ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Klimawandel: Kein Thema für die Therapiestunde

POLITIK: Kommentar

Klimawandel: Kein Thema für die Therapiestunde

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 354

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Ausbildungskandidaten engagieren sich mit der Initiative „Psychotherapists/Psychologists for Future“ für den Klimaschutz. Dagegen gibt es Bedenken.

Dr. phil. Gerald Mackenthun, Autor und Psychotherapeut
Dr. phil. Gerald Mackenthun, Autor und Psychotherapeut

Vor Kurzem wandte sich eine Gruppe von Ausbildungskandidaten der Psychotherapie an offenbar alle Ausbildungsinstitute in Deutschland mit der Bitte, ihre Initiative „Psychotherapists/Psychologists for Future“ zu unterstützen. Ihr Vorbild ist die Bewegung „Fridays for Future“. Die Initiative will diese Bewegung unterstützen, unter anderem durch eine „Verwandlung von Angst in aktive Veränderungsprozesse“. Die Initiatoren betreiben eine eigene Webseite: https://psychologistsforfuture.org/de/.

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Die Klimaerwärmung wird von vielen als Faktum erkannt. Der Streit dreht sich eher um die Ursachen – Kohlendioxid-Anstieg, vermehrte Methan-Emissionen, Sonnenflecken-Aktivitäten? – und um die geeigneten Gegenmaßnahmen. Alle Aktionen und Maßnahmen, die der Klimaerwärmung entgegenwirken können, sind grundsätzlich zu begrüßen und zu unterstützen. Dennoch sind gegen die Initiative der Ausbildungskandidaten einige Bedenken angebracht.

Ein erster Einwand richtet sich gegen die Annahme der Initiatoren, nur die Leugner einer Klimaveränderung würden jene bekannten psychischen Verhaltensweisen an den Tag legen, die Abwehr und Verdrängung genannt werden. Doch Verleugnung und Verdrängung und alle anderen Abwehrmechanismen treten ubiquitär auf. Es ist leicht nachzuweisen, dass auch Klima-Aktivisten nicht das gesamte Spektrum der Wirklichkeit im Auge haben. Ginge es wirklich darum, die Klimaerwärmung zu begrenzen, so müssten die fast emissionsfreien Kernkraftwerke länger laufen und neue gebaut werden. Es müsste die Kohlendioxid-Verpressung in den Untergrund forciert und die Grüne Gentechnik freigegeben werden, letztere, um schneller als mit herkömmlichen Methoden hitze- und trockenresistente Pflanzen zu züchten. Die angebliche Verdrängung und Verleugnung ließe sich auch damit erklären, dass in Deutschland und Europa die Auswirkungen einer Klimaerwärmung bislang kaum spürbar sind. Der Klimawandel wird in verschiedenen Teilen der Erde unterschiedliche Effekte haben. In Deutschland wird man eher wenig davon bemerken.

Ein zweiter Einwand betrifft die Konsequenzen der Initiativen. Gerade Psychologen, so heißt es dort, könnten dabei helfen, kollektive Abwehr aufzudecken und zu überwinden. „Menschen zu Verhaltensänderungen in Richtung eines zunehmenden Umwelt- und Klimabewusstseins zu bewegen, ist ein psychologisches Problem“. Wenn damit gemeint ist, dass Psychotherapeuten das Thema Klimaerwärmung aktiv in die Therapien einbringen, so muss dies abgelehnt werden. Die Themen einer Therapie haben sich primär nach den Wünschen und Bedürfnissen der Patienten zu richten. Selbsteffizienz und Handlungskontrolle sind gewiss wichtige Teilziele eine Therapie. Sie dürfen aber nicht unter dem Primat der aktuellen Klimadebatte stehen.

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