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ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2019Systemische Biografiearbeit: Sinnstiftendes Erinnern

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Systemische Biografiearbeit: Sinnstiftendes Erinnern

Moser, Tilmann

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Erinnerungen sitzen auf viele Etagen der Seele, auf vielfache Weise abgespeichert, abrufbar oder (scheinbar?) endgültig verschwunden. Es gibt viele Anlässe, bei denen man sie gern wieder auftauchen lassen würde. Sie bildeten einst und noch heute Identität, und die kann relativ einfach sein, vielfältig, gespalten, zerrissen, glanzvoll oder fast verloren.

Wie die Schätze des Gedenkens gefunden oder wiedergefunden werden können, ist Teil einer neuen beraterischen oder therapeutischen Disziplin. Ihre Wirkungsfelder befinden sich seit einigen Jahren in rapidem Wachstum, auch wenn ihre Wurzeln bis in die Antike reichen. Als „Lebenserinnerungen“ bilden sie ein eigenes literarisches Genre, ehrlich, bilanzierend, eitel oder bereuend, rechtfertigend oder einfach lebenssinnsuchend. Einzelne Menschen, Gruppen bis hin zu Nationen suchen ein Selbstverständnis, manchmal träumend und manchmal gierig nach bedrohter oder schwankender oder glänzender Identität.

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In der sich ausfächernden Vielfalt von Praxis und Theorie sucht und findet Ansgar Röhrbein einen Weg durch den Dschungel von Forschung und Literatur. Er liefert gleichzeitig ein Lehrbuch der Disziplin sowie eine Orientierung, wie Anfänger und Fortgeschrittene einen Weg finden können zur noch etwas instabilen Professionalisierung. Röhrbein ist ein alter Praktiker auf vielen Feldern, auf denen er Anleitung und Erkenntnis gesucht und gefunden hat: mit Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen und Uralten, Erfolgreichen und Sterbenden, in Kliniken und in der Politik. Auch ohne gleich Profi werden zu wollen, finden begabte Fragensteller Hinweise auf Fundorte und Deponien von Erinnerungen, die sich mit den verschiedensten Techniken wieder zusammensetzen lassen. Eine Fülle von Hilfsmitteln breitet er aus: Fotos, Melodien, Gerüche, Lieblingsorte und Orte des Schreckens, Pflanzen und Tiere, Gesten und Laute, Postkarten und Todesanzeigen, lauter Reize gegen das bedrohliche oder auch lockende Vergessen. Der Autor macht sich Gedanken über die „Moral“ der fragenden Helfer und Profis: sie sollen diskret sein, Vertrauen verdienen, warmherzig und stützend sein, weil das Erinnern auch anstrengend sein kann, ein oft Mut verlangendes Unterfangen. Doch er möchte es auch zur Kraftquelle machen, aus der Lebenssinn, auch verlorener, wieder entsteht und vergessene Ressourcen wieder auftauchen können.

Man gönnt Röhrbein sein kompetentes Schwärmen von den Möglichkeiten der Biografiearbeit, die durchaus erst einmal mit einem aufwärmenden Fragebogen beginnen kann, bis es an die Intimität des geduldigen anregenden und ermutigenden Nachfragens geht. Bei der braucht es auch Pausen des Nachsinnens, um die Widerstände zu lockern, die sich gegen das Unangenehme der Fragen richten können.

Er spricht von seiner Schatzkiste der Interviewformen. Sein Buch ist in sich selbst ein Schatzkästchen für Neugierige, die von ihm lernen wollen. Tilmann Moser

Ansgar Röhrbein: Und das ist noch nicht alles. Systemische Biografiearbeit. Carl Auer Verlag, Heidelberg 2019, kartoniert, 186 Seiten, 28,95 Euro

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