ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Architektur Kinder- und Jugendpsychiatrischer Kliniken: Höheres Commitment – geringere Aggressivität

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Architektur Kinder- und Jugendpsychiatrischer Kliniken: Höheres Commitment – geringere Aggressivität

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 358

Sonnenmoser, Marion

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Die Gestaltung einer psychiatrischen Klinik durch Licht, Farben, Raum- und Kommunikations- elemente sowie dem Zugang zur Natur kann die Genesung unterstützen. Psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche profitieren davon besonders.

Farben, Comicfiguren, natürliche Materialien wie Holz und Wolle sowie Lichteffekte schaffen eine einladende Atmosphäre. Foto: Clienia Littenheid AG
Farben, Comicfiguren, natürliche Materialien wie Holz und Wolle sowie Lichteffekte schaffen eine einladende Atmosphäre. Foto: Clienia Littenheid AG

Das räumliche Umfeld spielt neben der Therapie eine bedeutende Rolle für den Genesungsprozess von körperlich oder psychisch Kranken. Diese Erkenntnis wird von zahlreichen Studien gestützt, die zeigen, dass beispielsweise bestimmte Lichtintensitäten, Farben, Raumelemente oder Zugang zur Natur das Wohlbefinden von Patienten erhöhen und therapeutische Prozesse unterstützen. Wie Architektur in psychiatrischen Kliniken für Kinder und Jugendliche zu diesem Zweck eingesetzt werden kann, wird im Folgenden exemplarisch dargestellt.

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Wissenschaftler verschiedener Disziplinen um Prof. Dr. med. Oliver P. Fricke, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Witten/Herdecke, vertreten die Meinung, dass das Umfeld in psychiatrischen Kliniken den besonderen Bedürfnissen der jungen Patienten entsprechen und ihre soziale, emotionale, motorische und intellektuelle Entwicklung fördern sollte. Dabei sollte es den Patienten gleichzeitig Transparenz und Schutz, Offenheit und Privatsphäre bieten. Wichtige Bestandteile der baulichen Gestaltung von Kinder- und Jugendpsychiatrien sind laut den Autoren:

  • Der Empfangsbereich sollte mit Tageslicht, warmen Farben und natürlichen Materialien wie Holz gestaltet sein, um die Patienten willkommen zu heißen, ihnen einen positiven ersten Eindruck zu vermitteln und ihnen das Gefühl zu geben, angenommen zu werden.
  • Altersgerechte Orientierungshilfen in Form von Farben und Symbolen auf dem Boden und an den Wänden helfen den Patienten, sich von Anfang an zurechtzufinden und selbstständig in der Station unterwegs zu sein.
  • Die Räumlichkeiten sollten so gestaltet sein, dass sich die Patienten einerseits zurückziehen können und andererseits sozialer Austausch stattfinden kann. Die Patienten sollten die Gelegenheit haben, ihr persönliches Umfeld mitzugestalten und sich anzueignen, etwa durch Fotos oder Zeichnungen.
  • Ein bestimmter Raum oder Bereich sollte für kreatives Tun freigehalten werden.
  • Der Außenbereich sollte einen einfachen und sicheren Zugang zur Natur und den Kontakt mit Sonne, Wind und Pflanzen ermöglichen.
  • Tageslicht ebenso wie der Schutz vor UV-Strahlung und Blendung sollten ausreichend verfügbar und auf die Patienten abgestimmt sein.
  • Um den Bewegungsbedürfnissen der jungen Patienten gerecht zu werden, sollten Innen- und Außenbereiche zur Verfügung stehen, in denen sie ungefährdet rennen, toben oder klettern können.

Diese Gestaltungsprinzipien wurden teilweise von einem Team aus Architekten, Gesundheits- und Verwaltungsexperten am Chaim Sheba Medical Center in Tel-Hashomer, Israel, entwickelt. Diese psychiatrische Klinik leistete in den 1990er- Jahren diesbezüglich Pionierarbeit und hat immer noch Vorbildcharakter.

Ein Beispiel für ein Raum- und Kommunikationskonzept in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das Farben, Formen, Materialien, Grafiken und Raumgestaltung vereinigt, ist „Burg Lino“ an der Clienia Littenheid, Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Littenheid (Schweiz). Das Konzept zielt unter anderem darauf ab, den Genesungsprozess von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen und den stationären Aufenthalt zu erleichtern. Eingeführt wurde das Konzept 2012, als ein Haus auf dem Klinikgelände zur „Burg Lino“ ernannt wurde, in der verschiedene Tiere und Fabelwesen wohnen. Für jede Station im Haus steht ein Charakter oder Schutzpatron mit einer eigenen Geschichte, der eine psychiatrische Symptomatik zugeordnet ist (zum Beispiel Depression, ADHS, Borderline-Störung). Der Hauptschutzpatron ist der Burgdrache „Lino“, der den Patienten hilft und mit Rat zur Seite steht. Er ist nicht zu sehen, hinterlässt aber Spuren, etwa durch Sprechblasen oder Fußspuren an den Wänden.

Beispielhaftes Konzept

Darüber hinaus hilft ein Farbcode bei der Orientierung, Lichteffekte schaffen eine angenehme Atmosphäre, Grafiken zieren die Wände und interaktive Elemente ermöglichen es den Patienten, zu kommunizieren und zu gestalten. Außerdem erleichtern Comics und Geschichten rund um die „Burg Lino“ den Patienten den Beginn, den Verlauf und die Beendigung der stationären Behandlung. Eine Evaluation des Konzepts kam zum Ergebnis, dass die Anzahl stationärer Aufnahmen und die Belegung seither signifikant zugenommen haben, während die Verweildauer und der Anteil der Behandlungstage unfreiwilliger Aufnahmen im fakultativ geschlossenen Bereich abnahmen. Die Autoren um Prof. Dr. med. Lars Höckel an der Clienia Littenheid führen diese Veränderungen auf ein höheres Commitment, eine höhere Akzeptanz und geringere Aggressivität bei den Patienten sowie auf eine höhere Motivation und Zufriedenheit bei den Mitarbeitern zurück.

Über positive Wirkungen architektonischer Neugestaltungen einer psychiatrischen Klinik berichten auch Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Tim Rohe von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Tübingen und Kollegen. Sie begleiteten den Umzug einer psychiatrischen Klinik im Jahr 2011 in einen architektonisch positiver gestalteten Neubau und erhoben vorher und nachher die Häufigkeit und Dauer von Zwangsmaßnahmen (Fixierungen, Zwangsmedikationen, fürsorgliche Zurückhaltungen) wegen Eigen- und Fremdgefährdung bei erwachsenen Patienten. Im Gegensatz zum Altbau verfügt der Neubau über helle Zimmer mit viel Tageslicht, die konisch angelegten Flure münden in einen großen Aufenthaltsbereich und in die Sozialbereiche und bei der Farbgebung wurden akzentuiert warme und helle Farbtöne verwendet. Nach dem Umzug reduzierte sich die Anzahl der fixierten Patienten um 50 Prozent, die durchschnittliche Dauer der Fixierungen um 52 Prozent, der Einsatz von Zwangsmedikation um 84 Prozent und die Anzahl fürsorglicher Zurückhaltungen um 48 Prozent. Die Autoren gehen davon aus, dass die baulichen Veränderungen einen günstigen Rahmen für Behandlungen und Interaktionen schufen. Das führte unter anderem zu einer subjektiv verbesserten Befindlichkeit der Patienten und des Personals sowie zu einer Verbesserung der Beziehungen der Patienten untereinander und zum Personal.

Architektonische Gestaltungsmaßnahmen unterstützen jedoch nicht nur den Genesungsprozess und die therapeutische Arbeit, reduzieren Zwangsmaßnahmen und erleichtern die stationären Abläufe, sondern tragen auch zur Suizidprävention bei. Hierbei wird zwischen baulichen Restriktionen und atmosphärisch-therapeutischen Maßnahmen unterschieden:

Bauliche Restriktionen sollen laut Prof. Dr. med. Katja Becker vom Universitätsklinikum Marburg und Kollegen die Verfügbarkeit von Suizidmethoden reduzieren. Suizide durch Erhängen und Stürze in die Tiefe können zum Beispiel durch die Einschränkung von Sprung- und Strangulationsmöglichkeiten verhindert werden. Ferner dienen Fenstersicherungen, das Verbot potenziell gefährlicher Gegenstände, Durchsuchungen oder die Vermeidung von Depot- und Versteckmöglichkeiten diesem Zweck.

Antisuizidales Milieu

Atmosphärisch-therapeutische Maßnahmen tragen zur Schaffung eines antisuizidalen Milieus bei. Gestaltungsziele bestehen zum Beispiel in der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse von Patienten (zum Beispiel Schutz, Kommunikation), in der Vermeidung von Stress (zum Beispiel durch Lärm, Geruch, Enge, Zwangskontakte, Hitze, zu viele oder zu wenige Reize) oder in Möglichkeiten zur positiven Ablenkung (zum Beispiel durch den Aufenthalt in der Natur, Bewegung und Sport) beziehungsweise zu positiven physiologischen Wirkungen (zum Beispiel durch Licht).

Grundlage der baulichen Suizidprävention sollte nach Becker die Auseinandersetzung mit Arbeitsweisen der Klinik, den angebotenen Therapiekonzepten und den Nutzerbedürfnissen sein. Das architektonische Konzept muss folglich ganzheitlich und unter Einbezug der Mitarbeiter der Klinik entwickelt werden. Becker und Kollegen schreiben: „Bereits in der Planung einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik sollten sich Architekten und Bauplaner eng mit Ärzten, Therapeuten und Mitarbeitern des Pflege- und Erziehungsdienstes austauschen und restriktive Maßnahmen hinsichtlich Praktikabilität und funktionelle Abläufe abstimmen.“ Marion Sonnenmoser

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0819

1.
Becker K, Schmidtke A, Glasow N: Suizidpräventive Architektur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2019; 47 (1): 9–18.
2.
Fricke OP, Halswick D, Längler A, Martin DD: Healing architecture for sick kids. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2019; 47 (1): 27–33.
3.
Richter D, Hoffmann H: Architektur und Design psychiatrischer Einrichtungen. Psychiatrische Praxis 2014; 41 (3): 128–34.
4.
Wöckel L, Rung D, Bachmann S, Dietschi H, Wild D: Burg Lino – Ein innenarchitektonisches Konzept zur Verbesserung der stationären Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2019; 47 (1): 19–26.
1.Becker K, Schmidtke A, Glasow N: Suizidpräventive Architektur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2019; 47 (1): 9–18.
2.Fricke OP, Halswick D, Längler A, Martin DD: Healing architecture for sick kids. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2019; 47 (1): 27–33.
3.Richter D, Hoffmann H: Architektur und Design psychiatrischer Einrichtungen. Psychiatrische Praxis 2014; 41 (3): 128–34.
4.Wöckel L, Rung D, Bachmann S, Dietschi H, Wild D: Burg Lino – Ein innenarchitektonisches Konzept zur Verbesserung der stationären Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2019; 47 (1): 19–26.

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