ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Hebammenausbildung: Aus kinderärztlicher Sicht

POLITIK: Kommentar

Hebammenausbildung: Aus kinderärztlicher Sicht

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): A-1364 / B-1127 / C-1111

Rossi, Rainer

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Mit der Reform der Hebammenausbildung will die Bundesregierung nach eigenen Angaben den Hebammenberuf attraktiver machen und die künftigen Hebammen besser auf die ständig steigenden Anforderungen im Arbeitsalltag vorbereiten. Dennoch gibt es Diskussionsbedarf.

Die geplante Reform der Hebammenausbildung wird unter anderem zwischen Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie der Gesellschaft der Hebammenwissenschaft und dem Deutschen Hebammenverband diskutiert. Zudem hat der Bundesrat Ende Juni zu diesem Thema getagt.

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Die passagere Schließung von Kreißsälen aufgrund von Hebammenmangel hat die Frage der Attraktivität des Berufes aufgeworfen. Es fehlt aber vor allem an Ausbildungsplätzen, erkennbar an der großen Zahl abgelehnter Bewerberinnen. Auch ist die Sorge der BÄK und des Bundesrates nachvollziehbar, dass es nach der Umstellung der Ausbildung zumindest vorübergehend zu einer Vergrößerung des Hebammenmangels kommen wird. Positive Organisations- und Vergütungsmodelle aus Hamburg und München zeigen, dass und wie eine Sperrung von Kreißsälen vermeidbar ist. Wie auch in der Pflege kann eine (Teil-)Akademisierung durchaus sinnvoll sein: Pflegewissenschaftliche Expertise ist zum Beispiel in der Umsetzung der GBA-Vorgaben für die Versorgung von Frühgeborenen sehr hilfreich. Dennoch gibt es – darauf haben die DGGG, BÄK und der Bundesrat hingewiesen – in der Abgrenzung der Hebammen- von der jeweils ärztlichen Tätigkeit erhebliche Unklarheiten, zumal im Gesetzentwurf an verschiedenen Stellen von „Selbstständigkeit“ und „Eigenverantwortlichkeit“ der Hebammen die Rede ist. Für viele Aspekte der Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen ist nach ständiger Rechtsprechung aber ein Facharztstandard erforderlich. Ein Facharzt benötigt nach dem Studium eine fünfjährige klinische Weiterbildungszeit. Vorher kann in Arzthaftungsprozessen einem Weiterbildungsassistenten juristisch angelastet werden, dass er eine sich entwickelnde Komplikation aufgrund seines noch unzureichenden Weiterbildungsstandes nicht zuverlässig erkennen könne. Die akademisierte Hebammenausbildung sieht hingegen eine Verkürzung der praktischen Ausbildung von 3 000 auf 2 100 Stunden vor. Damit liegt das Risiko, dass eine Hebamme bei wesentlich kürzerer Ausbildungszeit und bei vollumfänglicher Tätigkeitserlaubnis bereits direkt nach dem Studium sich entwickelnde Probleme verkennt, auf der Hand.

Dennoch sollen Hebammen die „Beurteilung des Gesundheitszustandes eines Neugeborenen“ ebenso wie die „Anleitung zur Ernährung, Pflege, Hygiene und Versorgung des Säuglings“ leisten können. Diese Aufgaben der Versorgung von Säuglingen sind im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen inklusive des Neugeborenenscreenings mit seiner ärztlichen Aufklärungspflicht geregelt; auch fällt die Impfaufklärung und –durchführung in diese Zeit. Die Hinzuziehungspflicht einer Hebamme bei jeder Geburt ist – unbeschadet ihrer fragwürdigen Herkunft und der in dieser Form nichtgegebenden EU-Kompatibilität – aus pädiatrischer Sicht nicht begründbar: 30 Prozent der Geburten finden als Kaiserschnittgeburten statt. Selbst in den Ländern mit den niedrigsten Sectioraten (insbesondere in Nordeuropa und den Niederlanden) beträgt diese noch 15 Prozent, die die WHO auch für angemessen hält. Bei einem erheblichen Teil dieser Sectiones – ohnehin bei allen Risikoneu- und Frühgeborenen – sind ein Kinderarzt und eine Kinderkrankenschwester mit der Versorgung des Neugeborenen betraut. Eine notwendige Präsenz einer Hebamme bei der Geburt selbst ist also nicht erkennbar. Problematisch ist der Umgang mit der Beckenendlage: Eine solche ist nicht physiologisch und praktisch immer vorgeburtlich bekannt. Wegen des erhöhten mütterlichen und vor allem kindlichen Risikos ist – wie vom BGH vielfach entschieden – die Schwangere vor der Geburt über die mögliche Alternative der Kaiserschnittentbindung ärztlich aufzuklären. Dies schließt eine „selbstständige“ Tätigkeit der Hebamme in diesem Punkt aus, wie überhaupt eine Hebamme nur bei einer ärztlichen Entscheidungskompetenz – und folglich Verantwortung – haftungsrechtlich geschützt ist.

Wegen des durch eine vollständige und sofortige Umstellung auf eine akademisierte Hebammenausbildung potenziell vergrößerten Hebammenmangels und der unklaren Verantwortlichkeiten erscheint dieser Entwurf des Hebammengesetzes dringend überarbeitungswürdig. Es bietet sich zudem an, die aus ganz anderen Zusammenhängen entstandene Hinzuziehungspflicht der Hebammen bei jeder Geburt abzuschaffen und so die Hebammen von nicht unmittelbar notwendigen Aufgaben zu entlasten.

Leserkommentare

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Avatar #769720
g_sonntag
am Montag, 29. Juli 2019, 14:31

BEL nicht physiologisch?

Seit wann ist die Beckenendlage nicht physiologisch? Seit es keine Erfahrung mehr damit gibt? Anstatt die Definition dessen, was physiologisch ist, umzudeuten wäre es vielleicht sinnvoller, den Hebammen und Geburtshelfern wieder beizubringen wie man damit umgeht. Siehe https://chuffed.org/project/reteachbreech
Dr. Gerit Sonntag
Avatar #749129
wendt@uni-greifswald.de
am Sonntag, 28. Juli 2019, 09:32

unglaublich

Auch als Arzt macht mich diese "kinderärztliche Sicht" fassungslos. Welche berufspolitischen Machtinteressen diesen Herrn auch immer antreiben, er zeigt aus meiner Sicht, dass er die dringend notwendigen Entwicklungen in Medizin und Pflege nicht in Ansatz verstanden hat. Darüber hinaus fragt man sich, ob diese herausgestellte Einzelmeinung dem Ärzteblatt als sachliche Fachzeitschrift gut tut. Dieser Kommentar ist eine detaillierte Stellungnahme nicht wert, ich empfinde ihn als ein Monument der ewig Gestrigen. Prof. Michael Wendt
Avatar #781795
Hebamme Hannah
am Donnerstag, 25. Juli 2019, 15:47

Sprachlos

Ich bin Hebamme und liebe meinen Beruf. Ich sehe mich als Fachperson für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Ich sehe mich als Beraterin, Fürsprecher und Unterstützer werdender und frischer Familien und gleichzeitig eine medizinische Fachperson, die nach aktuellen Leitlinien arbeitet und sich regelmäßig fortbildet. Ich bin sprachlos, wie unter dem Deckmantel der "Hebammenentlastung" unsere rechtliche Existenzgrundlage angegriffen wird. Das Paradoxon, dass über eine Abschaffung der Hinzuziehungsplicht disskutiert werden sollte aufgrund des bestehenden Hebammenmangels macht mich wütend. Wie soll ein Beruf attraktiver gestaltet werden, wenn er laut Ärzteschaft in ca 30 % der Geburten für Unnötig gehalten wird, wobei da ja noch nicht vaginal operative Entdindungen oder BEL - Geburten hineinzählen.... Damit gehen wir einer schrittweisen Untergrabung des Hebammenberufes entgegen. Dabei ist unser Beruf abgelöst von dem Medizinern auf einer ganz anderen Art und Weise essentiell. Wir sind für eine ganzheitliche Betreuung zuständig, die sich nicht nur auf das rein medizinisch notwendige bezieht, sondern auch psychosozial und allumfassend alle Bereiche miteinbezieht. Wäre meine Aufgabe als Hebamme: Kind vom Operateur abnehmen und beim Pädiater abgeben,bräuchte es dafür keine Akademisierung. Zählt man die Betreuung der Frau in der Schwangerschaft dazu, die Hilfestellung bei der Entscheidung über den Entbindungsmodus, die Vorbereitung des Paares nicht nur auf die Operation, sonder auch auf die gleichzeitige Geburt ihres Kindes und die damit einhergehenden Veränderungen, die emotionale Stütze um die Geburt und die postpartale Versorgung von Mutter und KInd, medizinisch und psychisch ( wohlgemerkt: die meisten Häuser können eine standardisierte Anwesenheit von Pädiater während einer Section finanziell und personell nicht stemmen) dann sehen ich die Wichtigkeit meiner Anwesenheit bei JEDER Entbindung, egal welcher Modus. Die Akademisierung soll nicht nur den Beruf durch den "akademischen Titel" attraktiver machen, sondern soll den Fachbereich rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett wieder mehr in die Hände der Hebammen legen. Dies ist zunächst keine "krankhafte" Phase, sondern eine rein physiologische Phase in dem Leben eines Paares und eines Neugeborenen und man sollte zunächst hinterfragen, ob nicht die Zerstückelung dieses Bereiches in die unterschiedlichsten Zuständigkeiten eventuell zu der unangemessenen hohen Prozentzahl an Sectiones geführt hat und insgesamt zu einer "Pathologisierung" dieses Bereiches. Das ist eine reine Hypothese und ich würde sie gerne wissenschaftlich hinterlegen, bloß dafür fehlt mir aktuell das Handwerkzeug und ich hoffe sehr, dass die Akademisierung dazu führt, dass wir genau in diesem Bereich aufholen können, wo uns die Mediziner einen Schritt voraus sind und damit eine Untermauerung unseres Berufes anstatt einer Untergrabung.

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