ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Infektiologie 1/2019Immundefizienz und -suppression: Patienten unbedingt impfen

SUPPLEMENT: Perspektiven der Infektiologie

Immundefizienz und -suppression: Patienten unbedingt impfen

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): [22]; DOI: 10.3238/PersInfek.2019.07.22.06

Seybold, Ulrich; Lehmann, Clara

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Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) rufen zu einer Sensibilisierung für und kritischen Auseinandersetzung mit Impfungen bei Menschen mit Immundefizienz und -suppression auf.

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Aufgrund der steigenden Lebenserwartung sowie neuer Therapiemöglichkeiten nimmt die Zahl der Menschen mit chronischen Erkrankungen und auch behandlungsbedingt geschwächtem Immunsystem stetig zu. Hier handelt es sich nicht ausschließlich um Patienten nach Organtransplantationen oder während beziehungsweise nach einer Chemotherapie, sondern auch um Menschen mit primären und erworbenen Immundefekten sowie die rasch zunehmende Patientengruppe mit Autoimmun- und chronisch entzündlichen Erkrankungen, die Therapien mit Biologika wie monoklonalen Antikörpern oder andere immunmodulatorische Medikamente erhalten.

Viele Patienten und auch manche Ärzte fürchten vermehrte Komplikationen durch Impfungen bei „Immungeschwächten“. Teilweise wird diese Gefährdung als so hoch eingeschätzt, dass auf wirksamen und möglicherweise dringend indizierten Impfschutz verzichtet wird. Die Impfung immundefizienter Patienten ist jedoch besonders wichtig, da eine gestörte Wirtsabwehr zu einem gesteigerten Risiko für Morbidität und Mortalität durch Infektionen führt, das durch geeignete Impfungen vermeidbar ist.

Zudem haben diese Patienten ein höheres Risiko einer Exposition gegenüber Krankheitserregern durch häufigere und intensivere Kontakte mit Einrichtungen des Gesundheitswesens.

Umso besorgniserregender ist daher die Tatsache, dass die Impfquoten gerade bei immundefizienten Patienten anhaltend zu niedrig sind (16). Neben Vorbehalten gegen eine Impfung aufgrund oft nicht gerechtfertigter Sicherheitsbedenken sind sicherlich auch praktische Aspekte Hindernisse für die Planung und Umsetzung individueller Impfpläne im täglichen Behandlungsablauf. So ist die Logistik für Bestellung und Lagerung von Impfstoffen aufwendig, die rechtliche und abrechnungstechnische Situation gerade bei besonderen Impfindikationen oft unübersichtlich und die Dokumentation im vielfach unvollständigen oder nicht vorliegenden papierbasierten Impfpass unbefriedigend.

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Es ist daher dringend notwendig, den Impfprozess auch durch eine konsequente und sichere digitale Dokumentation zu vereinfachen und die Impfung als essenziellen Bestandteil der präventiven Therapie gerade bei chronisch kranken und immundefizienten Patienten zu integrieren.

Wir alle, in hausärztlicher oder fachärztlicher Tätigkeit, in Klinik oder Praxis, die wir immungeschwächte Personen betreuen, stehen gemeinsam in der Verantwortung, sicherzustellen, dass auch und vor allem Patienten mit Immunschwäche bezüglich indizierter Impfungen adäquat beraten und versorgt werden. Zudem müssen wir auch Sorge tragen, dass alle Personen, die im engen Kontakt zu einem immunsupprimierten Patienten stehen, im Sinne einer Umgebungsprophylaxe geimpft werden.

Integration spezifischer Impfpläne in den Behandlungsalltag

Erst kürzlich sind zum Thema Impfen bei Immundefizienz exzellente Expertenpapiere veröffentlicht worden (79), die sowohl fundiertes Hintergrundwissen vermitteln als auch konkrete, in Tabellenform übersichtlich auffindbare Empfehlungen für spezifische Patientengruppen geben.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) rufen alle in Klinik und Praxis tätigen Ärzte und Hausärzte zu einer Sensibilisierung für und kritischen Auseinandersetzung mit Impfungen bei Menschen mit Immundefizienz und -suppression auf, um rasch Strategien zur Integration spezifischer Impfpläne in den Behandlungsalltag zu entwickeln.

Die praktische Umsetzung soll zukünftig durch fokussierte Stellungnahmen in Anlehnung an die „Klug-Entscheiden“-Initiative (10) unterstützt werden.

DOI: 10.3238/PersInfek.2019.07.22.06

Priv.-Doz. Dr. Ulrich Seybold, M. Sc.

Sektion Klinische Infektiologie, Medizinische Klinik und Poliklinik IV, Ludwig-Maximilians-Universität München

Priv.-Doz. Dr. Clara Lehmann

Deutsches Zentrum für Infektionsforschung Köln-Bonn,
Köln Leitung Infektionsambulanz, Innere Medizin I, Uniklinik Köln

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2919

1.
Grabmeier-Pfistershammer K, Herkner H, Touzeau-Roemer V, Rieger A, Burgmann H, Poeppl W: Low tetanus, diphtheria and acellular pertussis (Tdap) vaccination coverage among HIV infected individuals in Austria. Vaccine 2015; 33: 3929–32.
2.
Mullaert J, Abgrall S, Lele N, et al.: Diphtheria, tetanus, poliomyelitis, yellow fever and hepatitis B seroprevalence among HIV1-infected migrants. Results from the ANRS VIHVO vaccine sub-study. Vaccine 2015; 33: 4938–44.
3.
Schwarze-Zander C, Draenert R, Lehmann C, et al.: Measles, mumps, rubella and VZV: importance of serological testing of vaccine-preventable diseases in young adults living with HIV in Germany. Epidemiol Infect 2017; 145: 236–244.
4.
Loubet P, Kerneis S, Groh M, et al.: Attitude, knowledge and factors associated with influenza and pneumococcal vaccine uptake in a large cohort of patients with secondary immune deficiency. Vaccine 2015; 33: 3703–8.
5.
Loubet P, Verger P, Abitbol V, Peyrin-Biroulet L, Launay O: Pneumococcal and influenza vaccine uptake in adults with inflammatory bowel disease in France: Results from a web-based study. Dig Liver Dis 2018; 50: 563–7.
6.
Poeppl W, Lagler H, Raderer M, et al.: Influenza vaccination perception and coverage among patients with malignant disease. Vaccine 2015; 33: 1682–7.
7.
Niehues T, Bogdan C, Hecht J, Mertens T, Wiese-Posselt M, Zepp F: Impfen bei Immundefizienz: Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (I) Grundlagenpapier. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2017; 60: 674–84.
8.
Ehl S, Bogdan C, Niehues T, et al.: Impfen bei Immundefizienz: Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (II) Impfen bei 1. Primären Immundefekterkrankungen und 2. HIV-Infektion. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2018; 61: 1034–51.
9.
Wagner N, Assmus F, Arendt G, et al.: Impfen bei Immundefizienz – Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (IV) Impfen bei Autoimmunkrankheiten, bei anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen und unter immunmodulatorischer Therapie. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2019; 62: 494–515.
10.
Lehmann C, Berner R, Bogner JR, et al.: The „Choosing Wisely“ initiative in infectious diseases. Infection 2017; 45: 263–8.
1. Grabmeier-Pfistershammer K, Herkner H, Touzeau-Roemer V, Rieger A, Burgmann H, Poeppl W: Low tetanus, diphtheria and acellular pertussis (Tdap) vaccination coverage among HIV infected individuals in Austria. Vaccine 2015; 33: 3929–32.
2. Mullaert J, Abgrall S, Lele N, et al.: Diphtheria, tetanus, poliomyelitis, yellow fever and hepatitis B seroprevalence among HIV1-infected migrants. Results from the ANRS VIHVO vaccine sub-study. Vaccine 2015; 33: 4938–44.
3. Schwarze-Zander C, Draenert R, Lehmann C, et al.: Measles, mumps, rubella and VZV: importance of serological testing of vaccine-preventable diseases in young adults living with HIV in Germany. Epidemiol Infect 2017; 145: 236–244.
4. Loubet P, Kerneis S, Groh M, et al.: Attitude, knowledge and factors associated with influenza and pneumococcal vaccine uptake in a large cohort of patients with secondary immune deficiency. Vaccine 2015; 33: 3703–8.
5. Loubet P, Verger P, Abitbol V, Peyrin-Biroulet L, Launay O: Pneumococcal and influenza vaccine uptake in adults with inflammatory bowel disease in France: Results from a web-based study. Dig Liver Dis 2018; 50: 563–7.
6. Poeppl W, Lagler H, Raderer M, et al.: Influenza vaccination perception and coverage among patients with malignant disease. Vaccine 2015; 33: 1682–7.
7. Niehues T, Bogdan C, Hecht J, Mertens T, Wiese-Posselt M, Zepp F: Impfen bei Immundefizienz: Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (I) Grundlagenpapier. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2017; 60: 674–84.
8. Ehl S, Bogdan C, Niehues T, et al.: Impfen bei Immundefizienz: Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (II) Impfen bei 1. Primären Immundefekterkrankungen und 2. HIV-Infektion. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2018; 61: 1034–51.
9. Wagner N, Assmus F, Arendt G, et al.: Impfen bei Immundefizienz – Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (IV) Impfen bei Autoimmunkrankheiten, bei anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen und unter immunmodulatorischer Therapie. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2019; 62: 494–515.
10. Lehmann C, Berner R, Bogner JR, et al.: The „Choosing Wisely“ initiative in infectious diseases. Infection 2017; 45: 263–8.

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