ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2019Erderwärmung – ein Blick auf Deutschland
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Die Erderwärmung hat zur Folge, dass Hitzewellen, Dürren und Waldbrände häufiger und in extremerem Ausmaß als bisher auftreten. Extremniederschläge nehmen zu, der Meeresspiegel steigt und derzeit bewohnte Inseln verschwinden. Infektionskrankheiten häufen sich, einschließlich lokaler Wundinfektionen, aber auch nichtübertragbare Krankheiten. Ozon- und Partikelkonzentrationen wachsen an, mit Auswirkungen auf die respiratorische (1) und die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Eine Zunahme der Pollenlast wird voraussichtlich zu einem Anstieg allergischer Erkrankungen führen. Es ist auch gut denkbar, dass psychiatrische Störungen infolge traumatisierender Extremwetterereignisse zunehmen werden.

Aus politischer Sicht ist der Klimawandel ein möglicher Grund für neue internationale Konflikte, Kriege und Migration. Er wirkt als Verstärker bereits vorhandener Gesundheitsrisiken wie Armut, Hunger und Unterernährung, mangelnde Bildung, Flucht und Vertreibung. Am schlimmsten wird es vermutlich Menschen in Ländern des globalen Südens mit niedrigem und mittlerem Einkommen treffen, die selbst am wenigsten mit ihren Treibhausgasemissionen zur Erderwärmung beitragen und die nicht in der Lage sind, Anpassungsmaßnahmen zu finanzieren. Allerdings werden wir eine Erderwärmung auch in unseren Breiten spüren und sie wird auch unsere Patienten betreffen.

Und so ist es folgerichtig, dass sich das Deutsche Ärzteblatt in seiner aktuellen Ausgabe erstmals ausgewählten Aspekten einer Temperaturerhöhung in Deutschland widmet (24).

Auswirkungen auf die Gesundheit

Basierend auf den Daten der Region Augsburg berechneten Chen et al. (2) wahrscheinliche zusätzliche Herzinfarktereignisse in Abhängigkeit von der Erderwärmung. Auf die Bundesrepublik Deutschland hochgerechnet wären mehr als 1 000 Herzinfarktereignisse pro Jahr vermeidbar, wenn die globale Erderwärmung nur 1,5 oC (Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens) statt 3,0 oC betrüge. Je wärmer es wird, desto mehr Tote wird es geben. Zugleich werden kältebedingte Todesfälle abnehmen, allerdings in quantitativ deutlich geringerem Ausmaß.

Anhand empirischer Daten beschreiben Aghdassi et al. (3), dass Wundinfektionen temperaturabhängig zunehmen. Die Berechnungen basieren auf einem Datensatz des Krankenhaus-Surveillance-Infektions-Systems für postoperative Wundinfektionen (OP-KISS) der Jahre 2000 bis 2016, der Daten zu mehr als 1 400 Klinikabteilungen und 2 Millionen Operationen umfasst. Der Anstieg des Wundinfektionsrisikos war dabei im Wesentlichen auf den Temperaturbereich über 20 oC zurückzuführen.

Leyk et al. (4) führten eine umfangreiche Literaturrecherche zu Prävention, Risikofaktoren, Diagnostik und Therapie der Hitzekrankheit durch. Die Autoren beschreiben die Kompensationsmechanismen des Körpers und die Symptomatik bei dessen Überlastung. Eine Kernaussage ist, dass sich hitzebedingte Zwischenfälle – insbesondere bei körperlichen Belastungen und sogar bei scheinbar unkritischen Umgebungstemperaturen – plötzlich entwickeln und unter Umständen zum lebensbedrohlichen Hitzschlag führen können, ein bereits jetzt gut bekanntes Krankheitsbild. Es erscheint gut möglich, dass in Hitzeperioden auch Hitzschläge zunehmen. Die Liste prädisponierender Faktoren für einen Hitzschlag ist überschaubar und beinhaltet den Schlüssel zur Prävention.

Verlorene Lebenszeit

Die Welt­gesund­heits­organi­sation rechnet für die Jahre 2030 bis 2050 mit jährlich durch die Erderwärmung bedingten 250 000 zusätzlichen Todesfällen (5) infolge von nichtübertragbaren (zum Beispiel Herzinfarkte, siehe [2]) und übertragbaren Krankheiten wie Malaria, Diarrhö und anderen. So existenziell das Problem ist, ich sehe diese traditionelle Berechnung zusätzlicher – oder korrekter müsste es heißen vorzeitiger – Todesfälle als mitunter für den Kliniker schwer verständlich an und kann mir vorstellen, dass die durch die Exposition verlorene Lebenszeit pro Person (6) ein angemesseneres Maß wäre. Diese Definition würde es erlauben, unterschiedliche Risiken auf eine gemeinsame und geläufigere Skalierung zu bringen und vergleichbar zu machen.

Prävention

Denkt man die Aussagen der drei Beiträge in diesem Heft (24) zu Ende, wäre eine wirksame Primärprävention der Erderwärmung der Schlüssel, um zusätzliche Herzinfarkte, Wundinfektionen und lebensbedrohliche Hitzezwischenfälle zu vermeiden. Was kann man weiterhin tun und welche Rolle spielen Ärztinnen und Ärzte dabei?

Natürlich sind die in der öffentlichen Diskussion bereits vielfach benannten Maßnahmen für eine CO2-Reduktion zu unterstützen – von der Energieerzeugung über verminderten Energieverbrauch, etwa durch den Individual- und Flugverkehr, bis hin zum Schutz der natürlichen Ressourcen, wie zum Beispiel des Regenwaldes. Zugleich müssen wir realistisch sein und eine Sekundärprävention planen. Hierzu gehören überregionale Hitzeschutzpläne, wie sie in Österreich bereits ausgereift existieren. In Deutschland liegen immerhin bereits Empfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen vor (7). Auch an Schulungen von ärztlichen Fachangestellten sowie Pflegekräften zum Schutz der Patienten ist zu denken (8).

Eigeninitiative

Wendet man sich wieder der Primärprävention zu, stellt sich die Frage: Wie kann jeder bei seiner eigenen CO2-Bilanz anfangen? Ein Editorial im British Medical Journal machte bereits 2007 darauf aufmerksam, dass die 15 000 Besucher des amerikanischen Pneumologenkongresses in San Diego im Jahre 2006 etwa 11 000 Tonnen CO2-Belastung durch Flüge verursachten – entsprechend der CO2-Jahresproduktion von damals 550 US-Bürgern, 11 000 Indern oder 110 000 Bewohnern der Republik Tschad in Zentralafrika (9). Die Zahlen sind nicht aktuell – neuere waren nicht zu finden – aber die Relationen bleiben interessant. Es ist auch kein Trost, dass es noch größere Kongresse gibt. Jeder kann seine eigene CO2-Bilanz berechnen und verbessern: vom Umweltbundesamt gibt es online einen sehr guten CO2-Rechner (10).

Interessenkonflikt
Das von Prof. Nowak geleitete Institut hat eine Sachbeihilfe vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit für ein Bildungsangebot für medizinische Fachangestellte und Pflegefachkräfte in der ambulanten Versorgung erhalten (www.klimawandelundbildung.de, Förderkennzeichen 03DAS093).

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Dennis Nowak
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Klinikum der Universität München
Ziemssenstraße 1, 80336 München
dennis.nowak@med.uni-muenchen.de

Zitierweise
Nowak D: Global warming—the German picture. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 519–20. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0519

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
D’Amato G, Cecchi L, D’Amato M, Annesi-Maesano I. Climate change and respiratory disease. Eur Respir Rev 2014; 23: 161–169.
2.
Chen K, Breitner S, Wolf K, Rai M, Meisinger C, Heier M, Kuch B, Peters A, Schneider A, on behalf of the KORA Study Group:
Projection of temperature-related myocardial infarction in Augsburg, Germany: moving on from the Paris Agreement on Climate Change.
Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 521–7 VOLLTEXT
3.
Aghdassi SJS, Schwab F, Hoffmann P, Gastmeier P: The association of climatic factors with rates of surgical site infections—17 years‘ data from hospital infection surveillance. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 529–36 VOLLTEXT
4.
Leyk D, Hoitz J, Becker C, Glitz KJ, Nestler K, Piekarski C: Health risks and interventions in exertional heat stress. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 537–44.
5.
World Health Organization: Climate change and health. www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-and-health 2018 (last accessed on 7 July 2019).
6.
Morfeld P, Erren TC: Warum ist die „Anzahl vorzeitiger Todesfälle durch Umweltexpositionen“ nicht angemessen quantifizierbar?
Gesundheitswesen 2019; 81:144–9 CrossRef MEDLINE
7.
Bundesministerium für Umwelt: Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf 2017 (last accessed on 18 July 2019).
8.
Schoierer J, Mertes H, Wershofen B, Böse-O’Reilly S: Fortbildungsangebote zu Klimawandel, Hitze und Gesundheit für medizinische Fachangestellte und Pflegefachkräfte in der ambulanten Versorgung. Bundesgesundheitsbl 2019; 62: 620–8 CrossRef MEDLINE
9.
Roberts I, Godlee F: Reducing the carbon footprint of medical conferences. BMJ 2007; 334: 324–5 CrossRefMEDLINE PubMed Central
10.
Umweltbundesamt: CO2-Rechner. https://uba.co2-rechner.de/de_DE/ (last accessed on 7 July 2019).
Institut und
Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und
Umweltmedizin,
Klinikum der Universität München: Prof. Dr. med.
Dennis Nowak
1.D’Amato G, Cecchi L, D’Amato M, Annesi-Maesano I. Climate change and respiratory disease. Eur Respir Rev 2014; 23: 161–169.
2.Chen K, Breitner S, Wolf K, Rai M, Meisinger C, Heier M, Kuch B, Peters A, Schneider A, on behalf of the KORA Study Group:
Projection of temperature-related myocardial infarction in Augsburg, Germany: moving on from the Paris Agreement on Climate Change.
Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 521–7 VOLLTEXT
3. Aghdassi SJS, Schwab F, Hoffmann P, Gastmeier P: The association of climatic factors with rates of surgical site infections—17 years‘ data from hospital infection surveillance. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 529–36 VOLLTEXT
4.Leyk D, Hoitz J, Becker C, Glitz KJ, Nestler K, Piekarski C: Health risks and interventions in exertional heat stress. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 537–44.
5.World Health Organization: Climate change and health. www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-and-health 2018 (last accessed on 7 July 2019).
6.Morfeld P, Erren TC: Warum ist die „Anzahl vorzeitiger Todesfälle durch Umweltexpositionen“ nicht angemessen quantifizierbar?
Gesundheitswesen 2019; 81:144–9 CrossRef MEDLINE
7.Bundesministerium für Umwelt: Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf 2017 (last accessed on 18 July 2019).
8. Schoierer J, Mertes H, Wershofen B, Böse-O’Reilly S: Fortbildungsangebote zu Klimawandel, Hitze und Gesundheit für medizinische Fachangestellte und Pflegefachkräfte in der ambulanten Versorgung. Bundesgesundheitsbl 2019; 62: 620–8 CrossRef MEDLINE
9.Roberts I, Godlee F: Reducing the carbon footprint of medical conferences. BMJ 2007; 334: 324–5 CrossRefMEDLINE PubMed Central
10. Umweltbundesamt: CO2-Rechner. https://uba.co2-rechner.de/de_DE/ (last accessed on 7 July 2019).

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