ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Psychosomatische Sichtweise fehlt
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Miktionsstörungen treten vorübergehend bei fast jedem Kind auf, entweder als Einnässen oder als Inkontinenz (1), aber auch – vor allem bei Mädchen – als Ursache für rezidivierende Harnwegsinfektionen (2). Dem interaktionellen Aspekt zwischen einerseits dem Wunsch der Eltern nach Kontrolle des Kindes über seine Blasenfunktion und andererseits den Autonomiebestrebungen des Kindes (3) wird hier (4) zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das gilt auch für die S2k-Leitlinie „Enuresis und nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bei Kindern und Jugendlichen“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

Sicher kommen bei Miktionsstörungen auch eingeschliffene, verhaltenstherapeutisch gut anzugehende Angewohnheiten ohne psychopathologischen Hintergrund vor. Häufig ist an eine sich auf dieser Ebene abspielende Interaktionsstörung zu denken, die einer Herangehensweise bedarf, bei der man der psychosozialen Situation, dem Erleben und den Bedürfnissen des Kindes Rechnung trägt.

Die allmähliche Kontrolle der Darm- und Blasenfunktion im zweiten bis vierten Lebensjahr sind ein wichtiger, sorgsam von Eltern beobachteter und aktiv zu unterstützender Entwicklungsschritt, der vielfältige Störungsmöglichkeiten bietet. Wird hier eine Arena eröffnet, in der Machtkämpfe ausgetragen werden, so wird – ähnlich wie beim Schlaf- und Essverhalten – das Miteinander zu einem täglichen Kampf, bei dem es nur Verlierer geben kann.

Enuresis und funktionelle Harninkontinenz stellen in aller Regel eine psychosomatische Erkrankung im Kindesalter dar. Belastende psychosoziale Faktoren kommen häufig vor. Für die Ärztin und den Arzt im praktischen Alltag ist es wichtig, bei den Symptomen Enuresis und funktionelle Harninkontinenz an eine Miktionsstörung zu denken, und diese – unter Berücksichtigung der Lebensumstände des Kindes – in den psychodynamischen Kontext von Autonomie versus Kontrolle zu stellen.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0506a

Dr. med. Stephan Heinrich Nolte

Praxis für Pädiatrie, Psychotherapie, Palliativmedizin

shnol@t-online.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Lettgen B, von Gontard A, Olbing H, et al. Urge incontinence and voiding postponement in children: somatic and psychosocial factors. Acta Paediatrica 2002; 91: 978–84 CrossRef CrossRef MEDLINE
2.
Anders D: Mädchen mit rekurrierenden Harnwegsinfektionen, alte Probleme aus neuer Sicht. Therapiewoche 1984; 34: 907–19.
3.
Nolte SH: Der psychosomatische Zugang zu Miktionsstörungen und Harnwegsinfektionen. Ärztl Psychoth 2019; 14: 167–72.
4.
von Gontard A, Kuwertz-Bröking E: The diagnosis and treatment of enuresis and functional daytime urinary incontinence. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 279–85 VOLLTEXT
1.Lettgen B, von Gontard A, Olbing H, et al. Urge incontinence and voiding postponement in children: somatic and psychosocial factors. Acta Paediatrica 2002; 91: 978–84 CrossRef CrossRef MEDLINE
2.Anders D: Mädchen mit rekurrierenden Harnwegsinfektionen, alte Probleme aus neuer Sicht. Therapiewoche 1984; 34: 907–19.
3.Nolte SH: Der psychosomatische Zugang zu Miktionsstörungen und Harnwegsinfektionen. Ärztl Psychoth 2019; 14: 167–72.
4.von Gontard A, Kuwertz-Bröking E: The diagnosis and treatment of enuresis and functional daytime urinary incontinence. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 279–85 VOLLTEXT

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