ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Gehirnentwicklung in der Jugend: Erkenntnisse für die weitere Lebensführung

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Gehirnentwicklung in der Jugend: Erkenntnisse für die weitere Lebensführung

PP 18, Ausgabe Juli 2019, Seite 330

Kinze, Wolfram

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Die Autorin, Professorin für Kognitive Neurowissenschaften am University College in London, legt in einer sehr persönlichen, verständlichen und dabei immer wieder (selbst)kritischen Weise dar, wie die Gehirnentwicklung von Jugendlichen zu erforschen ist, wie sie in dieser Phase das Verhalten prägt und wesentlich auch die weitere Lebensführung bestimmt. Dabei belegen moderne Untersuchungsverfahren, insbesondere funktionelle Magnet-resonanztomografie sowie neurochemische und mikroskopische Methoden, aber auch genetische Vergleichsstudien und neuropsychologische Erhebungen, wie vielfältig sich die Entwicklung des Gehirns in Abhängigkeit von Lebensalter, genetischen Voraussetzungen, kulturellen und sozialen Einflüssen sowie möglichen pathologischen Auswirkungen vollzieht und letztlich lebenslang abläuft.

In den ersten drei Kapiteln werden Definitionen, historische Rückblicke, kulturelle Vergleiche, Analogien zu tierischem Verhalten, Entwicklungen des Ich-Gefühls sowie Einflüsse und Abhängigkeiten von Altersgleichen und Ergebnisse einschlägiger Verhaltensexperimente dargestellt. In den folgenden drei Kapiteln werden Strukturen und Funktionen des Gehirns sowie entwicklungsabhängige, letztlich aber bleibende Plastizität der Hirnentwicklung fachlich souverän abgehandelt, wobei immer die Bezüge zur Adoleszenz besonders herausgearbeitet werden.

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Drei weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem neuronalen Netzwerk, das unterschiedliche Gehirn-areale zu einem „sozialen Gehirn“ verbindet und uns ermöglicht, andere Menschen zu erkennen, ihre Ansichten und Gefühle zu beurteilen und ihr zukünftiges Handeln vorauszusehen, uns eine „theory of mind“ zu bilden. Dabei reicht das Spektrum von autistischen Schwierigkeiten in Interaktion und Kommunikation bis zu differenziertem sozialen Empathievermögen und gelingendem Perspektivwechsel. Auch endokrine Umstellungen in der Pubertät haben Einflüsse auf Hirnreifungsprozesse, insbesondere der subcorticalen Strukturen. Das Volumen der grauen Hirnsubstanz in diesen „Mentalisierungsnetzwerken“ nimmt vom siebten bis zehnten Lebensjahr zu. In der folgenden Adoleszenz verlagern sich die Schwerpunkte neuronaler Aktivitäten in den einzelnen Hirnarealen. Es kommt zur Reduktion nicht mehr benötigter Synapsen und zur verstärkten Myelinisierung, damit zur quantitativen Reduzierung der grauen zugunsten der weißen Hirnsubstanz, also nicht zu einem „Hirnverlust in der Pubertät“. Altersabhängige, aber individuell sehr unterschiedliche Reifungs- und Differenzierungsprozesse einzelner Hirnareale, zum Beispiel der limbischen Strukturen für emotional-affektives Erleben und der präfrontalen corticalen Strukturen für Urteile und Handlungssteuerung, führen situationsabhängig zu Risiko- und/oder Vermeidungsverhalten in verschiedenen Leistungs- und Lebensbereichen, zu Selbsterkenntnis und Lebenserfahrung und zu eigenen Zielstellungen. Dies alles lässt sich nur sehr begrenzt mit pädagogischen Maßnahmen vereinheitlichen und dauerhaft beeinflussen.

In den abschließenden drei Kapiteln werden Bezüge zwischen Hirnentwicklungen und psychischen Störungen (Lernstörungen, Schizophrenien, Depressionen, Drogen, Alkohol, Vernachlässigung, Traumatisierungen, Einflüsse digitaler Medien) diskutiert. Dabei gilt wohl die Warnung der Autorin „vor den verführerischen Verlockungen der Neurowissenschaft“ nicht nur für Pädagogen und Politiker, sondern auch für Ärzte und Psychotherapeuten. Ihnen allen ist dieses Buch sehr zu empfehlen. Wolfram Kinze

Sarah-Jayne Blakemore: Das Teenager Gehirn. Die entscheidenden Jahre unserer Entwicklung. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018, 301 Seiten, kartoniert, 18,00 Euro

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