ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Ethikkommissionen: Fragwürdiges Verständnis von Abstinenz
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Die Mehrheit der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dürfte über den geschilderten Vorgang, in dem ein Ausbildungsanalytiker aus seinem Ausbildungsinstitut ausgeschlossen wurde, schlicht den Kopf schütteln. (Der Kollege hatte einer Ausbildungskandidatin einige Male die Hand gehalten, sich in den Urlaub mit einer Umarmung verabschiedet und – ihr finanziell entgegenkommend – sein Honorar gesenkt.)

Ich finde schon bemerkenswert, dass sein Institut ihn nun wegen „gravierender Abstinenzverletzung“ vom Lehrbetrieb ausschließt. Welches Verständnis von Abstinenz ist hier verletzt? Welche Vorstellung vom „Ansehen des Institutes, der Fachgesellschaft und der psychoanalytischen Gesamtheit“ bildet die Basis dafür, dieses verletzt zu sehen?

Dass man Menschen berührt, ja anfasst, ist in diversen Berufen Alltag: Physiotherapie, Medizin, Ergotherapie, Sporttherapie ... und – natürlich! – auch in bestimmten Vorgehensweisen in der Psychotherapie. Vorausgesetzt der Fall hat sich so zugetragen, wie von Tillmann Moser dargestellt hat, kann ich im Vorgehen des Kollegen keine Verletzung der Abstinenzregel sehen, allenfalls einen Verstoß gegen die ‚reine Lehre‘ einer konservativen Psychoanalyse.

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Ich frage mich schon, ob der Kollege die Rahmenbedingungen der Psychotherapie und insbesondere der therapeutischen Beziehung ausreichend mit der Kandidatin geklärt hat. Ich frage auch nach deren Motiven für die Beendigung der Therapie und eine Art Nachkarten oder Rache (?) am Kollegen. Aber das zu auf Spekulationen, die sich erst durch komplette Einsichtnahme in den gesamten Vorgang auflösen lassen. Und es muss schon sehr gewichtige Gründe geben, diese dem Kollegen zu verwehren. Zumindest diese zu erfahren, steht ihm zu. (...)

Dipl.-Psych. Roland Raible, 88239 Wangen

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