ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2019Pränataltests: Gegen das Prinzip der Inklusion
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Als Vater eines 14-jährigen Jungen mit Downsyndrom hege ich die Sorge, dass das Angebot dazu führen wird, dass noch weniger werdende Kinder mit Trisomie 21 das Licht der Welt erblicken werden. Die Sprache des Artikels passt zur Entscheidung der Ärztevertreter (von denen ich mich nicht vertreten fühle): Wenn beschrieben wird, dass es um die Entscheidung gehe, „ein behindertes Kind zu gebären und zu pflegen“, insinuiert man damit, dass Trisomie 21 eine Krankheit sei, deren Träger zu pflegen sind. Schwangeren, denen der Test als Kassenleistung angeboten wird, müssen davon ausgehen, dass die Untersuchung für sie selbst und ihr späteres Kind sinnvoll sei.

Die angesprochene Pränataltestung auf Trisomien sucht nach Abweichungen von der Norm, deren Feststellung ergibt aber keinerlei therapeutische Maßnahme, die pränatal eingesetzt werden kann. Die Diagnostik setzt für die werdenden Eltern die Behinderung gleich mit einem Defizit, mit Risiko und Gefahr. Die Ausprägung der Behinderung ist aber durch den Pränataltest keineswegs vorhersehbar.

Die Behinderung wird als grundsätzliches Problem dargestellt: Die behinderte Person könne kein ebenso gutes Leben haben wie ein Mensch ohne Behinderung. Dies würde ich aber angesichts meines Lebens mit unserem Sohn vehement abstreiten.

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Das soziale Modell von Behinderung geht davon aus, dass die Behinderung vielmehr durch die gesellschaftlichen Umstände entsteht: „Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ In unseren Zeiten, in denen so viel über Inklusion berichtet und diskutiert wird, aber auch so wenig in Richtung Inklusion gedacht, gelebt und gefühlt wird, wird meinem Sohn mit seiner Andersartigkeit seine Lebenswirklichkeit genommen.

Den werdenden Eltern, die vor der Entscheidung zur Testung stehen, wird aus der gesellschaftlich geschürten Angst vor Behinderung eine – wie im Bericht geforderte – „informierte Entscheidung“ sehr schwer gemacht. Mein Eindruck ist, dass selektierende pränatale Tests auf Behinderungen den Prinzipien der Inklusion entgegenarbeiten.

Dr. med. Hubertus Halbfas, 51429 Bergisch Gladbach

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