ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Berufsgruppenübergreifende Versorgung: Blaupause für die Regelversorgung

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Berufsgruppenübergreifende Versorgung: Blaupause für die Regelversorgung

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 345

Bühring, Petra

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In der Region Nordrhein erproben die Kassenärztliche Vereinigung und ein Netzwerkmanagement die berufsgruppenübergreifend vernetzte, gestufte und koordinierte Versorgung neurologisch und psychisch kranker Patienten. Das Innovationsfonds-Projekt ist sehr vielversprechend.

Foto: apinan/stock.adobe.com
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Das Rheinland ist bekannt für das kommunikative und offene Wesen seiner Bewohner. Womöglich ist das der Grund, warum das Projekt zur Neurologisch-psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung (NPPV) in der Region Nordrhein besonders gut funktioniert. Denn Vernetzung im Gesundheitswesen lebt von der Kommunikation miteinander und der Bereitschaft, sich auch auf andere Fachgruppen einzulassen. Beim Netzwerktreffen Anfang Juli in Aachen feierten Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, dass gerade der 7 000. Patient für den NPPV-Vertrag rekrutiert werden konnte, der im April 2017 gestartet ist. Auch deren Einschreibezahlen können sich sehen lassen: 580 Ärzte und Psychotherapeuten nehmen an 371 Praxisstandorten teil. Davon sind 14 Prozent Neurologen, 20 Prozent Fachärzte für Nervenheilkunde, Neurologie und Psychiatrie, 16 Prozent Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, sieben Prozent Psychosomatiker sowie 41 Prozent ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten. Insgesamt sind in Nordrhein 4 468 Ärzte dieser Fachgruppen und Psychotherapeuten niedergelassen.

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„Die Rekrutierungszahlen steigen ständig, die Rückmeldungen der Kollegen sehr positiv – das NPPV-Projekt ist bisher sehr erfolgreich“, berichtet der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt-PP). Der in Aachen niedergelassene Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie hat selbst an dem Netzwerktreffen teilgenommen – das NPPV-Projekt liegt ihm am Herzen (siehe auch 3 Fragen an ...).

Austausch auf Netzwerktreffen

Auch Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), zeigt sich gegenüber PP vom Erfolg des Projekts überzeugt: „Die berufsgruppenübergreifende Behandlung wird entscheidend verbessert. Bei den Netzwerktreffen ist das Interesse sich auszutauschen und Patienten gemeinsam zu behandeln sehr groß. Diesen Austausch gibt es in der Regelversorgung meist nicht.“ Die ebenfalls in Aachen niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin gehört mit Bergmann zu den Gründungsinitiatoren des Projekts.

Die KV Nordrhein und die Managementgesellschaft IVPNetworks erproben mit dem NPPV-Projekt eine berufsgruppenübergreifend vernetzte, gestufte und koordinierte Versorgung schwer neurologisch und psychisch kranker Patienten. IVP übernimmt dabei die Koordination innerhalb der Netzwerke und stellt ein digitales Dokumentationssystem bereit. Das Versorgungsmodell wird über vier Jahre vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss mit knapp 13 Millionen Euro gefördert. Eine begleitende wissenschaftliche Evaluation untersucht, ob sich die neue Versorgungsform zur Regelversorgung eignet. Teilnehmen können Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg, der BKK Deutsche Bank und der Continentale BKK. Beim 14. Kongress für Gesundheitsnetzwerker Anfang April in Berlin gewann das NPPV-Projekt den Hauptpreis 2019: „Innovativ, berufsübergreifend, digital“, so lautete die Begründung.

Den Patientinnen und Patienten wird jeweils ein fester Bezugsarzt oder -psychotherapeut an die Hand gegeben, der ihre Versorgung bei Bedarf mit den anderen Fachgruppen koordiniert sowie Gruppenangebote und Online-Interventionen einbinden kann. Es ist immer der Facharzt oder Psychotherapeut, der mit dem jeweiligen Krankheitsbild am vertrautesten ist. Der Bezugsarzt/-therapeut orientiert sich dann an leitlinienbasierten Behandlungspfaden, die über eine digitale Versorgungslösung abgerufen werden können. Mit 51 Prozent sind schwere Depressionen der häufigste Einschreibegrund, gefolgt von psychotischen Störungen, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Schlaganfall, Demenz und Traumafolgestörungen.

Mehr Honorar im Vertrag

Auch den Hausärzten kommt eine wichtige Rolle zu: Sie sollen die passenden Patienten identifizieren und in den NPPV-Vertrag einsteuern. Dafür werden sie entsprechend vergütet. „Bei den Hausärzten wird NVVP langsam bekannter“, sagt der KV-Vorstandsvorsitzende. Die am Vertrag beteiligten Ärzte und Psychotherapeuten erhalten ebenfalls als Anreiz mehr Honorar.

Im Rahmen des NPPV-Versorgungsmodells gibt es die Möglichkeit, Patienten bei akuter Erkrankung in dichterer Frequenz zu sehen und diese 10- bis 20-minütigen Gesprächstermine auch zusätzlich zur Regelversorgung vergütet zu bekommen: „intensivierte ambulante Komplexbehandlung“ nennt sich das im Vertrag. „Das wird von den Fachärzten sehr positiv konnotiert“, berichtet Bergmann. „Wir können so endlich intensiver mit Psychose-, Parkinson- oder Demenzkranken und ihren Angehörigen arbeiten.“ Die Psychotherapeuten haben mit der Akutbehandlung, die 2017 mit der Strukturreform der ambulanten Psychotherapie implementiert wurde, bereits ein vergleichbares Instrument in der Regelversorgung.

Bei Bedarf soll der Bezugsarzt oder -psychotherapeut auch niederschwellige ambulante Gruppenangebote in die Behandlung integrieren. Über 100 niedrigschwellige Gruppen gibt es bislang, beispielsweise offene Gesprächsgruppen, neurologische oder psychische Edukationsgruppen, Gruppen für Angehörige von Demenzkranken oder Ressourcenorientierte Gruppen für Patienten mit Depressionen. „Damit kann man den Patienten schnell ein Versorgungsangebot machen, unabhängig davon, ob später zum Beispiel noch eine Richtlinienpsychotherapie erfolgen muss“, erläutert Bergmann. Die Gruppen sind über die Region gut verteilt und erreichbar – weitere sind geplant. „Die Gruppen werden gut angenommen“, sagt DPtV-Vorsitzende Lubisch. „Und gerade bei depressiven Patienten ist eine Kombination von Einzeltherapie und Gruppe sehr hilfreich.“ Als „kleines Hemmnis“ bezeichnet sie, dass sich nur Versicherte der drei teilnehmenden Krankenkassen, also hauptsächlich AOK-Patienten, in die Gruppen einschreiben können. „Manchmal sei es deshalb schwierig, Gruppen zusammenzustellen, berichten die Kollegen“, so Lubisch.

Online-Intervention paralell

Als „sinnvolles Instrument“ bezeichnet die Psychotherapeutin auch den möglichen Einsatz der Online-Intervention „novego“ für Patienten mit Angststörungen, Depressionen, aber auch bei somatischer Indikation mit depressiver komorbider Symptomatik. Etwa die Hälfte der eingeschriebenen Patienten nutzt das E-Mental-Health-Tool. Hilfreich sei das Tool, weil es begleitend zur Behandlung eingesetzt wird. „Man muss die Patienten in der Therapie darauf ansprechen, damit sie am Ball bleiben“, sagt Lubisch. Wenn man sie damit alleine lasse, sei der Effekt deutlich geringer. „Das bestätigen auch wissenschaftlich Studien“, sagt Lubisch.

Eine große Entlastung vor allem bei der Koordination bietet das Netzwerkmanagement von IVPNetworks. Deren Mitarbeiter organisieren die zwei- bis dreimal im Jahr stattfindenden Netzwerktreffen an verschiedenen Orten in der Region Nordrhein. Sie bringen die Patienten bei Bedarf bei dem Kollegen der anderen Fachgruppe unter und füllen praxisübergreifend die Gruppen. „Die Netzwerkmanager kümmern sich um all das, was im Praxisalltag auf der Strecke bleibt – das ist eine große Unterstützung“, erläutert die DPtV-Vorsitzende. Darüber hinaus stellt das Netzwerkmanagement mit der webbasierten Software IVPnet eine digitale Versorgungslösung bereit, mit der der Arzt oder Psychotherapeut anhand leitlinienbasierter Behandlungspfade durch die Patientendokumentation geführt wird. „Damit wird nichts wesentliches vergessen, was dem Patienten helfen könnte. Und die Software ist einfach zu bedienen, die Rückmeldungen der Kollegen sind sehr positiv“, erläutert der KV-Vorstandsvorsitzende Bergmann. Petra Bühring

Foto: FotoHiero
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3 Fragen an . . .

Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Wie ist die Idee für das NPPV-Projekt entstanden?

Primär haben wir das Projekt vor zehn Jahren mit der Vertragswerksatt der KBV entwickelt. Uns war wichtig, die Gräben der Berufsgruppen zu überwinden und zu kooperieren. Wir wollten ein System aufbauen, in dem die Aufgaben untereinander so effizient strukturiert sind, dass alle Patienten versorgt werden können. Dazu war es auch nötig, alle berufspolitischen Narzissmen hintanstellen und vom Patienten aus zu denken.

Eine intensivierte Komplexbehandlung spielt in dem Modell eine wichtige Rolle ...

Zu einem bio-psycho-sozialen Konzept gehört, dass neben Pharmako- und Richtlinientherapie auch häufigere Kontakte und niedrigschwellige Angebote möglich sind. Wir fordern schon lange eine Komplexbehandlung, wie sie in den Psychiatrischen Institutsambulanzen bereits angeboten wird. Vergleichbare Möglichkeiten brauchen wir in der ambulanten Versorgung.

Ist das Modell eine Vorlage für die Weiterentwicklung der Regelversorgung?

Absolut, es ist eine Blaupause dafür. Eine strukturierte gestufte Versorgung für schwer psychisch Kranke sollte regelhaft entwickelt werden. Den Patienten darf dabei aber nicht der Primärzugang zur Psychotherapie oder anderen Fachgruppen weggenommen werden – es gab dazu missverständliche Formulierungen des Gesetzgebers. Die Versorgung muss innerhalb des Systems besser strukturiert werden, damit die Patienten schneller die Expertise bekommen, die sie benötigen.

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