ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Digitale Gesundheits-Anwendungen: Patientenschutz zuerst

EDITORIAL

Digitale Gesundheits-Anwendungen: Patientenschutz zuerst

Bühring, Petra

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Mit dem Digitalen Versorgungsgesetz (DVG), das Anfang Juli vom Kabinett beschlossen wurde, plant Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn unter anderem, „digitalen Gesundheits-Anwendungen“ den Weg in die Versorgung zu ermöglichen (siehe auch Seite 348). Der Gesetzentwurf enthält Regelungen, wie Ärzte und Psychotherapeuten ihren Patienten künftig Gesundheits-Apps verschreiben können. Sie sollen aber auch ohne Rezept, zum Teil direkt über die Krankenkassen zu erhalten sein. An dieser Vorlage üben die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) ebenso wie psychotherapeutische und psychiatrische Berufs- und Fachverbände sachgerechte Kritik, die der Gesetzgeber unbedingt beachten sollte.

So fordert die BPtK zum Schutz von psychisch kranken Patienten, an Gesundheits-Apps vergleichbare Ansprüche zu stellen wie an Arznei- und Heilmittel. Als ausreichend soll laut Gesetzentwurf bereits gelten, wenn Versicherte durch eine App besser informiert werden beziehungsweise, wenn sie einen „positiven Versorgungseffekt“ belegen. Zwar plant der Gesetzgeber, Apps durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) prüfen und in ein „Verzeichnis für digitale Gesundheits-Anwendungen“ aufnehmen zu lassen. Ein Beleg für einen positiven Versorgungseffekt sei damit aber längst nicht ausreichend erbracht, findet auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Dazu sei eine wissenschaftlich fundierte Nutzen-Risiko-Bewertung auf Basis verbindlicher Qualitätskriterien notwendig. Qualitätskriterien haben die BPtK ebenso wie die DGPPN zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie zusammengestellt. Die BPtK weist darauf hin, dass es für psychische Erkrankungen bereits eine Reihe evaluierter und als Medizinprodukte der Klassen I und IIa zertifizierte Apps gibt. Diese könnten die Prävention unterstützen und eine Psychotherapie positiv ergänzen. In der Fülle des Angebots sei jedoch weder für Versicherte noch für Ärzte und Psychotherapeuten erkennbar, welche Angebote die von Herstellern angegebenen Wirkungen auch erzielten.

Sehr bedenklich ist aus Sicht der Kritiker aber vor allem auch, dass mit dem DVG Krankenkassen erlaubt werden soll, ihren Versicherten Gesundheits-Apps zu empfehlen. Denn ohne fachkundige Diagnostik und Indikationsstellung durch Ärzte und Psychotherapeuten drohen Fehlbehandlungen. Krankenkassen dürfen nicht in diesem Sinne in die Behandlung eingreifen, kritisiert unter anderem der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp). Schon jetzt würden psychisch kranke Patienten bei längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten von ihren Krankenkassen unter Druck gesetzt, bestimmten Maßnahmen zuzustimmen, ohne dass dafür eine gesicherte Indikationsstellung vorliege, hat der bvvp in Erfahrung gebracht.

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Keinen Gefallen findet schließlich die im DVG vorgesehene Möglichkeit, dass App-Bieter im ersten Jahr ohne Nachweis freie Preise verlangen können, die von den Krankenkassen erstattet werden. Erst im zweiten Jahr müssen entsprechende Studien vorgelegt werden, dass die Anwendung die Versorgung tatsächlich verbessert. Wirtschaftsförderung ist eigentlich nicht das Kerngeschäft der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung.

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