ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Autismus und Asperger: Die einsame Verkapselung des Selbst

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Autismus und Asperger: Die einsame Verkapselung des Selbst

PP 18, Ausgabe Juli 2019, Seite 331

Moser, Tilmann

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Es ist ein Leiden, das den Betroffenen ebenso wie Freunden, Angehörigen und Mitarbeitern ein zum Teil ärgerliches Rätsel ist. Der Autist erkennt manchmal nicht einmal Gesichter wieder. Er spürt keine Gefühle, er muss sie, um nicht aufzufallen, planen und spielen. Er erhielt schon früh kein Echo, keine warmherzige Spiegelung, keine wirkliche erkennende Einfühlung.

Die Autorin scheitere schon im Kindergarten bei Kontakten zu den Kindern. Eine schwer erträgliche Einsamkeit ist die Folge. Sie ging bei ihr in tiefe Depressionen, schwere Suizidgedanken, Erschöpfungszustände, Gefühle von Sinnlosigkeit und tiefe Selbstzweifel. Sie hatte Glück mit ihrer Intelligenz und Disziplin und studierte Psychologie, arbeitete auf verschiedenen Stationen in der Psychiatrie, leitete trotz Fremdheits-Empfindungen Gruppen, absolvierte eine Reihe von Kliniken, gute und zweifelhafte, fand eine außergewöhnliche Psychoanalytikerin, bei der sie „Nachbeelterung“ erlebte. Und trotzdem keine wirkliche Heilung, sondern mit weiteren Therapien ein Arrangement mit sich selbst, bis sie erschöpft früh berentet wurde. Ihren schweren Lebenslauf schildert sie genau und in fast neutralem Ton der Aneinanderreihung schmerzlicher Erlebnisse. Sie ist sich selbst ein Rätsel, lernt aber spät in sich und ihren Körper hineinzuhorchen und sich und ihre Abgründe zu beschreiben. Hochleistungssport (Turmspringen), das Schreiben und konfliktreiche lesbische Beziehungen vermittelten ihr gelegentlich ein Gefühl von Selbstwert und Nähe, die schnell wieder in Fühllosigkeit und bitteren Streit übergehen konnten. Grübelzwang und Depersonalisation konnten sich abwechseln. Ihre Analytikerin idealisierte sie in symbiotischer Weise, unendlich dankbar und doch nicht in ein wirklich fühlendes Wesen verwandelt. Sie imitierte Verhaltensweisen, weil sie über keine echten verfügte. Eine Analyse im Liegen „ersparte mir das Sehen“, die Worte der Therapeutin wurden Haltegriffe und dennoch blieb der Kontakt dünn Sie überlebte in Selbsthilfegruppen und betreut in Cafés.

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Das Buch ist eine wichtige Forschungsleistung über die unheimliche seelische Erkrankung des Autismus. Auch der Fachmann, der sich mit Autisten schon abgemüht hat, erlebt Lichtblicke des nachträglichen Verstehens. Tilmann Moser

Birgit Saalfrank: Ich, Birgit, Autistin und Psychotherapeutin. Patmos-Verlag, Ostfildern 2019, 262 Seiten, gebunden, 24,00 Euro

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