ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Von schräg unten: Bürokratie

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Bürokratie

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): [104]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, waren die letzten Wochen im Mai nicht wunderschön? An jeder Ampel, an jeder Säule strahlten uns mehr oder weniger bekannte Menschen an, die, spärlich begleitet durch wenige Worte, um unsere Stimme für ihre Politik warben. Das ist für uns Wähler so wohltuend wie wertschätzend, darin kann man sich suhlen wie der Enterokokkus auf der Agarplatte. Aber diese Politiker werden, kaum im Amt, Gesetze verabschieden. Und der ausführende Arm der Gesetze ist die Bürokratie. Mit dieser fremdeln wir Ärzte wie der Schilddrüsenknoten mit der Radiojodtherapie. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich ist es in unserer DNA verankert, freundlich mit den Menschen umzugehen, Gutes zu tun, Schaden und willkürliches Unrecht abzuwenden.

Ganz anders leben Bürokraten ihren Beruf, und da sie, kraft der Gesetzesflut, immer weiter in unser Leben eingreifen, ist es höchste Zeit, unser Verhalten anzupassen. Ich darf diesbezüglich aus reichhaltigen Erfahrungen mit verschiedenen bürokratischen Institutionen schöpfen und Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, einen Leitfaden für korrekten bürokratischen Umgang mit unseren Patienten an die Hand geben.

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Stellen wir uns also jemanden vor, der aufgrund schmerzhafter Coxarthrose davon träumt, mittels Endoprothese von seinem Leiden erlöst zu werden und sich diesbezüglich an mich wendet. Ich lasse diesen Menschen erst mal eine geschlagene Stunde vor dem Sprechzimmer warten. Das soll ihm klarmachen, wer Boss ist und wer Bittsteller. Sodann raunze ich ihn an: „Reinkommen!“. Missmutig blättere ich durch die überreichten Unterlagen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der Antrag ist nur zweifach ausgefertigt und nicht dreifach! herrsche ich ihn an. „Oh, das tut mir leid, mein Fehler. Wäre es denn möglich, dass Sie ihn fotokopieren?“ Was für eine bodenlose Frechheit! Dreifache Ausfertigung, und dann wollen wir doch mal sehen, wann ich überhaupt noch mal Zeit für ihn habe! Außerdem, der Vordruck M.1.ST fehlt! „Was bitte?“ Herrschaftszeiten, so kommen wir nicht weiter! Der Vordruck zum Antrag auf Bewilligung zur Gewährung der Durchführung eines Röntgenbildes! „Aber ... den habe ich schon vor fünf Monaten eingereicht.“ Ist es denn die Möglichkeit! Die Antragsstellung ist gemäß Vorschrift M.ü.11. auf ein halbes Jahr befristet! Wenn der Antrag nicht innerhalb der gewährten Frist eingereicht wird, ist eine Strafgebühr in Höhe von 50 Euro fällig, haben Sie das verstanden?! „Aber es hat schon Monate gedauert, bis der Vordruck bearbeitet wurde ...“. Ja, da kann er doch mal sehen, wie überlastet ich bin! „Könnten Sie mir bitte helfen, mein Hüftgelenk tut so weh, ich kann kaum noch fünf Schritte laufen ...“. Jetzt reichtʼs! Er kann mir hier erzählen, was er will, solange die Unterlagen nicht vollständig und korrekt vorliegen, läuft hier gar nichts!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin mir sehr wohl bewusst darüber, dass die Umstellung unserer Umgangsformen von ärztlich auf bürokratisch schwierig wird. Aber man muss auch die Vorteile sehen: Viele Menschen werden uns nicht mehr aufsuchen, sondern ihr gesundheitliches Glück anderen Ortes suchen. Unsere Wartezimmer werden nicht mehr überfüllt, sondern verwaist sein, Notaufnahmen menschenleer, Krankenhäuser können schließen. Kurz: Die Menschen werden uns nicht mehr wählen, ähnlich wie besagte Politiker. Aber wie deren Lächeln zu entnehmen ist: Das Leben ist dann viel schöner!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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