ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Ethikkommissionen: Ethikkommissionen werden entwertet
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Bereits im Titel werden Ethikkommissionen als „Sittenwächter“ massiv entwertet, weckt doch das Wort „Sittenwächter“ Assoziationen zu den fanatischen, selbst ernannten Sittenwächtern im Iran. Diese Diktion setzt sich in dem Text fort. Ethikleitlinien und Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, die diesen folgen, werden als „streng“ und „orthodox“ bezeichnet. (...) Die wiederholte Verwendung der Bezeichnung „orthodoxe Psychoanalyse“ verdreht und verschleiert eine zweite Tatsache: Ethikleitlinien werden (im Gegensatz zu unrechtmäßig selbst ernannten Sittenwächtern) in demokratischen Abstimmungsprozessen nach vielfältigen Diskussionen von den entsprechenden Fachgesellschaften verabschiedet. Die ethischen Leitlinien für die Psychoanalyse und Psychotherapie stimmen darin überein, dass unter anderem körperliche Berührungen jenseits vom Händeschütteln und sexuelle Beziehungen eine Abstinenzverletzung darstellen, die eher dem Bedürfnis des Psychoanalytikers folgen als den vereinbarten Therapiezielen.

Und genau diesen ethischen Grundsätzen folgen nicht nur einige immer noch „orthodoxe“ Psychoanalytiker, sondern immerhin über 11 000 Psychoanalytiker in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und in Deutschland, (...)

T. Moser vermischt im Weiteren Psychoanalyse und Körpertherapie, letztere suchen Menschen auf, weil sie unter anderem auch körperliche Berührungen wünschen. Sie tun dies informiert und werden sicherlich zu Beginn einer Körpertherapie aufgeklärt, wie weit diese Berührungen gehen. Auch diese finden also in einem Rahmen statt, der nicht willkürlich von einem Körpertherapeuten plötzlich verändert wird.

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In dem von Moser dargestellten Fall S. geht es erstaunlicherweise nur um die Befindlichkeit des Lehranalytikers. Dass dieser ja in der Tat, so offenbar dem Autor beschrieben, Grenzverletzungen begangen hat (Hand halten, Umarmungen), interessiert den Autor nicht. Auch die Tatsache, dass sich eine Lehranalysandin immerhin geschädigt fühlt und eine Beschwerde eingelegt hat, was mit Sicherheit kein leichter Schritt ist, ist für den Psychotherapeuten Moser offenbar kein wichtiges Thema. Das Leid der Beschwerdeführerin interessiert ihn bedauerlicherweise nicht. (...)

Dipl.-Psych. Sylvia Schulze, 10823 Berlin

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