ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand: Kompetenzen weiterhin gefragt

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Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand: Kompetenzen weiterhin gefragt

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): A-1392 / B-1148 / C-1132

Spielberg, Petra

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Viele Ärztinnen und Ärzte möchten sich im Ruhestand engagieren und ihr medizinisches Wissen oder ihre berufspolitische Kompetenz weiterhin einbringen. Die Auswahl an Möglichkeiten ist groß, sei es als Ehrenamtler, Referent oder Gutachter bis hin zu Honorar- und Vertretungstätigkeiten.

Humanitäre Aufgaben sind eines von zahlreichen Betätigungsfeldern, das Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand offen steht. Foto: picture alliance/Miro May
Humanitäre Aufgaben sind eines von zahlreichen Betätigungsfeldern, das Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand offen steht. Foto: picture alliance/Miro May

Als Dr. med. Klaus Reichel mit 68 Jahren seine knapp 40-jährige Tätigkeit als internistischer Belegarzt in Hersbruck beendete, um in Rente zu gehen, stellte sich für ihn die Frage, was nun? „Nach meinem Zwangsruhestand fehlten mir die Patienten und ich ging meiner Frau auf die Nerven“, berichtet der heute 86-Jährige. Er schaltete deshalb eine Anzeige im Deutschen Ärzteblatt, um seine fachliche Kompetenz dort anzubieten, wo sie vielleicht noch gebraucht werden könnte und erhielt ein Dutzend Angebote.

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Reichel arbeitete zunächst eine Zeit lang im Volldienst an einer Rehaklinik in Sachsen-Anhalt. Da ihm die Entfernung von rund 350 Kilometern auf Dauer zu viel war, übernahm er schließlich für circa fünf Jahre zehnmal pro Monat die Nachtdienste an einer großen privaten Haut- und Allergieklinik in seinem Heimatort. Seine letzte Station als ärztlich aktiver Ruheständler war das Sanitätszentrum Roth, in dem er bis vor etwa drei Jahren ebenfalls mehrmals im Monat tätig war. Bis heute ist Reichel im Hartmannbund aktiv und engagiert sich in einer Bürgerinitiative zur Rettung kleiner Krankenhäuser im ländlichen Raum.

Wie dem bayerischen Internisten geht es vielen Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand. Sie haben sich im Laufe ihres beruflichen Lebens Qualifikationen angeeignet, die sie nach Beendigung ihrer offiziellen medizinischen Tätigkeit gerne weiter einbringen möchten. Ihnen bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, dies auch zu tun.

Vorab rechtlich beraten lassen

„Nachgefragt wird immer eine Tätigkeit als Honorararzt für Urlaubs- und Krankheitsvertretungen, besonders von Facharztpraxen, aber auch als Vertretung oder Mitarbeit in Hausarztpraxen, die besonders saisonal einen großen Patientenzulauf zu verzeichnen haben, wie etwa in Praxen an der deutschen Nord- und Ostseeküste oder Praxen in Skiorten“, so der Facharzt für Chirurgie und Allgemeinmedizin Dr. med. Eugen Engels.

Zwar haben sich für Honorarärzte die Voraussetzungen durch ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichts verschärft, insbesondere was eine Tätigkeit im Krankenhaus angeht (Az.: B12 R11/18 R). Nach Einschätzung des Hartmannbundes (HB) ist eine Honorararzttätigkeit für Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand aber weiterhin möglich und attraktiv. Um sicherzugehen, empfiehlt es sich aber, sich vor Beginn einer solchen Tätigkeit (steuerlich)rechtlich beraten zu lassen.

Eine weitere Option, sich auch jenseits der 65 Jahre fachlich einzubringen, bietet sich im ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Aus Sicht der KVen spricht nichts dagegen, dass auch medizinische Ruheständler einen Sitzdienst übernehmen, sofern diese die Voraussetzungen für den ärztlichen Bereitschaftsdienst erfüllen, so Petra Bendrich, Sprecherin der KV Hessen.

„Zunehmend kündigen Krankenhäuser die Notarztverträge mit Städten und Kreisen. Deswegen gründen Städte beziehungsweise Kreise Pools von Notärzten, denen man bei entsprechender Qualifikation beitreten kann“, ergänzt Engels. Sinn mache auch eine Kleinanzeige in den monatlichen Mitteilungsblättern der jeweiligen Ärztekammer.

Auch Rehabilitationseinrichtungen suchen ständig Ärzte, insbesondere solche, die Dienste außerhalb der normalen Arbeitszeit übernehmen. Dies gelte genauso für kleinere Krankenhäuser der Grundversorgung, so Engels. „Hier sind besonders Chirurgen gefragt, die am Wochenende einspringen können.“

Auch Ehrenamt vor Ort gefragt

Eine weitere interessante Option ist die Teilnahme an ärztlich begleiteten Reisen, wie sie Touristikunternehmen anbieten. Bei einigen besteht auch für Ärztinnen und Ärzte im Rentenalter mit den Zusatzqualifikationen Reise- und Notfallmedizin die Möglichkeit, ihre berufliche Qualifikation mit der Leidenschaft zu reisen zu verknüpfen.

Die begleitenden Mediziner sind dabei in erster Linie als Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen und Notfällen gefragt und dienen als Mittler bei Krankenhauseinweisungen. Selbst kurativ tätig werden müssen sie in der Regel nicht.

Wem Fernreisen zu strapaziös sind, für den hat Engels einen anderen Tipp parat: „Warum nicht selbst über ein örtliches Reisebüro Busreisen für Senioren organisieren unter dem Motto ,der Doktor fährt mit‘“, so der Allgemeinarzt i. R. Engels selbst macht dies seit rund 20 Jahren und hat so nahezu alle schönen Regionen Deutschlands, die innerhalb einer etwa vier- bis fünfstündigen Busfahrt von seinem Wohnsitz aus erreichbar sind, kennengelernt.

Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand können zudem für Rentenversicherungsträger, sozialmedizinische Dienste und Versorgungsämter gutachterlich tätig werden.

„Gerne werden auch Betreuungsgutachten von Ärzten im Ruhestand durchgeführt, die im Schnitt Einnahmen von 200 bis 400 Euro erbringen“, so Engels. Ansprechpartner sind die Betreuungsgerichte.

Wer sich im Ruhestand lieber humanitären Aufgaben zuwenden will, kann Betätigungsfelder zum Beispiel über den Senior-Experten-Service der Wirtschaft finden (siehe dazu auch Deutsches Ärzteblatt, Heft 39/ 2018), oder aber über ärztliche Organisationen in Entwicklungs- und Schwellenländern wie „Ärzte ohne Grenzen“ sowie über Serviceclubs wie Rotary-International.

„Ehrenamtlich tätige Ärzte im Ruhestand werden aber auch vor Ort gesucht, sei es als Referent zu gesundheitlichen oder gesundheitspolitischen Themen von Kirchengemeinden, Caritas, Diakonie oder Kolping oder als ,Gesundheitserzieher‘ in Lehrer-Arzt-Projekten von Schulen“, berichtet Engels. Kontakte vermitteln unter anderem die zuständigen Ärztekammern.

In einigen Ballungsräumen wiederum gibt es Projekte für Menschen am Rande der Gesellschaft. Neben eingetragenen Vereinen wie „Obdachlosenhilfe“, „Armut und Gesundheit in Deutschland“ oder „Praxis ohne Grenzen“ bietet auch der Malteser Hilfsdienst unter dem Label Malteser Medizin für Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rung (MMM) entsprechende Betätigungsmöglichkeiten an insgesamt 20 Standorten bundesweit.

Wertvoller Erfahrungsschatz

„Gefragt ist vor allem eine hausärztliche Versorgung, die aber von Ärztinnen und Ärzten aller Fachrichtungen erbracht werden kann“, sagt Dr. med. Gabrielle von Schierstaedt, Bundeskoordinatorin des MMM. Gerade für Ruheständler mit Helfersyndrom und Improvisationstalent angesichts der meist rudimentären Ausstattung der Praxen sei dies eine interessante Option, um ohne das bürokratische Brimborium, das sie von ihrer aktiven beruflichen Laufbahn her kennen, weiterhin ärztlich tätig sein zu können.

Ihren medizinischen Sachverstand können Ärztinnen und Ärzte im Rentenalter außerdem in der Berufspolitik einbringen, sei es in der ärztlichen Selbstverwaltung oder in ärztlichen Verbänden. Der Ausschuss „Altersfragen und Medizin“ des HB beispielsweise, an dem Mitglieder aus allen Landesverbänden teilnehmen können, beschäftigt sich mit Fragestellungen rund um ärztliche Belange und den Bereich Seniorenpolitik. Der Erfahrungsschatz älterer Ärztinnen und Ärzte werde genutzt, um das Versorgungsgeschehen im deutschen Gesundheitssystem zu reflektieren und daraus Positionen für die Verbandspolitik zu entwickeln, sagt Sabine Eckhardt, Leitung Vorstandsreferat im HB. Petra Spielberg

Rechts- und Steuertipps

  • Ärztinnen und Ärzte in Rente, die ihre Praxis verkauft haben, dürfen nach der geltenden Rechtssprechung ihre freiberufliche Tätigkeit in geringem Umfang fortführen, wenn die darauf entfallenden Umsätze in den letzten drei Jahren weniger als zehn Prozent der gesamten Einnahmen ausmachten.
  • Eine Fortführung der ärztlichen Tätigkeit als Privatärzte in begrenztem Umfang ist generell möglich, muss aber zwingend der zuständigen Ärztekammer gemeldet werden. Zu beachten ist, dass private Krankenversicherer eine Kostenübernahme der Behandlung in der Regel nur bei niedergelassenen Ärzten übernehmen.
  • Praxisvertretungen sind berufs- und vertragsarztrechtlich zulässig, sofern es sich um einen Arzt desselben Fachgebietes handelt. Ärzte in Rente sollten hierfür eine sogenannte Ruhestandsversicherung abschließen
  • Auch eine zeitlich und tätigkeitsbezogene Angestelltentätigkeit in Praxen, MVZ oder Kliniken ist möglich.
  • Vor In- und Auslandseinsätzen sollte mit dem Berufshaftpflichtversicherer der notwendige Versicherungsschutz abgeklärt werden. (Quelle: Hartmannbund)

Nützliche Adressen (Auswahl)

  • Senior Experten Service, Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH, Buschstraße 2, 53113 Bonn, oder Postfach 22 62, 53012 Bonn, Tel.: 0228 26090–0, Fax: +49 228 26090–77, E-Mail: ses@ses-bonn.de
  • Malteser Migranten Medizin, Kontakt über die einzelnen Standorte zu finden unter: https://www.malteser.de/unsere-standorte.html

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