ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Sexueller Missbrauch in Krankenhäusern: Gefahrensituationen erkennen

POLITIK

Sexueller Missbrauch in Krankenhäusern: Gefahrensituationen erkennen

PP 18, Ausgabe Juli 2019, Seite 302

Bühring, Petra

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Auch Krankenhäuser können Tatort für sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen sein. Strukturierte Schutzkonzepte mit Gefährdungsanalysen tragen maßgeblich zur Prävention bei. Doch nur 20 Prozent der Einrichtungen für junge Patienten haben umfassende Konzepte.

Die Delikte des sexuellen Missbrauchs von Kindern sind 2018 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als sechs Prozent oder 40 Fälle pro Tag gestiegen. Diese Zahlen sind der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik zu entnehmen, die Anfang Juni vorstellt wurde. Das Dunkelfeld ist sehr viel größer: In einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe (2 500 Teilnehmer zwischen 14 und 94 Jahren) gaben 13,9 Prozent an, selbst sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Auch in Krankenhäusern finden sexuelle Übergriffe durch Professionelle statt – wenngleich es keine Daten zur Häufigkeit gibt. Das Thema wurde lange tabuisiert.

„Die Perspektive Krankenhäuser als Tatort wird häufig unterschätzt. Sie sollten jedoch ein Schutzraum sein – dieses Versprechen an unsere Patienten müssen wir unbedingt einhalten“, forderte Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, bei der Fachtagung „Schutzkonzepte und Kinderschutz im Krankenhaus“, die am 7. Juni in Berlin stattfand. Zusammen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) der Bundesregierung, die die Tagung mitveranstalteten, setzt sich Fegert für den Schutz von Kindern und Jugendlichen ein.

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Geschickt in der Tarnung

Der Kinder- und Jugendpsychiater legte den Finger in die Wunde: „Die Täter tarnen ihre Handlungen oft als medizinisch notwendige Interventionen. Sie setzen zum Teil Medikamente ein oder nutzen das Ausgeliefertsein von narkotisierten oder schwer beeinträchtigten Patienten.“ Viele Täter seien zudem „sehr geschickt und manipulativ“ in der Tarnung ihrer Taten. „Wir trauen das bestimmten Personen gar nicht zu.“ Gefährdungsanalysen und strukturell verankerte Schutzkonzepte seien deshalb umso wichtiger. „Ein System von spezifischen Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen stärkt deren Rechte und schreckt potenzielle Täter ab“, betonte Fegert.

Führungskräften in Kliniken kommt bei der Implementierung von Schutzkonzepten eine besondere Verantwortung zu. „Sie geben mit ihrer Haltung vor, welchen Stellenwert Kinderschutz in der Einrichtung hat“, betonte Fegert. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm bietet deshalb im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts ECQAT (ecquat.elearning-kinderschutz.de) den Onlinekurs „Kinderschutz in Institutionen“ mit einem Modul „Leitungswissen Kinderschutz“ an. Führungskräfte werden damit angeleitet, wie Schutzkonzepte strukturell verankert werden können (siehe Kasten).

Die DKG kooperiert mit der Ulmer Klinik. „Wir müssen mehr Bewusstsein für dieses Thema schaffen – die Krankenhäuser müssen sich dieser Verantwortung stellen“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum bei der Fachtagung. Viele Kliniken hätten bereits heute Schutzkonzepte etabliert. Vielerorts seien Kinderschutzambulanzen eingerichtet. „Wir sprechen uns klar für die flächendeckende Umsetzung von Schutzkonzepten in Kliniken aus“, sagte Baum. Darüber hinaus will er sich dafür einsetzen, dass das Vorhandensein von Schutzkonzepten vor sexueller Gewalt in den Qualitätsberichten der Krankenhäuser aufgelistet werden muss. Beschlossen werden könne dies über die Qualitätsmanagement-Richtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, erläuterte Baum.

Nach einer Umfrage des Deutschen Jugendinstituts (DJI) haben nur 20 Prozent von befragten 165 Kliniken umfassende Schutzkonzepte überhaupt umgesetzt. „Das sind viel zu wenig – es fehlt die strukturelle Verantwortung und es fehlen Orientierungspunkte, was qualitativ wirksam ist“, sagte Dr. Heinz Kindler vom DJI. Befragt wurden 165 Kliniken für Kinder und Jugendliche in Deutschland (77 Prozent somatische Kliniken, 33 Prozent Kinder- und Jugendpsychiatrie, 14 Prozent Reha-Einrichtungen). 69 Prozent der befragten Kliniken haben immerhin interne Ansprechpartner für das Thema sexuelle Gewalt; Verhaltensregeln haben rund die Hälfte der Kliniken aufgestellt.

Die Umfrage des DJI fand im Rahmen des Monitorings zum Stand der Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen statt, das der UBSKM Johannes Wilhelm Rörig initialisiert hat. Ebenso hat er 2016 mit der DKG eine Vereinbarung über eine strukturierte Herangehensweise an das Thema Kinderschutz geschlossen. Hierzu gehört auch die flächendeckende Umsetzung von Schutzkonzepten. „Eine enge Beziehung, wie sie sich in Kliniken zwischen Professionellen und Patienten entwickeln kann, stellt immer auch eine Gefahr dar“, sagte Rörig. Kliniken müssten Regeln zu Nähe und Distanz aufstellen. Leitungskräfte in Kliniken müssten in der Lage sein, Gefahrensituationen zu erkennen. Der Onlinekurs könne sie dabei unterstützen. Ebenso eine neue Broschüre, die konkrete Ratschläge an Klinikleiter gibt, was zu tun ist, um Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt zu schützen und bei Übergriffen zu helfen (siehe 3 Fragen an . . .).

Schutzkonzepte lebendig halten

„Die Institutionsstrukturen können das Risiko für sexuelle Gewalt erhöhen oder vermindern“, erklärte Prof. Dr. med. Michael Kölch, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universitätsmedizin Rostock. Eine besonders gefährdete Gruppe seien Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und auch in Reha-Einrichtungen. „Begünstigt werden die Bedingungen für Täter dort durch längere vertrauensvolle Beziehungen und die längeren Aufenthalte der Patienten dort“, sagte Kölch.

Bei der Implementation von Schutzkonzepten sei es wichtig, alle Verantwortlichen im Krankenhaus mit einzubeziehen. „Ein Personalrat beispielsweise, der in solche Prozesse nicht eingebunden wird, kann sie auch leicht blockieren“, erläuterte Kölch. Schutzkonzepte müssten „dauerhaft lebendig gehalten werden“; das einfache Abhaken von Checklisten sei wenig sinnvoll. Wichtig sei ein gutes Beschwerdemanagement, Mitarbeiterschulungen, Achtsamkeit bei der Personalwahl und auch die Information der Eltern. Für spezielle Situationen, bei denen die körperliche Integrität der Patienten gefährdet sein könnte, müsse es Leitlinien geben. Dazu gehören beispielsweise Leibesvisitationen, Zu-Bett-Situationen oder Urin-Drogentestungen. „Unbedingt sollten die jungen Patienten selbst in die Gefährdungsanalysen eingebunden werden, denn sie könnten Hinweise auf Situationen oder Orte geben, die die Klinikleitung leicht übersehen kann“, betonte Kölch. Auch über die Rehabilitation von Mitarbeitern, die Täter geworden sind, sollte sich eine Klinikleitung Gedanken machen. „Darüber hinaus kann die Implementation von Schutzkonzepten zu höherer Arbeitszufriedenheit führen und sich gerade in Zeiten von Fachkräftemangel günstig für eine Klinik auswirken“, sagte der Klinikdirektor. Petra Bühring

Foto: Christine Fenz
Foto: Christine Fenz

3 Fragen an . . .

Johannes Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung (UBSKM)

Sie sind seit 2011 im Amt des UBSKM. Die Zahl der Missbrauchsdelikte ist gestiegen und Skandale, wie der von Lügde, erschüttern nach wie vor das Land. Können Sie genügend bewirken?

Unser Monitoring mit dem Deutschen Jugendinstitut hat gezeigt, dass einzelne Einrichtungen durchaus sehr aktiv sind. Für Prävention in Institutionen wird aber generell noch nicht genügend unternommen. Meine Rolle ist es, Defizite und Missstände zu benennen, aber auch Verantwortliche zu motivieren, sich mit den Gefahren für sexuellen Missbrauch auseinanderzusetzen und Kindern beste Schutz- und Hilfemöglichkeiten zu bieten.

Sind die niedergelassenen Ärzte ausreichend in Kinderschutzfragen fortgebildet?

Die Kinder- und Jugendärzte verfügen über spezielles Wissen. Aber mir wird auch berichtet, dass ein stärkeres Basiswissen vor allem in Bezug auf die familiären Dynamiken in Missbrauchsfällen vermittelt werden müsste. Im Gesundheitswesen scheint die Sensibilität dafür, dass Grenzverletzungen oder Übergriffe auch von medizinischen Fachkräften ausgehen können, kaum vorhanden zu sein.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung vonseiten der ärztlichen Selbstverwaltung in ihrer Aufgabe?

Die Rahmenvereinbarung von 2012 mit der Selbstverwaltung, die viele wichtige Aspekte des runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ aufgegriffen hat, wurde bisher leider nur zum Teil umgesetzt. Ich möchte mich mit allen Beteiligten noch einmal zusammensetzen, um eine Bestandsanalyse vorzunehmen. Manches ist möglicherweise im komplizierten Geflecht der Zuständigkeiten bei der Umsetzung verloren gegangen.

Informationen und Fortbildung zum Kinderschutz

  • Der Onlinekurs „Kinderschutz in der Medizin“ bietet allen Gesundheitsberufen Grundwissen zum Thema an. Die Kursdauer beträgt rund 30 Stunden und ist für Ärzte und Psychotherapeuten mit 36 CME-Punkten akkreditiert. Bis zum 19. März 2020 kann noch kostenfrei teilgenommen werden: http://elearning-Kinderschutz.de/
  • Der Onlinekurs „Leitungswissen Kinderschutz in Institutionen“ bietet spezifisches Wissen für Führungskräfte an. Der kostenfreie Kurs kann in rund 35 Stunden absolviert werden und ist mit 40 CME-Punkten akkreditiert: https://leitung.elearning-kinderschutz.de/
  • Die Medizinische Kinderschutzhotline 0800 19 210 00 berät Ärzte, Psychotherapeuten, Zahnärzte, Pflegekräfte und Rettungskräfte bei Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung, rund um die Uhr und bundesweit (www.kinderschutzhotline.de).
  • Flyer zum Kinderschutz für Arztpraxen und Kliniken bietet der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) kostenfrei an: https://www.kein-raum-fuer-missbrauch.de/materialien/
  • Das Hilfeportal Sexueller Missbrauch des UBSKM bietet eine bundesweite Datenbank mit Hilfsangeboten in der Region: www.hilfeportal-missbrauch.de. Ebenso steht kostenfrei und anonym für Betroffene und Angehörige das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch  08 00 22 55 530 bereit.

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