ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Randnotiz: Wenn Bewährtes scheitert

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Randnotiz: Wenn Bewährtes scheitert

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): A-1357 / B-1121 / C-1105

Meyer, Rüdiger

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Viele medizinische Standards beruhen auf Plausibilitätsüberlegungen. Eine verengte Koronararterie gefährdet die Durchblutung des Herzmuskels, also müssen alle Patienten mit stabiler Angina einen Stent erhalten. Frauen erkranken vor den Wechseljahren seltener an einem Herzinfarkt als Männer, deswegen wird ein Hormonersatz nach der Menopause sie gesund erhalten. Doch der Schein trügt häufig. Randomisierte Studien haben gezeigt, dass Stents Patienten mit stabiler Angina nicht grundsätzlich nutzen. Die Notwendigkeit einer Antithrombozytentherapie kann sie sogar unnötigen Risiken aussetzen. Die Women’s Health Initiative bereitete der Hormonersatztherapie ein Ende, die vorher Frauen routinemäßig empfohlen wurde. Die Liste ließe sich fortsetzten. In einer früheren Analyse hatte ein Team um Vinay Prasad von der Oregon Health & Science University im New England Journal of Medicine für den Zeitraum von 2001 bis 2010 146 Studien gefunden, die gängige medizinische Therapien als unwirksam, unnötig oder als schädlich identifizierten. Jetzt haben die Forscher den Zeitraum bis 2017 ausgedehnt und die Fachzeitschriften Lancet und JAMA in die Analyse einbezogen. Es wurden nicht weniger als 396 Studien gefunden, die ein „medical reversal“ zur Folge hatten. Als unwirksam erwiesen haben sich etwa Kompressionsstrümpfe zur Reduktion des Thromboserisikos nach Schlaganfällen, die Wiederbelebung mit einem mechanischen Reanimationsstempel, externe Hüftprotektoren, zervikale Pessare zur Prävention einer Frühgeburt, epidurale Steroide bei der Spinalstenose oder die routinemäßige Reparatur von Meniskusrissen.

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