden Seiten mit der Aufschrift "Rauchen gefährdet die Gesundheit" bedeckt sein. Durch höhere Besteuerung seien die Zigarettenpreise erhöht worden und 0,5 Prozent der Tabaksteuer fließe direkt in die Prävention. Viele Gemeinden hätten rauchfreie Arbeitsplätze eingeführt. Durch diese Maßnahmen sei der Umsatz der Tabakindustrie - nach eigenen Angaben - um 10 Prozent gesunken.
Für Deutschland sieht Christa Nickels eine höhere Besteuerung auf Tabakprodukte nicht. Auch ein eigenständiges Nichtrauchergesetz werde es hier nicht geben, erklärte Werner Lensing, Sprecher der interfraktionellen Abgeordneteninitiative im Bundestag zum Nichtraucherschutz, wohl aber "bereichspezifische Änderungen bestehender Verordnungen". Aktuelle Daten aus dem gerade veröffentlichten Bundes-Gesundheits-Survey zu Trends des Rauchverhaltens präsentierte Burckhard Junge vom Robert Koch-Institut, Berlin. So liege beispielsweise der Anteil der männlichen Raucher in Westdeutschland, die vor dem 20. Lebensjahr mit dem Rauchen begonnen haben, bei 85 Prozent (Frauen: 80 Prozent). Bei den Frauen in Ostdeutschland sei ein 40-prozentiger Anstieg des Zigarettenkonsums festzustellen: In sieben Jahren sei der Anteil von 20,5 auf 29,1 Prozent gestiegen. Der Konsum von Zigarren habe in den vergangenen fünf Jahren um 70 Prozent zugenommen, obwohl er jahrzehnte- lang gesunken sei: "Eine erstaunliche Trendwende", betonte Junge. Die Motivation der Deutschen, mit dem Rauchen aufhören zu wollen, liege mit 38 Prozent weit unter dem Europa-Mittel von 54 Prozent. Transnationale Strategien zur Regulierung von Tabakwaren betrachtete Luk Joossens, Forschungs- und Informationszentrum für Verbraucherschutz in Brüssel, als eine der wichtigsten Maßnahmen. Es gebe genügend Beispiele dafür, dass Kontrollstrategien von Tabakwaren eines Landes durch Widersprüchlichkeiten im Nachbarland unterminiert würden. Der auf der Zigarettenpackung angegebene Gehalt an Nikotin, Teer und anderen Substanzen entspreche nicht den tatsächlichen Werten, erklärte Joossens. "Es gibt 35 Millionen interne Dokumente der weltweiten Tabakindustrie, die zeigen, wie die Gesundheitsbehörden betrogen worden sind." So belegten Dokumente von Philipp Morris, dass teilweise Ammoniak beigemischt wurde. Ein weiteres Problem stelle der "vorgegaukelte gesundheitliche Nutzen" von "Light"-Zigaretten dar, so Joossens. Diese enthielten oft die gleichen Teer- und Nikotinmengen wie "Full Flavour"-Zigaretten. Dokumente der Tabakindustrie belegten, dass die "leichte" Zigarette eine Marketingstrategie gewesen sei, um die Motivierung zum Rauchstopp zu verringern. "Mit überwältigendem Erfolg", denn in Deutschland rauchten über 60 Prozent der 45- bis 60jährigen Frauen - eine gesundheitsbewusste Zielgruppe - die vermeintlich leichte Zigarette. Zusätzlich steigere das feminine, "trendy" Image der Leichten den Rauchkonsum. Die vorgeschlagene Richtlinie der Europäischen Kommission zur Reduzierung des Teer- und Nikotingehalts und zum Verbot von Light-Zigaretten werde daher sehr begrüßt. Prof. Dr. Friedrich Wiebel, GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Toxikologie in Neuherberg/München, erläuterte, dass die Hersteller Stoffe, die natürlicherweise im Tabak vorkommen, aber die Wirkung veränderten, wie Ammoniak, in beliebiger Menge beifügen könnten. Auch sei eine Fülle an Zusatzstoffen zugelassen wie Aromen, Feuchthaltemittel, Klebe- und Verdickungsmittel, Konservierungsstoffe, Weiß- und Flottbrandmittel und andere. Niemand außer den Herstellern wisse, welche der Zusatzstoffe sich tatsächlich in den Produkten befinden. Da die Zusätze keiner amtlichen Kontrolle unterlägen, seien sie nicht auf die Unbedenklichkeit nach dem Erhitzen beim Rauchprozess geprüft. "Hier besteht ein regulatorisches Vakuum", erklärte Wiebel. Er wies weiterhin darauf hin, dass der Tabakindustrie seit Jahren zahlreiche Patente zur Verfügung stünden, um toxische Stoffe, wie die krebserregenden Nitrosamine, aus dem Tabakrauch zu entfernen. Beispielsweise enthalte der schwedische Kautabak "Snus" signifikant geringere Mengen an Nitrosaminen als Kautabake in anderen Ländern. Zum Schutz der Verbraucher fordert Wiebel daher, die gesundheitsschädlichen Stoffe im Tabak und Tabakrauch zu minimieren sowie über Inhalts- und Zusatzstoffe und deren Gesundheitsrisiken zu informieren.
Eine interaktive Software zur Kosteneffizienz bei Rauchstopp stellte Abby Paine von der Lewis Group, London, vor. Das "Health & Economic Consequences of Smoking (HECOS) Model" wurde zusammen mit der WHO, Regionalbüro Europa, entwickelt und richtet sich vor allem an Gesundheitsorganisation, politische Entscheidungsträger und Krankenkassen. Auf der Basis von Daten aus international anerkannten Studien stellt die Software Modellberechnungen an. Aufklärungsangebote zuhauf
Mit Maßnahmen zu Prävention, Raucherentwöhnung und Nichtraucherschutz beschäftige sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seit vielen Jahren, erklärte Direktorin Dr. Elisabeth Pott. Neu erschienen sei beispielsweise das Medienpaket "rauchfrei für mein Baby", das sich an Schwangere richtet. Auch Fortbildungskurse für Hebammen zur Aufklärungsarbeit seien neu im Programm. Die Broschüre "Raucherentwöhnung leichter gemacht - Empfehlungen für Gesundheitsberufe" von der WHO und der "Koalition gegen das Rauchen" wurde von der BZgA unterstützt. Es gebe für alle Berufsgruppen Angebote, zum Beispiel die Broschüre "Tabak-Abhängigkeit - eine Information für Ärzte"; "das Problem ist nur, ob die Angebote auch genutzt werden", erklärte Pott. Petra Bühring

Plakatwettbewerb "Rauchen und Sucht" (2. Preis: Yvonne Klehr), ausgeschrieben vom Bezirksamt Hohenschönhausen von Berlin, Plan- und Leitstelle Gesundheit

Bezug der Broschüren: BZgA, 51101 Köln, Fax: 02 21/89 92 257, oder per E-Mail: order@bzga.de. Das HECOS-Model ist als CD-ROM (zur Zeit nur in Englisch) bei der WHO, Regionalbüro Europa, 8, Scherfigsvey, 2100 Kopenhagen, Dänemark, Telefon: 00 49/39 17 12 48, (E-Mail: pan@ who.dk) erhältlich. Weitere Informationen zum "WHO-Partnerschaftsprojekt Tabakabhängigkeit" im Internet: www.weltnichtrauchertag.de

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