ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2019Lungenkarzinom: Präzise Diagnostik rettet Leben

MEDIZINREPORT

Lungenkarzinom: Präzise Diagnostik rettet Leben

Dtsch Arztebl 2019; 116(29-30): A-1377 / B-1138 / C-1122

Eckert, Nadine

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In Deutschland sterben jedes Jahr Menschen innerhalb kürzester Zeit an Lungenkrebs, weil sie nicht die für eine zielgerichtete Therapie erforderliche molekulare Diagnostik erhalten. Doch die ist inzwischen so komplex, dass sie in den meisten Kliniken nicht mehr geleistet werden kann.

Die bisher bekannten Formen des Lungenkarzinoms sind durch verschiedene Mutationen charakterisiert, die das maligne Wachstum der Tumorzellen vorantreiben. „Wenn bei mir 2012 nicht bei einer umfassenden molekularen Diagnostik die seltene Treibermutation meines Lungenkarzinoms – eine ROS1-Translokation – entdeckt worden wäre, woraufhin eine zielgerichtete Therapie möglich war, wäre ich heute nicht mehr am Leben“, brachte es die 61-jährige Bärbel Söhlke, Lungenkrebspatientin aus Düsseldorf, bei der Jahrespressekonferenz der Deutschen Krebshilfe in Berlin auf den Punkt.

Nach mehreren Chemotherapien, auf die immer wieder Rezidive folgten, hatte sie sich damals an das Universitätsklinikum Köln gewandt, um ihren Tumor molekular untersuchen zu lassen. „Andere Patienten mit derselben Mutation, bei denen diese Diagnostik nicht erfolgte, sind heute wahrscheinlich nicht mehr am Leben“, ergänzte die pensionierte Mathematikerin. Beim Lungenkarzinom ist der Unterschied zwischen klassischer systemischer und personalisierter Therapie besonders groß.

Mehr als 5 Jahre Überleben

„Wir reden hier nicht von einem Überlebensunterschied von Wochen, sondern von Jahren“, betonte Prof. Dr. med. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie am Universitätsklinikum Köln. Mit einer systemischen Chemotherapie liegt das Überleben der Patienten bei median einem Jahr. Eine zielgerichtete Therapie, die effizienter und besser verträglich ist als eine konventionelle Chemotherapie, ermöglicht Überlebenszeiten von 5 Jahren und mehr.

Doch die für eine solche Therapie erforderliche präzise molekulare Diagnostik des Lungenkarzinoms sei mittlerweile so komplex und aufwendig, dass sie von kommunalen Krankenhäusern und anderen wohnortnahen Versorgern nicht mehr geleistet werden könne, erklärte Wolf. Er plädierte deshalb dafür, die molekulare Diagnostik und konsekutive Therapieplanung bundesweit an spezialisierten Diagnostikzentren zu zentralisieren. Die eigentliche Behandlung könne dann wohnortnah erfolgen.

Der Kölner Onkologe ist Sprecher des von der Deutschen Krebshilfe geförderten nationalen Netzwerks Genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs, welches aus 15 universitären Krebszentren (darunter alle 13 onkologischen Spitzenzentren), 182 Krankenhäusern und 120 Praxen besteht. „Wenn wir ein dezentrales Gesundheitssystem beibehalten wollen, geht das nur mit Arbeitsteilung“, so Wolf.

Im nNGM wird seit gut einem Jahr die zentrale Diagnostik und Therapieplanung erprobt und dies mit Erfolg, wie der Kölner Onkologe betonte: „Wir haben den Beweis geliefert, dass dieses Prozedere machbar ist.“ Seit Projektbeginn seien rund 5 000 Patienten zentral molekular diagnostiziert worden. Hierfür wird eine Probe des Tumors an eines der Diagnostikzentren geschickt. Anschließend erhält der wohnortnahe Versorger eine Therapieempfehlung – und das kann je nach Mutation auch eine Off-Label-Therapie mit einem nicht für Lungenkrebs zugelassenen Medikament sein oder zumindest die Empfehlung einer klinischen Studie. Ein Drittel der Zielpopulation in Deutschland habe das Netzwerk innerhalb eines Jahres auf diese Weise erreicht, berichtete Wolf. Eine Übertragung der Netzwerkstrukturen auf andere Tumorentitäten sei durchaus denkbar.

Regelfinanzierung erforderlich

Gerade wegen dieses großen Potenzials sei die Entwicklung jedoch noch nicht weit genug gedacht, meinte Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Bürrig, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Pathologen, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt: „Die Konzentration auf zu wenige Zentren behindert die flächendeckende Versorgung aller Lungenkrebspatienten in Deutschland.“ Er fordert deshalb eine Senkung der „hohen formalen Hürden“, so dass weitere Lungenkrebszentren und auch pathologische Institute, die die erforderliche Qualität anbieten, bei der Weiterentwicklung des Konzepts berücksichtigt werden können.

Auch Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, sieht im nNGM „eine Blaupause für andere Tumorerkrankungen“, wies aber auch auf die derzeit noch unsichere Finanzierung der umfassenden molekularen Diagnostik bei Lungenkrebs hin. Regelhaft werde nur die Untersuchung auf Treibermutationen, für die bereits Medikamente zugelassen sind, erstattet. „Doch das reicht bei Weitem nicht aus“, so Wolf. Vielmehr müssten sämtliche bekannten Treibermutationen erfasst werden, wie das Beispiel von Bärbel Söhlke zeige. Sie war die erste Lungenkrebspatientin in Europa, bei der als Treibermutation eine ROS1-Translokation identifiziert wurde. Im Netzwerk übernehmen einige Krankenkassen im Rahmen der besonderen Versorgung nach § 140 SGB V die Kosten. Über kurz oder lang sei aber eine Regelfinanzierung notwendig, so Nettekoven. Nadine Eckert

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