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Die psychosomatische Sichtweise ist wichtig und spielt in der praktischen Arbeit eine entscheidende Rolle. Sie muss allerdings nach neuerer Forschung differenziert betrachtet werden.

Zum einen kommen Miktionsstörungen nicht so häufig vor, wie von Herrn Nolte behauptet. Die meisten Kinder haben keine Störung des unteren Harntrakts. Auch haben die meisten Kinder mit Inkontinenz keine begleitende psychische Störung (1). Wenn eine solche vorhanden ist, dann soll diese nach den Leitlinien separat behandelt werden.

Zum anderen ist die Ätiologie der Inkontinenzformen sehr unterschiedlich. Beispielsweise ist die Harninkontinenz bei Miktionsaufschub eine überwiegend erworbene Störung, die mit einer hohen Rate von Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten einhergeht. Dabei kann es unter anderem zu den von Herrn Nolte beschriebenen Autonomiekonflikten kommen.

Die Enuresis nocturna dagegen ist eine überwiegend genetisch bedingte Reifungsstörung des zentralen Nervensystems mit einer Heritabilität von 0,7. Informationen zur genetischen Ätiologie und zu gezielten, wirksamen therapeutischen Interventionen, das heißt zur Behandlung des Kindes mit einem Klingelgerät (apparative Verhaltenstherapie) tragen sehr zur Entlastung der Eltern bei. Die häufigste komorbide Störung der Enuresis nocturna ist die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), eine ebenfalls überwiegend genetisch bedingte, neurobiologische Entwicklungsstörung.

Zusammenfassend ist die Berücksichtigung von psychischen Faktoren in der Diagnostik und Therapie wichtig. Deshalb sollen bei allen Kindern mit Enuresis und Harninkontinenz komorbide psychische Störungen erfasst werden. Der Behauptung, Ausscheidungsstörungen seien in der Regel psychosomatische Erkrankungen, muss allerdings widersprochen werden. Eine differenzierte Betrachtung von somatischen und psychischen Faktoren bei Subformen der Enuresis und Harninkontinenz ist dagegen unbedingt notwendig.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0506b

Prof. Dr. med. Alexander von Gontard

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Psychotherapie und Psychosomatik

Universitätsklinikum des Saarlands

Homburg

alexander.von.gontard@uks.eu

Interessenkonflikt

Prof. von Gontard erhielt Drittmittel von der Firma Novartis für ein von ihm initiiertes Forschungsvorhaben. Er erhielt Autorenhonorare von den Verlagen Hogrefe, Kohlhammer, Wiley und Max Keith Press.

1.
von Gontard A, Kuwertz-Bröking E: The diagnosis and treatment of enuresis and functional daytime urinary incontinence. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 279–85 VOLLTEXT
1.von Gontard A, Kuwertz-Bröking E: The diagnosis and treatment of enuresis and functional daytime urinary incontinence. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 279–85 VOLLTEXT

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