ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Klinische Neuropsychologie: „Extrem lange Ausbildung“

POLITIK

Klinische Neuropsychologie: „Extrem lange Ausbildung“

PP 18, Ausgabe Juli 2019, Seite 300

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Neuropsychologen befürchten eine Verschlechterung der ambulanten Versorgung durch die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung. Die Begrenzung der Legaldefinition auf wissenschaftlich anerkannte Verfahren mache eine Weiterbildung direkt nach dem Studium unmöglich.

Patienten mit hirnorganischen Störungen kann mit Neuropsychologie geholfen werden. Foto: Atthapon/stock.adobe.com
Patienten mit hirnorganischen Störungen kann mit Neuropsychologie geholfen werden. Foto: Atthapon/stock.adobe.com

Die Gesellschaft für Neuropsychologie e. V. (GNP) befürchtet, dass es zu einer Verschlechterung der Versorgung von Patienten kommen könnte, die nach einer hirnorganischen Erkrankung unter Störungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, des emotionalen Befindens und des Verhaltens leiden. Grund dafür sind Formulierungen im Gesetzentwurf für die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung. „Wir begrüßten die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung grundsätzlich sehr. Sie könnte auch für die Ausbildung zum Neuropsychologen eine große Chance sein, dann nämlich, wenn sich nach dem Direktstudium der Psychotherapie und der Approbation eine Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten für klinische Neuropsychologie anschließt“, erläuterte Dr. rer. nat. Thomas Guthke, Vorsitzender der GNP gegenüber PP. Ein direkter Zugang der Klinischen Neuropsychologie in die Weiterbildung sei fachlich gut realisierbar und für die ambulante Patientenversorgung dringend erforderlich, betonte er.

Anzeige

Dem entgegen steht aber § 1, Abs. 2 im Entwurf für ein neues Psychotherapeutengesetz nach der Reform der Ausbildung. In dieser (Legal-)Definition der Berufsausübung wird nur auf wissenschaftlich anerkannte psychotherapeutische Verfahren Bezug genommen. Das sind die vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) anerkannten Verfahren, die nach den Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss sozialrechtlich verankert sind und mit denen eine Niederlassung im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung möglich ist.

Neuropsychologie ist Methode

Im Unterschied zu den Richtlinien-verfahren gilt die Neuropsychologie nicht als Verfahren, sondern als Methode. Sie wurde vom WBP zwar wissenschaftlich anerkannt, aber nicht zur vertieften Ausbildung empfohlen, weil sie nicht die Breite des Anwendungsbereiches für Psychotherapie abdecken kann. Denn die Neuropsychologie ist auf den Diagnosebereich F0 (hirnorganisch erworbene Schädigungen) spezialisiert. „Mit der Einengung auf wissenschaftlich anerkannte Verfahren in der Legaldefinition wären wir außen vor und keine Weiterbildung zum ‚Fachtherapeuten für Klinische Neuropsychologie‘ möglich“, erklärt GNP-Vorsitzender Guthke. Auch die Eintragung in das Arztregister setze die Anerkennung als Verfahren beziehungsweise den Abschluss einer Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten voraus. „Es wäre ein absoluter Rückschritt, wenn es so kommen würde, die Ausbildung wäre extrem lang“, so Guthke. Die Zulassung zum niedergelassenen Neuropsychologen im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung würde dann ein Psychotherapiestudium, eine Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten und noch eine Weiterbildung in klinischer Neuropsychologie umfassen.

„Keine neurologische Klinik wird Fachpsychotherapeuten einstellen, die gerade anfangen Neuropsychologie zu lernen – das ist viel zu teuer“, ist Guthke überzeugt. Die Gesellschaft für Neuropsychologie fordert daher eine entsprechende Korrektur des Gesetzentwurfes zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung.

Die GNP hatte in die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung große Hoffnungen gesetzt. Denn aktuell gibt es nach Angaben der Fachgesellschaft nur rund 200 niedergelassene Klinische Neuropsychologen, weil die Hürden für die Zulassung hoch sind: Nach dem Studium der Psychologie und der drei- bis fünfjährigen Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten muss noch eine Zusatzbezeichnung in klinischer Neuropsychologie erworben werden. Die meisten Neuropsychologen (rund 800 bundesweit) arbeiten laut GNP in neurologischen Kliniken. Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema