ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenInfektiologie 1/2019Impfdebatte: Ablehnung der Impfpflicht ist keine Ablehnung des Impfens

Supplement: Perspektiven der Infektiologie

Impfdebatte: Ablehnung der Impfpflicht ist keine Ablehnung des Impfens

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): [21]; DOI: 10.3238/PersInfek.2019.07.22.05

Böhm, Robert; Betsch, Cornelia

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Argumente gegen eine unnötige Emotionalisierung der Impfdebatte auf der Basis verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Impfkampagne des Deutschen Ärzteverlags finden Sie im Internet unter: www.ichbingeimpft.de
Die Impfkampagne des Deutschen Ärzteverlags finden Sie im Internet unter: www.ichbingeimpft.de

Geht es nach Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, soll es ab 2020 eine Impfpflicht für Masern geben – wer diesen Nachweis für seine Kinder nicht erbringt, soll ein Bußgeld von bis zu 2 500 Euro zahlen. Erstaunlich schnell fand dieser Vorschlag parteiübergreifend Sympathien. Impfen ist wichtig; die Schwächsten sollen geschützt werden; wer Impfungen nicht will, ist asozial; Impfen ist eine moralische Pflicht, daher ist es gerechtfertigt, die, die nicht wollen, dazu zu zwingen. Ein sehr nachvollziehbarer Gedankengang – auf den ersten Blick.

Die Impfpflicht wird auch von großen Teilen der Ärzteschaft als probates Mittel gesehen, um den stagnierenden Masernimpfraten den nötigen Schub zu geben, damit diese gefährliche Infektionskrankheit endlich ausgerottet wird.

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Die kürzlich veröffentlichte Stellungnahme des Deutschen Ethikrats spricht sich dennoch gegen die Einführung einer Impfpflicht für Masern in Deutschland aus und sorgt wieder für hitzige Debatten – auch unter Teilen der Ärzteschaft. Von einigen wird die Stellungnahme mit Jubel aufgenommen und mit der Hoffnung verbunden, die Impfpflicht vielleicht doch noch abwenden zu können. Von anderen wird kritisiert, dass der Bericht im Gegensatz zur wissenschaftlichen Evidenz der Nützlichkeit von Impfungen steht – damit würde Impfkritikerinnen und Impfkritikern der Rücken gestärkt. An dieser Stelle möchten wir deshalb zwei Dinge klarstellen, die zur Verwirrung und unnötigen Emotionalisierung in dieser Debatte führen.

Erstens: Die medizinische Evidenz der Effektivität von Impfungen ist überwältigend. Diese allein gibt aber keine Auskunft darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, damit Menschen Impfungen auch in Anspruch nehmen. Menschen sind faul, blind für Risiken, halten andere Dinge für wichtiger und vergessen, sich impfen zu lassen. Hier sind Erkenntnisse aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften wichtig, um dieses Verhalten zu verstehen und den Berg zum Propheten zu bringen. Auch um die Folgen von Zwangsmaßnahmen zu verstehen und abzuwägen, ob ein möglicher Schaden solcher Maßnahmen nicht den Nutzen überwiegt. Auch um zu verstehen, dass eine Impfplicht nicht zwingend zu besseren Impfquoten führt. Medizinische Evidenz für Impfungen darf also nicht mit verhaltenswissenschaftlicher Evidenz verwechselt werden, die zur Frage des Impfverhaltens der Menschen Aussagen trifft. Wer vor der Einführung einer teilweisen Impfpflicht warnt, argumentiert also keineswegs unwissenschaftlich. Vielmehr beruhen die meisten Zweifel an der Einführung einer Impfpflicht – so wie sie auch vom Deutschen Ethikrat vorgebracht werden – darauf, dass diese Maßnahme eventuell nicht den erwünschten Effekt hat und andere, erwiesenermaßen effektive Verhaltensinterventionen vorzuziehen wären.

Zweitens: Wer sich – auf der Basis dieser verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse – gegen eine Impfpflicht ausspricht, ist kein Impfgegner. Davon gibt es nach wie vor sehr wenige – Argumente gegen eine Impfpflicht haben eine ganz andere Grundlage als die Ablehnung einzelner oder aller Impfungen. Die meisten Kritikerinnen und Kritiker der Impfpflicht sind nicht gegen Impfungen, tatsächlich kommen die meisten kritischen Stimmen von Impfbefürworterinnen und -befürwortern. Dies mag nicht so wirken, denn in ihrem Windschatten segeln auch Personen, die Impfungen notorisch verweigern und für die die Einführung einer Impfpflicht natürlich eine Bedrohung darstellt.

Die weiterführende Debatte zu diesem Thema würde davon profitieren, wenn sowohl die Befürworterinnen und Befürworter einer Impfpflicht als auch die Gegnerinnen und Gegner einer solchen Maßnahme sich darüber klar werden, dass sie letztendlich am gleichen Strang ziehen. Es geht ihnen allen darum, Menschen vor gefährlichen Infektionskrankheiten zu bewahren. Um zu entscheiden, wie man das schaffen kann, muss die verhaltenswissenschaftliche Evidenz verschiedener Maßnahmen verglichen werden. Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates bietet hierfür eine gute Grundlage.

DOI: 10.3238/PersInfek.2019.07.22.05

Prof. Dr. phil. Robert Böhm

Juniorprofessor für Decision Analysis an der RWTH Aachen

Prof. Dr. phil. Cornelia Betsch

Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt.

Beide Autoren forschen zu den psychologischen Einflussfaktoren der Impfentscheidung und Interventionsmöglichkeiten zur Steigerung der Impfbereitschaft.

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