ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Versorgung schwer psychisch kranker Menschen: Personzentrierter Ansatz jetzt

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Versorgung schwer psychisch kranker Menschen: Personzentrierter Ansatz jetzt

PP 18, Ausgabe Juli 2019, Seite 295

Bühring, Petra

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Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Handlungsbedarfe zur Reform der psychosozialen Versorgung 44 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete herausgearbeitet. Es fehlt vor allem an einer verbindlichen Koordination innerhalb von möglichst kooperativ arbeitenden Netzwerken in den Regionen.

Rund 44 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete fehlt es Experten zufolge in erster Linie an einem gesetzlich verbindlich geregelten Umsetzungsplan der Beschlüsse von 1975 für eine bessere Versorgung von psychisch kranken Menschen mit komplexem Hilfebedarf. „Wir brauchen keine neue Enquete, sondern eine verbindliche Koordination der Versorgung innerhalb kooperativ arbeitender Netzwerke in den Gemeinden – es muss jeweils einen Verantwortlichen für die Koordination geben“, forderte Prof. Dr. Rudolf Schmid, Mitglied der Projektgruppe der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die am 5. Juni ein Positionspapier zum Thema „Handlungsbedarfe zur Reform der psychosozialen Versorgung 44 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete“ vorgestellt hat (http://library.fes.de/pdf-files/wiso/15479.pdf).

Verbindlichkeit fehlt

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Schmid, auch wissenschaftlicher Direktor der Gesellschaft für Forschung und Beratung im Gesundheits- und Sozialbereich, verdeutlichte, dass mit der Psychiatrie-Enquete zwar Koordination in Gemeindepsychiatrischen Verbünden gefordert wurde, nicht aber eine verbindliche Regelung. „Das ist heute ein großes Problem, denn wir haben deutliche Koordinationsdefizite“, sagte Schmid. Der Abbau von Großkrankenhäusern, in die viele psychisch Kranke vor 1975 „weggesperrt“ wurden, sei zwar gelungen – gemeindepsychiatrische Verbünde hingegen gebe es nicht flächendeckend. Die FES-Projektgruppe fordert deshalb vom Gesetzgeber die Sicherstellung der integrierten Versorgung für psychisch Kranke. „Der § 140 a Sozialgesetzbuch (SGB) V zur ‚besonderen Versorgung‘ allein ist nicht ausreichend“, betonte Schmid.

Die Gleichstellung von psychisch Kranken mit somatisch Kranken habe sich im Nachhinein als problematisch erwiesen, sagte Schmid weiter. „Psychisch Kranke brauchen eben nicht nur psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung, sondern auch Arbeit, Wohnraum und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Diese verschiedenen Bedarfe seien indes in verschiedenen SGB geregelt, neben dem SGB V auch in VI, IX, XI, XII und XIV, mit jeweils unterschiedlichen Kostenträgern. Die FES-Projektgruppe fordert deshalb eine Zusammenfügung der psychiatrierelevanten Leistungen aus den einzelnen Gesetzbüchern. Die psychosoziale Versorgung sollte in Zukunft tatsächlich von der Person aus gedacht werden, nicht vom Kostenträger aus oder von einer Einrichtung. Dabei müsste die Selbstbestimmung der Person in den Mittelpunkt gestellt werden sowie Prävention und Selbsthilfe gestärkt werden, so die Forderungen.

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, das heißt, eine konsequente Umsetzung des personzentrierten Ansatzes in den regionalen Strukturen – es gibt bereits gute Konzepte“, erklärte Dr. med. Christian Kieser, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam, bei der Diskussion des Positionspapiers.

Bedarf über Krankenhaus hinaus

Die Mittel des Krankenhauses seien für die Versorgung von Menschen mit komplexem Hilfebedarf nicht ausreichend, sagte Kieser. Notwendig seien hingegen flexiblere Angebote wie Hometreatment und andere aufsuchende Hilfen. „Auch für Menschen in akuten psychotischen Krisen kann das Krankenhaus nicht der einzige Ort sein – wir brauchen mehr ambulante Krisendienste, Krisenwohnungen oder Soteria-Einheiten“, forderte der Chefarzt weiter. Psychosoziale Hilfen seien ein zentraler Faktor in der Versorgung von Menschen mit komplexem Hilfebedarf, nicht nur die medizinisch-psychiatrische Behandlung.

Der Berichterstatter der SPD für Psychiatrie und Psychotherapie, Dirk Heidenbut (MdB), sprach sich für „klare Standards und eindeutige Verantwortlichkeiten“ bei der Umsetzung der Vorschläge der FES-Projektgruppe aus. „Zur Weiterentwicklung der psychiatrisch-psychotherapeutisch-psychosomatischen Versorgung sollte eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe tagen“, schlug er vor. Er unterstützte den Vorschlag der Friedrich-Ebert-Stiftung für eine Zusammenführung psychiatrierelevanter Leistungen aus den verschiedenen Sozialgesetzbüchern in einer eigenen Rahmengesetzgebung. Petra Bühring

Zentrale Forderungen der Psychiatrie-Enquete von 1975

  • Die Versorgung psychisch kranker Menschen soll gemeindenah erfolgen.
  • Die großen Landeskrankenhäuser sind umzustrukturieren, stationäre Psychiatrien sind möglichst an Allgemeinkrankenhäuser anzugliedern.
  • Psychisch kranke Menschen sind körperlich kranken Menschen gleichzustellen.
  • Nicht (voll)stationäre Angebote wie Tageskliniken und Institutsambulanzen sind in den Gemeinden einzurichten und zu fördern.
  • Die Versorgung muss bedürfnisgerecht und umfassend erfolgen, inklusive einer bedarfsgerechten Koordination.

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