ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Homöopathie: Kein Sommerlochthema

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Homöopathie: Kein Sommerlochthema

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): A-1353 / B-1117 / C-1101

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Das Gesundheitswesen ist kein Markt. Es wurde als Solidarsystem konzipiert. Wer meint, er müsse Homöopathie aus diesem System heraus finanzieren, weil ein Teil der Versicherten es gerne so möchte, liegt falsch. Die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) ist nicht für das Prinzip von Angebot und Nachfrage gebaut. Kommerz, Privatisierung, Gewinnmaximierung, Wettbewerb oder Wachstum eignen sich nicht als Treibstoff für die Gesundheitsversorgung. Sie gefährden das System, zerstören Gesundheit, kosten letztlich Menschenleben.

Zur Erinnerung: Ein Gesundheitssystem kostet, sinnbehaftet bietet es keinen Raum für Profit. Pragmatismus und Wirtschaftlichkeit sind hier notwendige Grundsätze, aber keine kapitalistischen Instrumentarien für pekuniäre Gewinnabschöpfung. Wer so denkt, so wird zunehmend erkennbar, gefährdet das System.

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Die aktuelle Diskussion um Sinn und Widersinn der GKV-Kostenübernahme von Homöopathie ist – auch wenn es die gewinnorientierten Produzenten gerne herunterspielen – deshalb kein Sommerloch-Thema. Wirtschaftspolitisch ist es mit seinem 0,1-prozentigen Anteil am Arzneimittelumsatz vielleicht nicht diesen Aufstand wert, auch nicht, wenn die besagten 670 Millionen Euro woanders besser täten als zur Bezahlung von Placebos, was sie nach derzeitiger wissenschaftlicher Beweislage und Einschätzung nun einmal sind. Frankreich hat jedenfalls angesichts dieser fehlenden Evidenz beschlossen, ab 2021 Staat und Gesellschaft nicht mehr für diese private Nachfrage zu belasten.

Ist das nicht zu sehr „peanuts“, um es aus dem Marketingetat der Versicherungen herauszunehmen und damit etwaige Placebo-Effekte zu zerstören? Nein, es reicht leider weiter. Die als Wahltarif aus den Töpfen für zusätzliche Leistungen finanzierten Marketing-Zückerli sind Teil des Ansatzes für brancheninternen Wettbewerb. Der eine finanziert es, andere nicht: Grund für viele junge, gesunde Menschen, einer Kasse ihren Zuschlag zu erteilen. Im Ergebnis lacht neuer Beitrag! Welche GKV will das missen.

Insofern sind auch diese in Summe und Größe bedingt vernachlässigungswerten 670 Millionen Euro ein beachtenswerter Mosaikstein in einem mehrfach fehlgeleiteten System. Und es sind nicht die einzigen Fehlanreize, wie andere Beispiele zeigen:

  • Arzneimittel-Rabatte, die der Gesellschaft zwar Geld sparen, aber dazu beitragen, die Versorgung an die Grenzen der Belastbarkeit zu bringen, Produktionen ins billigere Ausland zu drängen, zunehmend Versorgungsengpässe schaffen, im Ergebnis sogar stützende Hilfen wie die vom Bundes­ärzte­kammerpräsidenten Dr. med. Klaus Reinhardt oder dem baden-württembergischen KV-Vorsitzenden Dr. med. Norbert Metke geforderte nationale Arzneimittelreserve abzufordern;
  • mangelnde Transparenz in den Leistungen der einzelnen Krankenkassen, die zwar Zusatzbeiträge und attraktive Sonderleistungen als Marketing-Monstranz vor sich hertragen, aber eine wirklich für Vergleiche geeignete Leistungsbilanz missen lassen;
  • letztlich auch undurchschaubare Risiko­struk­tur­aus­gleichsysteme, die Wettbewerb, der nicht sein kann, nachträglich wieder herunterregeln, damit „das bisschen“ Kapitalismus dann doch wieder entschärfen.

All das ist ein schwieriges Feld für Wettbewerb. Gerade deshalb muss die Diskussion um die solidarische Finanzierung von Homöopathie sein.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #781197
Hümmer
am Montag, 29. Juli 2019, 16:09

Da gab´s schon bessere Argumente gegen die "Glaubulis"

@"Senegal"-Anonymus-Skeptikus:
Ihr Kommentar ist auf Grund der mangelhaften bis fehlenden Begründung und der vorherigen Kommentare und Begründungen überflüssig---->erst mal die konzentriert lesen! Da hat sich Herr Kuhn schon mehr Mühe gemacht, Argumente zu liefern.
Seine Link finden Sie von mir unten kommentiert!
Avatar #772524
Julius Senegal
am Montag, 29. Juli 2019, 14:13

Nicht verbieten, nur nicht mehr querfinanzieren

Die Kritiker fordern eigentlich nur zwei Dinge:
1) H. soll nicht mehr von den Beiträgen querfinanziert werden (es geht nicht nur um die Glaubulis, sondern auch um die Kosten der Erstanamnese)
2) H. sollen aus der Apotheken verschwinden und in Drogeriemärkten o. ä. angeboten werden.

Wenn man zu Hause dann mit Zucker seine Wehwehwechen behandeln möchte, bitte sehr.
Avatar #651376
susanne.strauss
am Sonntag, 28. Juli 2019, 09:56

Umfrage. Homöopathie nach schweizer Modell

Unten angefügt finden Sie m.E. eine interessante Umfrage.
https://www.dzvhae.de/forsa-buerger-wuenschen-homoeopathie-nach-schweizer-vorbild/
Avatar #103488
KuhnJ
am Samstag, 27. Juli 2019, 15:09

Ironie und Homöopathie

@ Hümmer:

Die Zeichenkette ;-) hinter meinem Satz markiert gewöhnlich und so auch hier eine augenzwinkernd ironische Bemerkung. Sie ist vor allem angezeigt, wenn die Ironie fein dosiert daherkommt, sozusagen fast schon homöopathisch dosiert. Aber die geistartigen Kräfte der Zeichenkette haben hier wohl versagt.

Im Übrigen sehe ich mich nicht als "Skeptiker", das ist die Selbstbezeichnung der Mitglieder einer esoterikkritischen Bewegung. Ich bin dagegen Mitglied der Gesellschaft für Ironiezeichenerklärung.

@ susanne.strauss:

Die Option, die Sie anregen, gab es bis vor kurzem: Homöopathie-Wahltarife, d.h. das Angebot, einen extra kalkulierten Kran­ken­ver­siche­rungstarif mit homöopathischer Behandlung in Anspruch zu nehmen. Das wollte aber die ganzen Jahre so gut wie niemand, daher wurden diese Wahltarife des Verwaltungsaufwands wegen wieder abgeschafft. Die Homöopathie-Freunde nutzen lieber die inzwischen fast flächendeckenden Satzungsleistungen der Kassen in Sachen Homöopathie - die von allen Versicherten gleichermaßen finanziert werden. Dabei geht es zwar nur um homöopathische Summen, aber unter Homöopathen kann das ja viel bedeuten (Herr Hümmer: extra für Sie mit ;-) ).
Avatar #781197
Hümmer
am Samstag, 27. Juli 2019, 10:58

@KUHNJ: Ist das nicht genau die Argumentation, die uns Homöopathen um die Ohren gehauen wird?

und nochmal @Kuhn:
"Daran ändert auch nichts, dass der Nutzen von Antidepressiva wohl überschätzt wurde - obwohl ganz viele Ärzte und Patienten sehr gute ERFAHRUNGEN damit GEMACHT haben ;-)"
Wie bitte, lese ich richtig? Diese Argumentation ist doch angeblich nur uns verschrobenen, wissenschaftsignorierenden Homöopathen zueigen und laut euch Skeptikern völlig irrelevant????
Jetzt verstehe ich die Welt der Skeptiker garnicht mehr!
Da passt wohl nur noch das Zitat von Einstein:
A question that sometimes drives me hazy: am I or are the others crazy?
Avatar #651376
susanne.strauss
am Samstag, 27. Juli 2019, 10:56

Pluralität erwünscht

Warum sollte in der Medizin eigentlich keine Pluralität möglich sein?
So könnte es doch Krankenkassen geben, die homöopathische Behandlung bezahlen. Andere Kassen wären dann für Menschen, die diese TherapieForm ablehnen.
Avatar #781197
Hümmer
am Samstag, 27. Juli 2019, 10:39

Zusammenfassung des Kuhnschen Links: Studienlage Verbesserungswürdig-Ja---ERGEBNISSE ÜBER PLACEBONIVEAU---JA---

aus Homöopaedia-LInk von Kuhn dirkt entnommen:
Kleijnen (1991)
Derzeit sind die NACHWEISE aus klinischen Studien POSITIV, aber sie reichen nicht aus, um endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen, weil die Methodik in den meisten Studien von geringer Qualität und der Einfluss des „Publication Bias“[B 2] unbekannt ist.[B 3]
Linde (1997)
Das Ergebnis unserer Meta-Analyse liefert KEINE BESTÄTIGUNG für die HYPOTHESE, dass die klinischen Effekte der Homöopathie alleine auf einer PLACEBOWIRKUNG beruhten. Wir fanden in diesen Studien jedoch nur unzureichende Nachweise dafür, dass die Homöopathie auch nur bei einem einzigen Krankheitsbild wirksam wäre.[B 6]
Linde (1998)
Die Ergebnisse der vorliegenden randomisierten kontrollierten Studien deuten darauf hin, dass die Homöopathie eine ÜBER PLACEBO HIAUSGEHENDE WIRKUNG aufweist. Die Nachweise sind jedoch wegen methodischer Schwächen und Widersprüchlichkeit nicht überzeugend.[B 8]
Cucherat (2000)
Es gibt ein paar wenige Nachweise dafür, dass homöopathische Therapien WIRKSAMER SIND ALS PLACEBO; die Aussagekraft dieser Nachweise ist wegen der nur niedrigen methodischen Qualität der Studien nur gering. Studien hoher methodischer Qualität waren eher negativ als solche von geringerer Qualität.[B 12]
Shang (2005)
… es zeigten sich SCHWACHE NACHWEISE für einen SPEZIFISCHEN EFFEKT HOMÖOPATHISCHER ARZNEIEN (…) Die Ergebnisse bestätigen den Eindruck, dass es sich bei den klinischen Effekten der Homöopathie um Placeboeffekte handelt.[B 13]
[[LAUT LÜDTKE UND BENDIG WURDEN ALLERDINGS WILLKÜRLICHE KRITERIEN BEI DER ANZAHL DER AUSGEWÄHLTEN STUDIEN ANGEWANDT]]
Mathie (2014)
Arzneien, die als Homöopathika individuell verordnet wurden, zeigen möglicherweise einen KLEINEN SPEZIFISCHEN EFFEKT. (…) Die generell niedrige und unklare Qualität der Nachweise gebietet aber, diese Ergebnisse nur vorsichtig zu interpretieren.[B 14]
NHMRC (2015)
Aufgrund der Untersuchung der Evidenz zur Wirksamkeit der Homöopathie kommt das NHMRC zu dem Schluss, dass es KEINE Krankheitsbilder gibt, für die es einen ZUVERLÄSSIGER NACHWEIS dafür gäbe, dass die Homöopathie bei der Behandlung von Gesundheitsproblemen wirkungsvoll wäre.[B 16]
[[DIESE STUDIE IST NACHWEISLICH IN EINER ZWEITEN BEARBEITUNG DURCH UNZULÄSSIGE STATISTISCHE METHODEN SO ZURECHTGEBOGEN WORDEN, DASS DAS GEWÜNSCHTE ERGEBNIS ERZIELT WURDE]]
Mathie (2017)
Die Qualität der Nachweise als Ganzes ist gering. Eine Meta-Analyse aller ermittelbaren Daten führt zu einer ABLEHNUNG UNSERER NULLHYPOTHESE [dass das Ergebnis einer Behandlung mit nicht-individuell verordneten Homöopathika nicht von Placebo unterscheidbar ist – Ergänzung des Übersetzers], aber eine Analyse der kleinen Untergruppe der zuverlässigen Nachweise stützt diese Ablehnung nicht. Meta-Analysen für einzelne Krankheitsbilder liefern keine zuverlässigen Nachweise, weshalb keine klaren Schlussfolgerungen möglich sind.[B 17]
Mathie (2018)
Wegen der schlechten Qualität, der kleinen Anzahl und der Heterogenität der Studien ist anhand dieser Daten eine ENDGÜLTIGE SCHLUSSFOLGERUNG über die Vergleichbarkeit der Wirkung einer individualisierten homöopathischen Therapie AUSGESCHLOSSEN.[B 18]
GROSSSCHREIBUNGEN und [[ERGÄNZUNGEN]] durch mich
Avatar #103488
KuhnJ
am Freitag, 26. Juli 2019, 23:36

Herrn Hümmers Metanalysen ...

... mal von der anderen Seite aus betrachtet: https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Systematische_Reviews_zur_Hom%C3%B6opathie_-_%C3%9Cbersicht
Fazit: Nichts drin, nichts dran.

Daran ändert auch nichts, dass der Nutzen von Antidepressiva wohl überschätzt wurde - obwohl ganz viele Ärzte und Patienten sehr gute Erfahrungen damit gemacht haben ;-)

Avatar #781197
Hümmer
am Freitag, 26. Juli 2019, 08:28

Um es nochmal ganz klar zu sagen:

Sehr geehrter Herr Maibach-Nagel,
da die Evidenz der Antidepressiva laut einer aktuellen Studie offensichtlich weit unter der homöopathischer Mittel liegt und kaum über Placebo-Niveau rangiert, muss (gemäß der (vordergründigen?) Forderung, keine ausreichende Evidenz=keine Erstattung durch Krankenkassen), wer es wirklich ernst meint, wegen des rießigen Einsparpotentials doch bitte erst einmal hier ansetzen.
Es können Summen weit über die lächerlichen 0,03% der homöopathischen Arzneimittelausgaben eingespart werden.
Und um das noch einmal klar auszusprechen:
Wer aber (offensichtlich ungeprüft) nur die Daten und Argumente der Skeptiker übernimmt und den Ruf Evidenz=Kostenerstattung nur auf die Homöopathie anwendet, steht damit im Verdacht, ganz andere Interessen zu vertreten.
Da trennt sich die Spreu vom Weizen!
Als gewissenhafter Wissenschaftler müßte Ihnen nämlich klar sein, dass Sie die derzeitige Studienlage zur Homöopathie nicht objektiv widergegeben haben (4 von 5 Metastudien zur Homöopathie sprechen laut Conclusions von einer signifikanten Wirkung über Placebo-Niveau). Diese Ergebnisse können Sie nicht einfach unterschlagen, ohne unseriös in der Informations-Weitergabe zu wirken oder sich dem Vorwurf der gezielten Desinformation auszusetzen.
Avatar #767858
Chb1612@aol.com
am Donnerstag, 25. Juli 2019, 19:10

Leider wieder nur die üblichen unwissenschaftlichen und unredlichen Falschbehauptungen der Homöopathiekritiker


Es wird ja oft geäußert, dass keine einzige Studie jemals positive Ergebnisse für die Homöopathie erbracht hat. Dies ist, wie die unten aufgeführten Links zeigen, leider eine dreiste Lüge. Wenn von angeblich wissenschaftlicher Seite mit derart unwahren Thesen gearbeitet wird, so handelt es sich ganz offensichtlich um eine bewusste Kampagne gegen die Homöopathie und nicht um seriöse Wissenschaft.

Wie skandalös unwissenschaftlich in dieser Hinsicht gearbeitet wird, zeigt die berühmte australische Homöopathiestudie. Hier wurden nicht, wie behauptet, ca. über 1000 Studien, sondern nur 176 Studien begutachtet und von diesen am Ende nur 5 (!) Studien ausgewertet. Die anderen nicht berücksichtigten Studien, unter denen auch Studien mit für die Homöopathie positive Ergebnissen waren, wurden von der Auswertung ausgeschlossen und zwar, wie mittlerweile offiziell eingeräumt wurde, aufgrund von Kriterien, die üblichen wissenschaftlichen Standards nicht entsprechen (nachträgliche (!) Veränderung der Ausschlusskriterien). Auf Grundlage der selektiven Auswertung von 5 (!) Studien wird dann postuliert, dass alle (!) Studien negativ seien. Ein solches Vorgehen erinnert mehr an Verleumdung und bewusste Verfälschung zum Zwecke der Diskreditierung der Homöopathie als an objektive Wissenschaft. Eine solche Wissenschaft, die alle Studien, die dem von ihr gewünschten Ergebnis widersprechen erst ausschließt und dann nur noch die übriggebliebenen, der eigenen Vorstellung entsprechenden Studien auswertet, hat die eigene Unwissenschaftlichkeit und Unredlichkeit durch ein solches Vorgehen eindeutig unter Beweis gestellt.

Ein weiteres beliebtes Argument der Kritiker ist, dass in homöopathischen Medikamenten alles so verdünnt sei, dass keine Inhaltsstoffe mehr enthalten sind. Dies gilt natürlich nur für Hochpotenzen. Jeder weiss, dass in anderen Potenzen wie D2 oder D3 selbstverständlich noch ähnlich hohe stoffliche Konzentrationen enthalten sind wie in allopathischen Medikamenten. Wenn man niedrig potenzierte Homöopathika unter Verweis auf Tatsachen, die logischerweise nur auf hochpotenzierte Homöopathika zutreffen, diskreditieren will, so ist dies genauso logisch, wie wenn man, nur weil manche Knieoperation nachweislich unwirksam ist, behauptet, dass die ganze Chirurgie unwirksam sei. Dies ist aber das logische und wissenschaftliche Niveau der Homöopathiekritiker. Eine derart unwissenschaftliche und moralisch unredliche Argumentationsweise sollte eigentlich leicht zu durchschauen sein. Leider gehen ihr viele Medien und offensichtlich auch das Ärzteblatt, von dem man in dieser Frage eigentlich mehr Sachkenntnis erwartet hätte, auf den Leim. Offenbar will auch das Ärzteblatt uns Ärzten verkaufen, dass z. B. Belladonna D2, das aufgrund seiner stofflichen Konzentration von den Zulassungsbehörden als so wirksam eingestuft wird, dass es ein verschreibungspflichtiges Homöopathikum ist, eine nicht über den Plazeboeffekt hinausgehende Wirksamkeit besitzt. Schlimm genug, dass von den selbsternannten Verfechtern der evidenzbasierten Medizin bei der Diffamierung der Homöopathie solche Behauptungen aufgestellt werden, noch schlimmer, dass offenbar viele Kollegen solche Thesen unreflektiert als vermeintliches Ergebnis einer angeblich objektiven Wissenschaft glauben.

http://www.hufelandgesellschaft.de/fileadmin/inhalte/dokumente/Faktenpapier_zur_Hom%C3%B6opathie_Endfassung.pdf

https://www.informationen-zur-homoeopathie.de/?page_id=41

www.dzvhae.de/wp-content/uploads/2017/08/Der-aktuelle-Stand-der-Forschung-zur-Homöopathie-2016-WissHom.pdf

https://www.dzvhae.de/australische-homoeopathie-studie-eine-taeuschung-der-oeffentlichkeit/
Avatar #781197
Hümmer
am Dienstag, 23. Juli 2019, 16:43

STUDIENLAGE zu ANTIDEPRESSIVA--> wesentlich mehr EINSPARPOTENTIAL!

Antidepressiva: Sie wirken laut einer Studie kaum besser als Placebos, dennoch werden sie massenweise verschrieben
https://www.nzz.ch/wissenschaft/antidepressiva-sie-wirken-laut-einer-studie-kaum-besser-als-placebos-dennoch-werden-sie-massenweise-verschrieben-ld.1495251
Gemäß der (vordergründigen!) Forderung, keine ausreichende Evidenz=keine Erstattung durch Krankenkassen, sehe ich hier ein
PHANTASTISCHES KOSTEN-EINSPRARPOTENTIAL
(weit über die lächerlichen 0,03% der homöopathischen Mittel hinaus), da die EVIDENZ der Antidepressiva offensichtlich UNTERIRDISCH ist im Vergleich zur Homöopathie...

Wer es es WIRKLICH ERNST meint mit dem Pochen auf Evidenz, muß es sofort Herrn Dr. Lauterbach melden, denn der behauptet ja, dass es ihm einzig und allein um die Evidenz geht!
Auf die Skeptiker hört er ja!

Und dann sehe ich noch die PHANTASTISCHE Möglichkeit, die SPREU VOM WEIZEN zu TRENNEN:
Wem geht es wirklich nur um Evidenz-Kostenerstattung
und
wer hat GANZ ANDERE (irrationale-polemische) INTERESSEN, für welche die Homöopathie der willkommene Prügelknabe ist???

Der möge sich doch bitte ehrlich zu erkennen geben!
Avatar #781197
Hümmer
am Dienstag, 23. Juli 2019, 15:24

Datenlage (könnte besser sein ist aber definitiv NICHT NEGATIV) genauer beleuchtet:

Die Ergebnisse der wichtigsten Metastudien zur Homöopathie lauten

Mathie 2014: „Individualisierte Homöopathische Verschreibung hat wahrscheinlich einen kleinen, (aber) spezifischen Behandlungs-Effekt....“
Hahn 2013: „Klinische Studien zu homöopathischer Mitteln zeigen zumeist eine Wirkung über Placebo-Niveau...“
Shang 2005: „...Dieser Befund ist mit der Annahme vereinbar, dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placebo-Effekte sind.“
Lüdtke 2008 bei der Besprechung der ShangStudie: „Die Ergebnisse der Metaanalysen ändern sich empfindlich je nach gewähltem Schwellenwert, der eine ausreichende Grösse der Probe definiert.... Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen von Shang sind weniger eindeutig als dargestellt.“
Behnke 2017: zur Shang-Studie eine weitere Beurteilung:„Das Gesamtergebnis fällt jeweils nur dann negativ aus (Homöopathie = Placebo), wenn der größte Teil ( 90–95 %) der vorliegenden Daten von der Auswertung ausgeschlossen wird und/oder fragwürdige statistische Methoden angewandt werden. Hierbei werden jeweils Maßnahmen ergriffen, die nicht den üblichen wissenschaftlichen Standards entsprechen.“ https://www.homoeopathie-online.info/meta-analysen-in-der-klinischen-forschung-zur-homoeopathie/
Cucherat 2000: “ Es gibt Hinweise darauf, dass homöopathische Behandlungen wirksamer sind als Placebo...“
Linde 1998: „Die Ergebnisse der verfügbaren randomisierten Studien legen nahe, dass die individualisierte Homöopathie einen Effekt über Placebo hinaus hat....“
Linde 1997: „Die Ergebnisse unserer Metaanalyse stimmen nicht mit der Hypothese überein, dass die klinischen Effekte der Homöopathie vollständig auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sind....“
Kleijnen 1991: „Derzeit ist die Beweiskraft klinischer (homöopathischer) Studien positiv....“

Datenlage konventionelle Medizin:
Bei je 2% der Reviews zeigt sich, dass die untersuchte Intervention klar wirksam oder klar schädlich ist. Bei weiteren 5% zeigt sich, dass sie vermutlich schädlich ist, wir es aber noch nicht genau wissen. Bei 43% zeigt sich, dass sie möglicherweise wirksam ist und bei der Mehrzahl, nämlich 48% ist die Sache unklar.
El Dib, R. P., Atallah, A. N., & Andriolo, R. B. (2007). Mapping the Cochrane evidence for decision making in health care. Journal of Evaluation in Clinical Practice, 13, 689-692. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1365-2753.2007.00886.x/abstract
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 22. Juli 2019, 08:14

Zum Thema Homöopathie...

Das Nacherzählen von homöopathischen Glaubensbekenntnissen fördert weder kritisches Selbst-Bewusstsein noch kritische Selbst-Reflexion, Selbsterfahrung, Selbstbestimmung, Eigen- und Selbstständigkeit bzw. Selbstbewusstsein. Wer ausgerechnet Evidenz-basiert denkenden Kolleginnen und Kollegen Verblendung unterstellen oder aufoktroyieren will, dem gehen wohl die Argumente aus:

Denn ein über ärztliche Kompetenz, Anamnese-Erhebung, Untersuchung, Beratung, Labor, Technik,
(Differenzial-)Diagnose, Zuwendung, Gespräch, Empathie und differenzierte Therapie hinausgehender, spezifischer Effekt der Homöopathie ist seit den Hahnemann'schen Glaubensbekenntnissen ab 1796 bis heute nicht zweifelsfrei verifizierbar.

"Die Homöopathie (von altgriechisch homóios ‚gleich, gleichartig, ähnlich‘ sowie páthos ‚Leid, Schmerz, Affekt, Gefühl‘; wörtlich also „ähnliches Leiden“)[1] ist eine alternativmedizinische Behandlungsmethode, die auf den ab 1796 veröffentlichten Vorstellungen des deutschen Arztes Samuel Hahnemann beruht. Die medizinische Wirkung geht nicht über den Placebo-Effekt hinaus.[2]"
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Hom%C3%B6opathie

Wer naiv in der vorwissenschaftlichen Vergangenheit lebt und seine Rückwärts-Gewandtheit belegt, wird auch von Heilpraktikern mancher Couleur sekundiert.

Im Kern geht es darum, ob homöopathische Therapieverfahren einen über den Placeboeffekt hinausgehenden, statistisch nachweisbaren, leitlinienadäquaten, therapeutisch hilfreichen Effekt haben können.

DI es wurde beispielsweise von Mathie systematisch überprüft. Er schrieb 2014 in "Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis" von Robert T Mathie et al.
https://doi.org/10.1186/2046-4053-3-142
als Schlussfolgerungen von möglichen kleinen, spezifischen Behandlungseffekten. Die insgesamt geringe oder unklare Qualität der Evidenz lege eine vorsichtige Ergebnisinterpretation nahe. Die Autoren fordern immer noch fehlende, neue RCT("randomized controlled trials")-Forschung von hoher Qualität, um maßgeblichere Interpretationen zu ermöglichen ["Conclusions -
Medicines prescribed in individualised homeopathy may have small, specific treatment effects. Findings are consistent with sub-group data available in a previous ‘global’ systematic review. The low or unclear overall quality of the evidence prompts caution in interpreting the findings. New high-quality RCT research is necessary to enable more decisive interpretation"].

In der Publikation Homeopathy 2018; 107(04): 229-243
DOI: 10.1055/s-0038-1667129
Review Article
The Faculty of Homeopathy
"Systematic Review and Meta-Analysis of Randomised, Other-than-Placebo Controlled, Trials of Individualised Homeopathic Treatment" von
Robert T. Mathie et al. finden sich ähnliche, vage formulierte Schlussfolgerungen: "Conclusions - Due to the low quality, the small number and the heterogeneity of studies, the current data preclude a decisive conclusion about the comparative effectiveness of IHT. Generalisability of findings is limited by the variable external validity identified overall; the most pragmatic study attitude was associated with RCTs of adjunctive IHT. Future OTP-controlled trials in homeopathy should aim, as far as possible, to promote both internal validity and external validity."

Vage Schlussfolgerungen deshalb, weil das Fehlen von methodisch korrekten, kontrollierten Homöopathie-Studien gleichzeitig festgestellt, beklagt, eingefordert und als nicht vorhanden deklariert wird.

Wissenschaftlich gesicherte, Leitlinien-gerechte, Evidenz-basierte Therapieverfahren gehen dagegen, wie durch zahllose randomisierte, kontrollierte und auch doppelblinde Studien nachgewiesen publiziert, von hochsignifikant über den Placeboeffekt hinausgehenden Untersuchungs-, Heilungs- und Linderungsprozessen bei unseren Patientinnen und Patienten aus.

Wissenschaftliche Irrtümer, Revisionen, Fehl-Interpretationen und -Entwicklungen eingeschlossen, wie von mir in zahlreichen kritischen Kommentaren und Publikationen auch belegt.
Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Lysekil / Göteborg/S)

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