ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Ernest Hemingway: „Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft“

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Ernest Hemingway: „Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft“

PP 18, Ausgabe Juli 2019, Seite 332

Gebele, Niklas

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Seine fiktionalen Charaktere zeigen Trauer und Scham, Unsicherheit und Verletzlichkeit – er selbst niemals. Die Sublimierung im schriftstellerischen Werk scheint der Abwehrmechanismus gegenüber den frühen unbewussten Ängsten Ernest Hemingways. Im Juli wäre er 120 Jahre geworden.

Ernest Hemingway um 1945 beim Schreiben in seinem Landhaus „Finca Vigia“ auf Kuba. Foto: picture-alliance/akg-images

Ernest Hemingway um 1945 beim Schreiben in seinem Landhaus „Finca Vigia“ auf Kuba. Foto: picture-alliance/akg-images
lass="Grundschrift_Initial">Wenn ein Prosaschriftsteller genug über das weiß, worüber er schreibt, kann er Dinge auslassen, die er weiß, und der Leser wird, wenn der Schriftsteller aufrichtig genug schreibt, ein so starkes Gefühl dieser Dinge haben, als ob der Schriftsteller sie erwähnt hätte. Die Würde der Bewegung eines Eisbergs ist darauf zurückzuführen, dass nur ein Achtel von ihm über Wasser ist.“ So schreibt Ernest Hemingway in „Tod am Nachmittag“ (2). Der Schriftsteller, Nobelpreisträger, Kriegsberichterstatter, Abenteurer, Hochseefischer, Großwildjäger, Stierkampffan, Boxer und Kampftrinker wird vor 120 Jahren, am 21. Juli 1899, in einem Vorort von Chicago geboren. Er gilt als Meister des Auslassens: „Es ist ganz ungeheuerlich, wie er das macht. Er erzählt Details über Details. Wie man in eine Stadt kommt, sich ein Hotelzimmer nimmt, mit dem Portier ein paar Worte spricht, raufgeht, sich wäscht, ein frisches Hemd anzieht, Anzüge in den Schrank hängt, wieder in die Stadt geht, eine Zeitung kauft – Details über Details, Weglassen aller Gefühle, es gibt keinen Autor und aus alldem steigt Traurigkeit auf, die Verlorenheit im Leben, unsere Ziellosigkeit, Ausgeliefertsein an das Schicksal.

Liebe als irdische Sache

Hemingway spricht nie davon, er spricht nie von Gefühlen, wenn er von Liebe spricht, ist das keine hohe Göttertochter, sondern eine ganz irdische Sache, Geschwätz zu zweien, wie schön es ist, zusammen ins Bett zu gehen, den Regen vor den Fenstern zu hören, sich zu halten. Er zeichnet nur ein paar Striche, grade die Striche, die notwendig sind für die Kontur. Das andere überlässt er seinen Lesern, uns“, schreibt Hans Fallada 1932 über Ernest Hemingway (3).

Die Traurigkeit, Verlorenheit, Ziellosigkeit, die nie direkt ausgedrückt wird: Wir erspüren sie deutlich und intensiv unter der zumeist forciert wirkenden, stereotyp männlichen Oberfläche von Hemingways Helden, denen bisweilen vorgeworfen wurde, immer nur ein und derselbe Charakter – nämlich das Alter-Ego des Autors selbst – zu sein. Indes kann dem Tiefenpsychologen nicht entgehen, dass gerade diese verletzlichen und verletzten Aspekte seiner Protagonisten – die Kriegsmüdigkeit des Frederic Henry aus „In einem anderen Land“, die Impotenz des Jake Barnes aus Fiesta, die einsamen Tode von Harry Morgan in „Haben und Nichthaben“ und Robert Jordan in „Wem die Stunde schlägt“ sowie das herzzerreißende Scheitern des greisen Fischers Santiago in der nobelpreisgewürdigten Novelle „Der alte Mann und das Meer“ – in der öffentlichen Selbstinszenierung des Autors selbst keinen Raum fanden. Im Gegensatz zu den Antihelden seines Werkes zeigte Ernest Hemingway selbst niemals Schwäche oder Unsicherheit, ließ keine Ambivalenz oder gar Angst erkennen. Im Gegenteil: Jagen, Fischen, Boxen, Trinken und Schreiben, Krieg und Sex – kurz: Alles was er tat – schien er geradezu zwanghaft zur Demonstration seiner so absoluten wie eindimensionalen Männlichkeit stilisieren zu müssen.

Es ist darin von vielen Biografen, mitunter auch Psychotherapeuten, eine forcierte Überkompensation unbewusster Selbstwertprobleme und tief verunsicherter Männlichkeit gesehen worden, deren Ursprung, wie so oft, in den frühen Primärbeziehungserfahrungen liegt (4, 5, 6). Der Vater ein strenger, prüder Puritaner, als Arzt und Geburtshelfer eine angesehene Persönlichkeit der Gemeinde. Im familiären Machtgefüge jedoch passiv und schwach gegenüber der dominanten, als recht exzentrisch beschriebenen Mutter, einer, infolge starker, mutmaßlich psychosomatischer Kopfschmerzen, bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt, verhinderten Opernsängerin. Zuflucht fand Dr. Hemingway in der Natur, beim Jagen und Fischen, während der kleine Ernest in der Obhut der Mutter verblieb, welche ihn und die ein Jahr ältere Schwester in den ersten Lebensjahren als weibliche Zwillinge kleidete und erzog, was zur damaligen Zeit weniger unüblich war, als es heute anmutet, für den jungen Ernest Hemingway aber gleichwohl eine verwirrende und später zutiefst beschämende Tatsache darstellte (7, 8). So erklärt sich wohl die dankbare Begeisterung des Sohnes, als er schließlich vom Vater mit in die Natur, das männliche Refugium genommen wurde. Und die spätere Idealisierung des Jagens, Fischens und Kämpfens, als einzige Möglichkeit sich in positiver Weise mit der eigenen männlichen Abstammungslinie zu identifizieren, eine selbstwertdienliche männliche Identität zu entwickeln.

Überkompensation

Trauer und Scham, Unsicherheit und Verletzlichkeit – von alledem erfahren wir nur durch Hemingways scheinbar fiktionale Charaktere, niemals durch „Papa“ – wie er sich von Freunden und Frauen gerne nennen ließ – selbst (9). Somit stellt, neben dem in der öffentlichen (und von dieser offenbar kaum abweichenden privaten) Persona Hemingways deutlich zum Ausdruck kommenden überkompensatorischen Agieren, die Sublimierung im schriftstellerischen Werk den bedeutsamsten Abwehrmechanismus gegenüber den früh erworbenen unbewussten Ängsten vor Kleinheit, Unmännlichkeit und Ablehnung – im psychodynamischen Jargon: dem ungelösten ödipalen Konflikt – dar. Wie Freud es treffend auf den Punkt gebracht hat: „Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber.“ (10) Somit wird Hemingway – vielleicht mehr als ihm selbst bewusst war – seinem eigenen Grundsatz gerecht, ein Schriftsteller solle nur über das schreiben, was er selbst erlebt habe. Schriftsteller zu sein beginne damit, einen einzigen wahren Satz zu schreiben, dann noch einen, und noch einen … (11). Der unsichtbare Teil des Eisbergs ist damit nicht nur das bewusst weggelassene, sondern auch und vielleicht sogar vor allem, das Unbewusste.

Gegen Ende des imposanten Lebens Ernest Hemingways zeigt der lebenslange unerbittliche Raubbau an Körper und Seele Folgen, dann aber ist der Verfall rapide. Was mutmaßlich schon lange Zeit als ein Wechselspiel rationalisierter und stilisierter Hypomanie und mit Alkohol selbstmedizierter Depressionen zu verstehen gewesen wäre, dekompensiert in den letzten beiden Lebensjahren in schweren Depressionen, paranoiden Ängsten, wiederholten stationär-psychiatrischen Einweisungen mit erfolglosen Elektrokrampftherapien und mehreren Suizidversuchen.

Als schließlich der Körper die forcierte Überkompensation in Form von Reisen, Jagen, Fischen, Boxen und Trinken, und der Geist die Sublimierung in Prosa nicht mehr zulassen, scheint Hemingway – scheint von ihm – nichts mehr geblieben zu sein. Am 2. Juli 1961 erschießt er sich, kurz vor seinem 62. Geburtstag, in seinem Haus in Idaho. Er sucht damit ein letztes Mal die Identifikation mit dem zeitlebens vermissten, geliebten und verhassten Vater, der sich ebenfalls in ähnlichem Alter suizidiert hatte.

Was bleibt nun von Ernest Hemingway? Zweifellos ein herausragendes literarisches Werk – stilistisch einzigartig: Präzise, tiefsinnig, wunderbar melancholisch. Und von der Person Hemingway, dem Menschen? Es wäre leicht, ihn als Aufschneider, Lügner, anachronistische Ausgeburt psychisch unreifer toxischer Maskulinität zu verwerfen. Der Tiefenpsychologe kommt jedoch nicht umhin, gerade auch die unreifen, überkompensierenden Abwehrmechanismen als kämpferischen Versuch des psychischen Überlebens zu erkennen und zu würdigen. Als verzweifeltes Ringen um Würde, Selbstwert und Lebensenergie trotz widriger Umstände, in einer zeitlebens schlechten Beziehung zur Mutter, hoch ambivalenter, von Scham, Enttäuschung und Vorwurf geprägter Haltung gegenüber dem Vater, unsicherer Bindung und tief verunsicherter männlicher Identität. Liegt nicht genau hierin die Anschlussfähigkeit von Hemingways Antihelden? Im verzweifelten Kampf um Würde, Hoffnung und Haltung in einer von Zweifel, Angst und Unsicherheit geprägten inneren und äußeren Welt? Um das Erkennen von – vielleicht auch das Klammern an – die Schönheit in dieser Welt, die letztlich doch den Kampf – auch und vor allem gegen die eigenen Dämonen – lohnt. Vielleicht haben wir hierfür oftmals reifere Möglichkeiten als Ernest Hemingway. Vielleicht spricht uns aber insgeheim das stoische Pathos seiner vom Leben geschlagenen Männer doch aus der um Haltung ringenden Seele: „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.“ (12)

Dr. rer. nat. Niklas Gebele,
Psychologischer Psychotherapeut

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0719

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1.
Hemingway, E: Wem die Stunde schlägt. Gesammelte Werke, Band 3. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 451.
2.
Hemingway, E: Tod am Nachmittag. Gesammelte Werke, Band 8. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 163.
3.
Fallada, H: Gespräch zwischen Ihr und Ihm über Ernest Hemingway: In unserer Zeit. Die Literatur – Monatsschrift für Literaturfreunde 1932; 35: 21.
4.
Sucher, CB: Suchers Leidenschaften: Ernest Hemingway: Eine Einführung in Leben und Werk. Hörbuch. Argon Verlag GmbH 2007.
5.
Lynn, KS: Hemingway. Eine Biographie. Rowohlt 1991.
6.
Yalom, ID: Was Hemingway von Freud hätte lernen können. btb Verlag 2003.
7.
Sucher, CB: Suchers Leidenschaften: Ernest Hemingway: Eine Einführung in Leben und Werk. Hörbuch. Argon Verlag GmbH 2007.
8.
Lynn, KS: Hemingway. Eine Biographie. Rowohlt 1991.
9.
Hemingway, E: Wem die Stunde schlägt. Gesammelte Werke, Band 3. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 327f.
10.
Hotchner, EA: Papa Hemingway. Econ Taschenbuch Verlag 1999.
11.
Freud, S: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Drei Abhandlungen. Amsterdam: De Lange 1939; 211.
12.
Sucher, CB: Suchers Leidenschaften: Ernest Hemingway: Eine Einführung in Leben und Werk. Hörbuch. Argon Verlag GmbH 2007.
13.
Hemingway, E: Der alte Mann und das Meer. Gesammelte Werke, Band 4. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 255.
1.Hemingway, E: Wem die Stunde schlägt. Gesammelte Werke, Band 3. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 451.
2.Hemingway, E: Tod am Nachmittag. Gesammelte Werke, Band 8. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 163.
3.Fallada, H: Gespräch zwischen Ihr und Ihm über Ernest Hemingway: In unserer Zeit. Die Literatur – Monatsschrift für Literaturfreunde 1932; 35: 21.
4.Sucher, CB: Suchers Leidenschaften: Ernest Hemingway: Eine Einführung in Leben und Werk. Hörbuch. Argon Verlag GmbH 2007.
5.Lynn, KS: Hemingway. Eine Biographie. Rowohlt 1991.
6.Yalom, ID: Was Hemingway von Freud hätte lernen können. btb Verlag 2003.
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8.Lynn, KS: Hemingway. Eine Biographie. Rowohlt 1991.
9.Hemingway, E: Wem die Stunde schlägt. Gesammelte Werke, Band 3. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 327f.
10. Hotchner, EA: Papa Hemingway. Econ Taschenbuch Verlag 1999.
11. Freud, S: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Drei Abhandlungen. Amsterdam: De Lange 1939; 211.
12.Sucher, CB: Suchers Leidenschaften: Ernest Hemingway: Eine Einführung in Leben und Werk. Hörbuch. Argon Verlag GmbH 2007.
13. Hemingway, E: Der alte Mann und das Meer. Gesammelte Werke, Band 4. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1977; 255.

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