ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Traumatherapie: Weg aus dem Opferdasein zur Vergebung

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Traumatherapie: Weg aus dem Opferdasein zur Vergebung

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 375

Weimer, Joachim

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Die Autorin und die beiden Autoren dieses Bandes beschäftigten sich mit dem Thema der Bearbeitung von Kriegstraumata, andauernden Feindseligkeiten und perpetuierendem Aufbrechen von Gewalt und Aggression im Rahmen mehrerer gruppenanalytischer Kongresse und Workshops. Daraus entstand 2013 die amerikanische Originalausgabe dieser Essaysammlung, die nun dankenswerterweise 2019 ins Deutsche übersetzt wurde.

Alle sind nicht nur ausgewiesene Experten auf diesem Gebiet, sondern auch selbst direkt Betroffene: Miriam Berger und Avi Berman sind israelische Psychoanalytiker, Ivan Urlic kroatischer psychoanalytischer Psychiater. Sie kennen selbst die Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen.

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Avi Berman beschäftigt sich im ersten Teil des Buches in drei Essays mit dem Opfererleben sowohl auf individueller wie auf kollektiver Ebene. Er setzt sich sensibel mit der Gefahr auseinander, dass erlittene Leidenserfahrung dazu missbraucht wird, nunmehr selbst Einfühlung in andere zu verweigern. Dies kann dazu führen, dass nun anderen – die selbst am Leid des Betroffenen unschuldig sind – Leid zugefügt wird. Miriam Berger beschäftigt sich im zweiten Teil mit dem Affekt der Rache, der in der Psychoanalyse kaum eine positive Lobby hat. Dem stellt sie – selbst eher in der Objektbeziehungstheorie beheimatet – gegenüber, dass Rachewünsche in der Traumatherapie ernst genommen werden müssen, da sie eine reale Grundlage haben: Die natürlichen Beziehungsbedürfnisse der Opfer wurden verletzt. Versöhnung ist nur möglich, wenn der Verursacher dies anerkennt und selbst auch Wiedergutmachung sucht. Wobei sie nicht davon ausgeht, dass Versöhnung unbedingt das Ziel jeder Therapie sein muss, was ich als sehr wohltuend empfinde.

In Teil 3 beschäftigt sich Ivan Urlic damit, wie Versöhnung ermöglicht werden kann. Er, wohl eher kleinianisch orientiert, hält es für notwendig, die Trauer über das Geschehene und auch das teilweise selbst Täter sein (müssen) zu verarbeiten, um Versöhnung zu ermöglichen.

Insgesamt ein hoch spannendes Buch für alle, die sich mit Trauma und narzisstischer Beeinträchtigung beschäftigen. Einziger Kritikpunkt: Ein wenig hätte man die Essays kürzen können, da die Grundideen immer wieder auftauchen. Joachim Weimer

Ivan Urlic, Miriam Berger, Avi Berman: Opferdasein, Rachsucht und die Kraft der Vergebung. Traumatherapie und Trauerarbeit auf psychoanalytischer Grundlage. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 402 Seiten, kartoniert, 39,90 Euro

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